Rot-Grün-Sehschwäche Grünbraun ist die Haselnuss

Alles ist subjektiv. Was für den einen grün ist, ist für den anderen braun, oder umgekehrt. Für Menschen mit Rot-Grün-Schwäche kann das zum Problem werden - vor allem beim Komplimentemachen.
Ishihara-Farbtafel: Sehtest für Farbfehlsichtigkeit

Ishihara-Farbtafel: Sehtest für Farbfehlsichtigkeit

Foto: Corbis

Ich konnte mich einfach nicht entscheiden: Beide Hemden saßen wie angegossen. Das eine dunkelgrau kariert, lässiger, weiter. Das andere linienbetont und mit hellgrauen Karos. Ich war sicher: Beide würden meiner Freundin total gut gefallen. Nur - welches sollte ich nehmen?

Ich nahm beide, obwohl das mein Schülerbudget stark strapazierte. "Steht dir sehr gut!", sagte sie, als ich ihr das dunkelgrau karierte Hemd vorführte. "Das Grün harmoniert total gut mit deiner Augenfarbe!"

Grün? Wieso grün? Das Hemd war doch grau. Ungläubig zog ich es aus, ging zum Fenster und hielt den Stoff ins Sonnenlicht. Ich kniff die Augen zusammen. "Ist es wirklich grün?", fragte ich ungläubig. Anja schaute mich verwirrt an. "Ja klar, das sieht man doch!" Ich schaute noch mal ganz genau hin. Jetzt, da ich es wusste, konnte ich es nicht mehr beschwören, dass die Karos wirklich grau waren. "Na ja", sagte ich. "Aber nur ganz ganz leicht. Und nur, wenn man ganz genau hinschaut." Sie schüttelte den Kopf: "Jens", sagte sie ruhig, "das Hemd ist knallgrün". Ich zuckte mit den Schultern, legte das grüngraue Hemd weg und zog das zweite an. "Auch sehr schön", sagte sie. Und mich mit festem Blick musternd, dann: "Und das Bordeaux-Rot ist echt toll."

Jetzt sehe ich rot und dunkel steigen Erinnerungen in mir hoch…

Ich sitze der Augenärztin gegenüber, auf meiner Nase habe ich gerade eine schwere provisorische Brille. Ich bin sieben Jahre alt. Neben mir sitzt meine Mutter. Die Ärztin zeigt auf eine Seite in dem Buch, das ich auf meinem Schoß habe. Dort sind mehrere Schwarzweiß-Fotos mit jeweils vier großen Fliegen abgebildet. Eine davon steht total cool 3-D-mäßig hervor, mal mehr, mal weniger. Ich zeige auf die 3-D-Fliege. Richtig. Die Augenärztin lächelt. Sie ist sehr nett.

Nur schwach, nicht blind

Dann schlägt sie das Buch weiter hinten auf. Jetzt sind dort bunte Kleckse aus vielen Farbtupfern zu sehen. "Was siehst du darin, Jens?", fragt sie mich. Ich schaue auf den ersten Klecks und kann deutlich eine Sieben erkennen. "Eine Sieben." Sie lächelt wieder und zeigt jetzt mit dem Finger auf den nächsten Klecks. "Und da?" - "43", sage ich. Ihr Finger wandert weiter. Ich schaue auf den dritten Klecks und sehe... bunte Farbtupfer. Aber keine Zahl. Ich blicke verwirrt zu ihr auf, dann wieder auf den Klecks. Nichts. Keine Zahl, nirgends. Nur Farbtupfer. Ich rate: "Vielleicht eine 16?", sage ich und schaue sie flehend an. Jetzt lächelt sie nicht mehr, nimmt mir das Buch weg und klappt es zu. Dann schaut sie meine Mutter an, die auch nicht mehr lächelt. "Mama", will ich fragen, "bin ich behindert?" Aber ich sage nichts und fühle mich behindert.

Nein, ich bin nicht rot-grün-blind, ich bin nur rot-grün-schwach (mehr zu Rot-Grün-Blindheit hier). Klingt aber auch nicht besser. Klingt irgendwie nach Schwachmat. Wie auch immer - mein Problem sind die Zwischentöne. Beige, Ocker, Rostrot, Weinrot, Lila, Violett und wie sie alle heißen. Hier mal eine Kostprobe.  

Das grüne Quadrat (Farbcode #00AA00) ist klar. Scrollen Sie mal ein wenig hinunter. Giftgrün (#00FF00) würde ich noch als grün unterschreiben, aber Olivgrün (#6B8E23) ist für mich braun, Jägergrün (#1B7677) blaumetallic und Blassgrün (#80885F) braungrau.

Vorsicht bei Komplimenten!

Mein Alltag ist weitestgehend unproblematisch. Richtig Probleme bekommt man mit meiner Behinderung eigentlich nur, wenn man anfängt, Frauen Komplimente zu machen. Zum Beispiel für ihre Augenfarbe. Meine Freundin habe ich zum Beispiel ziemlich verwirrt, als ich ihre grün-grauen Augen bewunderte und sie mich freundlich aber bestimmt darauf hinwies, dass sie blaue Augen habe. Auch meine lobende Hervorhebung ihres graubraunen Kleides, das sie am Abend unseres ersten Kusses anhatte, sorgte für Missverständnisse. "Jens, ich besitze kein graubraunes Kleid", sagte sie. "Es ist lila-grün-gelb gestreift." Wie würden Sie sich an meiner Stelle verhalten, wenn sie wieder mit einem neuen Mantel nach Hause kommt? Soll ich etwa sagen: "Schatz, der ist aber schön #1B7677-farben"?

Ich lebe in einem Universum der Brauntöne. Ich könnte nicht erkennen, ob eine Haselnuss unreif oder reif ist. Vor 30.000 Jahren hätte ein ahnungsloser Biss in eine grünbraune Nuss für meine degenerierte Genlinie das vorzeitige Aus bedeutet. Aber heute hätte ich eine famose Karriere beim Militär machen können: Laut einer Studie  soll ich nämlich ganz viele Khakitöne unterscheiden und mich von Tarnfarben nicht so leicht täuschen lassen können wie Normalsichtige. Dummerweise habe ich Zivildienst gemacht. Sonst wäre ich jetzt wahrscheinlich der Khaki-König von Kunduz.