Rückenschmerzen "All die Hängebäuche, das ist irre"

Bei Kreuzschmerzen kommt der Patient oft schnell in die Röhre oder wird voreilig operiert: Orthopäde Reiner Gradinger kritisiert die Therapiemethoden vieler Kollegen. Was Betroffenen helfen kann? Einfach mal die Luft anhalten.
Volksleiden Rückenschmerz: Mediziner bei der Behandlung

Volksleiden Rückenschmerz: Mediziner bei der Behandlung

Foto: Corbis

SPIEGEL ONLINE: Herr Gradinger, wie viele Rückenschmerzpatienten werden mit Methoden behandelt, für die es keinen ausreichenden Wirksamkeitsnachweis gibt?

Gradinger: Ich schätze 50 Prozent. Das kommt dem Patienten entgegen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Zur Person

Reiner Gradinger ist Professor für Orthopädie und Ärztlicher Direktor des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München. Er war Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie und litt selbst unter einem Bandscheibenvorfall.

Gradinger: Es gibt keine dramatischen Nebenwirkungen. Diese Verfahren bekämpfen zwar nicht die Schmerzursache. Aber der Patient hat das Gefühl, dass etwas passiert - schon allein das hat einen Effekt. Und er muss sich nicht mühen. Er kann sich meistens hinlegen und etwas geschehen lassen. Das ist nicht anstrengend, das mögen viele Patienten.

SPIEGEL ONLINE: Kann es vielleicht sein, dass viele Orthopäden bei unspezifischen Rückenschmerzen einfach irgendwas machen. Aber vor allem hoffen: Die Zeit heilt den Schmerz?

Gradinger: Genauso ist es in nicht wenigen Fällen.

SPIEGEL ONLINE: Der Arzt verdient gut und verkauft dem Patienten die Verfahren, die er gerade im Angebot hat?

Gradinger: Natürlich ist alles Mögliche im Angebot - und was im Angebot ist, wird verordnet. Das Wichtigste heutzutage ist der mündige Patient. Der ist erst mündig, wenn er gut informiert ist. Eines der größten Probleme in der Behandlung von Rückenschmerzen ist, dass zu viel bildgebende Diagnostik angewendet wird.

SPIEGEL ONLINE: Was soll schlecht daran sein, zu sehen, ob etwas kaputt ist?

Gradinger: Ich sehe viele Patienten, die von mir eine Zweitmeinung hören wollen, ob sie sich an der Wirbelsäule operieren lassen sollen. Meistens haben sie schon einen Stapel Bilder dabei. In 70 Prozent der Fälle ist eine übertriebene Diagnostik mit bildgebenden Verfahren gemacht worden. Viele Ärzte schauen sich die Patienten nicht gründlich an. Wenn jemand Kreuzschmerzen hat, fährt er sofort in die Röhre.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Folgen?

Gradinger: Auf den Bildern findet sich fast immer irgendwas, denn ab einem gewissen Alter hat jeder degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule: Die Dicke der Bandscheiben geht zurück, die eine oder andere wölbt sich Richtung Rückenmark. Dann heißt es: 'Das, was Sie hier sehen, ist die Ursache für Ihren Kreuzschmerz, mit einer Operation können wir das beseitigen.'

SPIEGEL ONLINE: Operieren Orthopäden also aus wirtschaftlichen Gründen so oft?

Gradinger: Natürlich ist eine Bandscheibenoperation lukrativer für den Arzt, als sechsmal Krankengymnastik aufzuschreiben. Operiert werden müssen nur echte Bandscheibenvorfälle, bei denen das Innere der Bandscheibe in den Wirbelkanal durchgebrochen ist und auf eine Nervenwurzel drückt. Und auch das muss man nur operieren, wenn Ausfälle wie Gefühlsstörungen, Blasenentleerungsstörungen oder Lähmungen auftreten.

SPIEGEL ONLINE: Bietet das Vergütungssystem für Ärzte falsche Anreize?

Gradinger: Vieles wird vergütet, was keinen Sinn ergibt, wie eine Menge bildgebende Diagnostik. Auf der anderen Seite wird vieles nicht vergütet, was sinnvoll wäre.

SPIEGEL ONLINE: Woran fehlt es?

Gradinger: Eine gute sprechende und rein klinische Medizin wird heute finanziell bestraft. In fünf Minuten kann man keine vernünftige Anamnese machen, denn alleine dafür bräuchte der Arzt eine Viertelstunde. Dazu eine gründliche klinische Untersuchung - dann ist man bei einer halben Stunde pro Patient. Das wird aber lediglich als ein Patientenkontakt vergütet - ob er fünf Minuten gedauert hat oder eine halbe Stunde.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben so viele Menschen heute Rückenschmerzen?

Gradinger: Wenn Sie durch die Straßen gehen, sehen Sie, dass es vielen Menschen an Rückenmuskulatur fehlt. All die Hängebäuche, das ist irre. Da ist kein Muskel - und dann hängt der Bauch vorne raus. Der Rücken muss dann das Gewicht des Bauchs halten, die Rückenmuskulatur schafft das nicht. So werden Sehnen und Bänder überlastet.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich dagegen tun?

Gradinger: Man muss sich stabilisieren. Eine Balance zwischen Bauch- und Rückenmuskulatur sollte erreicht werden. Es gibt ganz einfache Übungen: den Bauchnabel einziehen in Richtung Wirbelsäule, eine Minute halten, wieder lösen. Das nimmt Patienten sogar oft spontan Schmerzen. Ich persönlich fand Pilates super, weil es einen muskulären Aufbau macht und den Gleichgewichtssinn fördert. Aber jeder Sport ist besser als kein Sport.

SPIEGEL ONLINE: Manche Ärzte verbieten Rückenschmerzpatienten zu joggen...

Gradinger: Joggen ist nicht schlecht für den Rücken, im Gegenteil: Wenn man gut abrollt und nicht aufpatscht mit den Füßen, ist Laufen sehr gut. Ich hatte eine Bandscheibenoperation an der Lendenwirbelsäule und danach starke Verspannungen in der Rückenmuskulatur. Mittlerweile laufe ich zweimal in der Woche etwa eine Stunde. Seitdem habe ich keine Beschwerden mehr. Man kann durch Stärkung der Muskulatur Probleme beseitigen, deren Ursache man nicht genau kennt, weil man die Wirbelsäule stabilisieren kann.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.