Rückenschmerzen Alles muss raus

Möbelstücke, Gewohnheiten, Partner - hat man Rückenschmerzen, steht das halbe Leben zur Disposition: Quasi alles kommt als Ursache für die Pein in Betracht. Zeit, auszumisten. Nur warum gibt es keine unabhängige Sitzmöbel- und Matratzenforschung?
Schwer bepackt: Rückenschmerzpatienten durchforsten ihren Alltag ständig nach der Quelle ihrer Pein

Schwer bepackt: Rückenschmerzpatienten durchforsten ihren Alltag ständig nach der Quelle ihrer Pein

Foto: Corbis

80 Prozent der Deutschen haben in ihrem Leben Rückenschmerzen, 40 Prozent haben sie genau jetzt. Wer Rückenschmerzen hat, kann eigentlich nichts mehr richtig machen. Sitzen? Unnatürlich! Stehen? Schädlich! Laufen? Staucht! Liegen? Kontraproduktiv! Man bekommt sehr viele Tipps. Und es ist offensichtlich, dass das Leben kompliziert wird, wenn man all diese umsetzt oder es zumindest versucht.

Rückenschmerzpatienten durchforsten ihren Alltag ständig nach der Quelle ihrer Pein. Weil der Schmerz allgegenwärtig ist und quasi mit allem zusammenhängen kann, ist nichts davor sicher, als Auslöser ins Visier genommen und ausgemistet zu werden. Möbelstücke, Gewohnheiten, Partner - alles steht zur Disposition.

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Frederik Jötten:
Viel Rücken. Wenig Rat.

Wie ich der Ursache meiner Schmerzen auf die Spur kam. Ein Kreuz-Krimi.

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Am Anfang die Möbel. Ich tauschte zweimal meine Matratze - doch auch die Sieben-Zonen-Kaltschaum-Matratze, gelagert auf einem Lattenrost aus 42 Multi-Federleisten, die jeweils in einer flexiblen 3er-Kautschuk-Kappe steckten, hatte keinen schmerzlindernden Effekt. Zuerst dachte ich, ich hätte mit meinem Hintern die richtige Zone verpasst - dann sah ich, dass ich dafür schon komplett quer im Bett hätte liegen müssen, was ich aber nicht tat (mehr über die Wahl der richtigen Matratze lesen Sie hier).

Am Ende führte mich die Suche nach einer rückengerechten Liegeposition sogar ins Rotlichtmilieu: Auf der Such nach einem Hotel, in dem ich ein Wasserbett testen konnte, landete ich in einem Zimmer, das direkt oberhalb einer ehemaligen Stripbar lag. Aber auch nach einer Nacht auf dem schwappenden Laken - keine Besserung.

Vielleicht war doch nicht das Liegen, sondern das Sitzen schuld? Tatort Schreibtisch. Der alte Bürostuhl hatte zwar einige Möglichkeiten der Justierung - andererseits fehlten ihm auch einige und er war schon zehn Jahre alt. Kann so was ergonomisch sein? Also weg damit, her mit dem neuen Modell, dreimal so teuer. Der Bürostuhl hat eine kippbare Sitzfläche und eine dynamische Rückenlehne. Ergebnis: Leider bringt auch er keine Heilung. Aber Moment, da gibt es doch noch diese Sitzbälle! Im Orthopädiegeschäft warf mir der Verkäufer ein Exemplar von der Größe einer Waschmaschine zu - ich stellte ihm meinen Körper entgegen, wie ein Fußballtorwart, der sich ziemlich in der Ballgröße vertan hat.

Sitzball oder Holzschemel?

Ich platzierte den Sitzball vor meinem Schreibtisch. Aber wer mal einen Tag auf einem solchen Ding gesessen hat, weiß, wie sehr man sich nach einem einfachen Holzschemel sehnen kann. Ich erfuhr, dass so ein Gummiball eher ein Trainingsgerät ist, auf dem man zwischendrin mal 20 Minuten sitzen sollte. Ich brauchte den Bürostuhl also immer noch und hatte jetzt deshalb einen Sitzmöbelstau vor dem Schreibtisch. Und dieser Ball rollte immer genau dahin, wo er maximal im Weg war. Ich war manchmal kurz davor ihn abzustechen. Am Ende bekam er seinen Platz - auf einer Kommode in der Ecke.

Ist es nicht verrückt? Wir sitzen und liegen den größten Teil unseres Lebens - aber eine unabhängige Matratzen- und Bürostuhlforschung gibt es nicht. Wenn man sich neue Möbel kaufen will, um rückenfreundlich zu liegen und zu sitzen, stehen einem statt Forschern und Medizinern, Fachverkäufer und Hersteller zur Seite, die jeweils ihr Produkt als das beste preisen.

DIE RICHTIGE MATRATZE - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

Worauf sollte man beim Kauf einer Matratze achten?Machen die verschiedenen Zonen einer Matratze Sinn?Was ist von Wasserbetten zu halten?

Was mir blieb, war der ständige Wechsel zwischen Bürostuhl, Ball und Stehpult. Nachdem der Austausch der Möbel so wenig gebracht hatte, sah ich übrigens davon ab, auf Verdacht, Beziehungen zu beenden. Allein dazustehen, mit Rückenschmerzen und abgebrannt vom Möbelkauf, das war nun wirklich keine Option. Ich begab mich in die Hände von Ärzten und Therapeuten. Es sollte zehn Jahre dauern bis mir mit einfachen Mitteln geholfen wurde.

Nächste Woche lesen Sie an dieser Stelle: Was in der Behandlung von Rückenschmerzen falsch läuft.

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