Rheumatische Rückenschmerzen "Morgens sind sie am stärksten"

Chronische Rückenschmerzen können eine entzündliche Ursache haben. Doch oft dauert es viele Jahre, bis die Diagnose Morbus Bechterew gestellt ist. Der Rheumatologe Martin Rudwaleit erklärt, wie man die Symptome unterscheidet - und welche Therapie hilft.
Halswirbelsäule (Illustration): Entzündung der Gelenke und Wirbel erzeugt ein ganz bestimmtes Schmerzbild

Halswirbelsäule (Illustration): Entzündung der Gelenke und Wirbel erzeugt ein ganz bestimmtes Schmerzbild

Foto: Corbis
ZUR PERSON

Martin Rudwaleit, Rheumatologe am Endokrinologikum Berlin und Professor an der Charité, forscht über Morbus Bechterew und ist im bundesweiten Kompetenznetz Rheuma für entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen zuständig.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rudwaleit, viele Patienten mit chronischen Rückenschmerzen wissen nicht, dass ihre Beschwerden auch eine entzündliche Ursache haben können. Woran merkt man das?

Rudwaleit: Zu den Symptomen gehört, dass der tiefsitzende Rückenschmerz morgens am stärksten ist. Patienten sind dann zudem oft im unteren Rücken oder im Gesäß steif. Beide Symptome bessern sich im Tagesverlauf, wenn der Betroffene sich bewegt. Ruhephasen verschlechtern dagegen die Beschwerden. Das kann so weit gehen, dass Patienten sagen: "Wenn ich mal zwei Stunden sitze oder einen Mittagsschlaf halte, bin ich wieder total steif." Es dauert leider oft mehr als zehn Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet man entzündlichen von nicht-entzündlichem Rückenschmerz?

Rudwaleit: Bei 90 Prozent der Patienten beginnt die Bechterew-Erkrankung im Alter zwischen 25 und 45 Jahren im Becken oder der Lendenwirbelsäule. Man spürt einen schleichend zunehmenden, tiefsitzenden Schmerz, der von links nach rechts wandern kann. Das passiert nicht von einem auf den anderen Tag, sondern eher im Abstand von Monaten. Bandscheibenprobleme oder auch der Hexenschuss äußern sich dagegen in akutem Schmerz. Dieser ist auf einer Seite lokalisiert und strahlt jeweils in das gleiche Bein aus. Was bis zum Fuß ausstrahlt, ist in der Regel kein Bechterew, sondern eine Bandscheibenproblematik. Der Bechterew-Schmerz geht bis zum Oberschenkel oder Knie, nicht weiter.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt eine für Laien verwirrende Bezeichnung: Wann spricht man von axialer Spondyloarthritis und wann von Morbus Bechterew?

Rudwaleit: Es gibt ein Frühstadium, das man auf Kernspinbildern des Beckens in den angrenzenden Kreuzdarmbeingelenken erkennen kann, jedoch nicht auf Röntgenaufnahmen. Zu diesem Zeitpunkt spricht man von axialer Spondyloarthritis. Erst wenn man charakteristische Veränderungen an den Kreuzdarmbeingelenken auf dem Röntgenbild sehen kann, spricht man von Morbus Bechterew. Das Gelenk kann dann durch die Entzündung angefressen, es kann aber auch neues Knochenmaterial angelagert worden sein. Es ist ein An- und Abbau von Knochen, wobei langfristig die Knochenneubildung an der Wirbelsäule überwiegt. Diese kann dadurch verknöchern und steif werden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Betroffene veränderte Blutwerte?

Rudwaleit: Allgemeine Entzündungswerte sowie die sogenannte Blutsenkung  und die Konzentration des C-reaktiven Proteins  können, müssen jedoch nicht erhöht sein. Auch der Test auf das Gen HLA-B27 ist ein wichtiger Laborwert. Bei 80 bis 90 Prozent der Patienten mit axialer Spondyloarthritis kann er nachgewiesen werden. Aber: Ist man für diesen Marker positiv, heißt das noch lange nicht, dass man krank ist oder wird. Das Gen kommt bei fünf bis neun Prozent der Bevölkerung vor, 95 Prozent von ihnen bleiben gesund. Mit anderen Worten: Nur fünf Prozent der HLA-B27-Positiven entwickeln eine Spondyloarthritis.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es weitere Risikofaktoren?

Rudwaleit: Gehäuft treten bei Bechterew-Patienten eine Regenbogenhautentzündung am Auge auf, eine Entzündung des Ansatzes der Achillessehne oder auch der Fußsohlensehne an ihrem Ansatz an der Ferse. Weitere Risikofaktoren sind entzündete Gelenke, Schuppenflechte, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen - und wenn jemand in der Familie an Morbus Bechterew erkrankt ist.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet die Diagnose Morbus Bechterew für den Patienten?

Rudwaleit: Es ist nicht so, dass die Patienten alle schrecklich krumm werden. Es gibt milde Verlaufsformen, und es gibt Behandlungsmöglichkeiten. Ein Motto der Patientenorganisationen ist: Bechterew braucht Bewegung. Die Patienten, die wirklich schwer betroffen sind, sagen, es gehe ihnen deutlich besser, wenn sie jeden Tag 20 Minuten Gymnastik machen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es wirkungsvolle Medikamente?

Rudwaleit: Ja, vor allem aus der Gruppe der Nichtsterodialen Antirheumatika (NSAR) , das sind kortisonfreie, entzündungshemmende Wirkstoffe, wie etwa Beispiel Ibuprofen und Diclofenac. Sie sollten aber nur bei Schmerzen eingenommen werden. Für eine Dauertherapie gibt es momentan keine ausreichenden Gründe. Dafür wissen wir noch zu wenig.

SPIEGEL ONLINE: Ist es möglich, dass die Krankheit irgendwann mal wieder verschwindet?

Rudwaleit: So ist es, der Bechterew verläuft in vielen Fällen schubweise, mit mal mehr und mal weniger Entzündungsaktivität. Es gibt Menschen, die haben eine heftige Entzündung im Iliosakralgelenk, die verschwindet, entweder spontan oder unter Therapie. Bei manchen Patienten hinterlässt sie keine Spuren, die man im Kernspin erkennen könnte. Bei anderen sieht man dagegen, dass eine Entzündung stattgefunden hat. Oder sie zeigt sich, weil sie immer wieder auftritt, mit der Zeit auch im Röntgenbild.

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