HIV-Epidemie in Russland Irina schweigt, Marina kämpft

In Russland breitet sich HIV rasant aus. In Jekaterinburg trägt bereits jeder 50. Bewohner das Virus in sich. Beobachtungen anlässlich des Welt-Aids-Tags aus einer Stadt, in der Behörden abblocken und Infizierte ausgegrenzt werden.

imago/ ITAR-TASS

Aus Jekaterinburg berichtet


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Endlich spricht es jemand aus, denkt Irina. Es ist Anfang November, als sich in den Medien die Nachricht verbreitet: In Russlands viertgrößter Stadt grassiert eine HIV-Epidemie. Gemeint ist Jekaterinburg, eine Millionenstadt am Ural. 26.693 Infizierte meldet das örtliche Gesundheitsamt, damit trägt jeder 50. das Virus in sich.

Irina ist eine von ihnen. Ihren Nachnamen will die zierliche Frau nicht sagen. Lediglich ihre zwei Schwestern wissen, dass sie HIV-positiv ist - ihre Eltern, ihre Freundinnen nicht. Die meisten würden nicht glauben, dass es das Virus gibt, sagt die 33-Jährige und lacht. Es klingt bitter. Wenn HIV so gefährlich ist, müssten die Menschen doch sofort sterben wie bei einem schweren Verkehrsunfall, so die Logik. "Aber wir sind da und leben."

HIV-Infizierte Irina, sie will anonym bleiben
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HIV-Infizierte Irina, sie will anonym bleiben

Fünf Jahre ist es her, da ist sie schwanger, geht zu einem Frauenarzt. Der sagt: "Sie haben HIV." Ein Schock. Irina wird psychologisch betreut. Sie vermutet, dass ihr Partner sie angesteckt hat, er war im Tschetschenien-Krieg. Möglich, dass er dort Drogen genommen hat.

Antworten bekommt sie nie. Der Mann, ein Polizist, weigert sich, sich testen zu lassen, er verlässt Irina. Sie muss nicht nur einen Weg finden, "mit dem Stigma", wie sie es nennt, zu leben. Sie verliert auch ihre Tochter, die auf Grund eines Herzfehlers stirbt.

HIV ist in Russland längst nicht nur ein Problem von Risikogruppen wie Prostituierten und Drogensüchtigen, mit denen in Jekaterinburg alles begann. Im Swerdlowsker Gebiet, zu dem die Stadt gehört, steckten sich in den neun Monaten dieses Jahres 51,1 Prozent der HIV-Neuinfizierten durch Geschlechtsverkehr an. Der Großteil von ihnen sind Frauen. Fachleute sprechen vom Stadium einer generalisierten Epidemie, das Virus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Mehr als eine Million Bürger ist mit HIV infiziert. Russland belegt laut der Uno-Organisation Unaids Platz drei auf der Liste der Länder mit der höchsten Anzahl an Neuinfektionen. 2015 haben sich rund 95.000 Menschen angesteckt, so viele wie noch nie seit dem Beginn der Krankheit. Und das sind nur die offiziellen Zahlen.

Wadim Pokrowski, Leiter des Föderalen HIV-Zentrums in Moskau, glaubt, dass die Dunkelziffer weit höher liegt, bei bis zu 1,4 Millionen. Er spricht von einer "dramatischen Lage". Inzwischen warnt das Gesundheitsministerium öffentlich, die Gesamtzahl könne bis 2020 auf 2,5 Millionen HIV-Infizierte steigen.

So viel Offenheit gibt es im fast 1500 Kilometer östlich gelegenen Jekaterinburg nicht. "Was passiert, wenn wir die Fragen nicht beantworten?", fragt die Sprecherin des HIV-Zentrums. Ihr Kollege von der Gesundheitsbehörde geht da schon nicht mehr ans Telefon. Ohne das Einverständnis der Behörde darf das Zentrum keine Auskünfte über seine Arbeit geben.

Das Jekaterinburger Gesundheitsamt lehnt eine Stellungnahme ab. Man habe keine Epidemie ausgerufen, sondern nur die Lage erklärt, sagt die Vizeleiterin russischen Medien. Zuvor haben die Behörden das HIV-Problem jahrelang ignoriert. Empfehlungen von Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlugen sie aus.

"Verborgene Epidemie"

Marina Chalidowa musste fast zwei Jahrzehnte lang zusehen, wie sich das HI-Virus verbreitete. In den Neunzigerjahren, damals war sie noch als Ärztin bei einer örtlichen Behörde, habe sie auf die Entwicklung hingewiesen. "Ich musste mir Fragen anhören wie: Wollen Sie uns Angst einjagen?" Zur Behandlung von Opiumsüchtigen werben Experten wie Pokrowski für im Ausland bewährte Methadon- und andere Substitutionsprogramme. Doch Methadon ist seit 1997 in Russland verboten.

Marina Chalidowa
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Marina Chalidowa

Chalidowa gründete 1998 mit Kollegen die Nichtregierungsorganisation (NGO) "Nowoje Wremja", zu Deutsch: "Neue Zeit", sie verließ den Staatsdienst. In einem alten Haus in einem Hinterhof im Jekaterinburger Norden können HIV-positive Kinder und Frauen wie Irina Hilfe finden. Chalidowa schätzt, dass die nichtregistrierten Fälle, die "verborgene Epidemie", wie sie es nennt, sogar dreimal höher liegen als die offiziellen Zahlen. Vor allem Suchtkranke wollen sich häufig nicht testen und behandeln lassen. Diese Frauen zu erreichen, sei eine Aufgabe, die viel Geduld erfordere.

Hinzukommt, dass der Staat wenig zur Aufklärung beiträgt. Kürzlich hieß es aus dem staatsnahen Institut für Strategische Studien, dass "das HIV- und Aids-Problem als Element des Informationskrieges gegen Russland" verwendet werde. Die Kondom-Industrie ermutige junge Leute dazu, außerehelichen Sex zu haben. Das führe auch dazu, dass sich HIV ausbreite. Die russisch-orthodoxe Kirche befeuert diese Stimmung, nach der nur diejenigen geschützt seien, die treu seien.

"Veraltete, billigere Medikamenten mit vielen Nebenwirkungen"

Eine Therapie mit antiretroviralen Medikamenten ist in Russland kostenlos. Die WHO empfiehlt eine frühzeitige Behandlung. Doch gerade einmal 30 Prozent der Erkrankten werden behandelt, vor allem diejenigen, bei denen die Anzahl der CD4-Immunzellen schon gesunken ist, was bei Irina noch nicht der Fall ist. Doch die Qualität der Medikamente ist häufig schlecht. Andrej Skwortsow, Koordinator der Bewegung "Patienten-Kontrolle", sagt: "Das Schlimme ist, dass die Behörden veraltete, billigere Medikamente mit vielen Nebenwirkungen einkaufen. Sie nehmen das, was sie bekommen können."



2017 will der Staat den Einkauf wieder zentralisieren. Die Medikamente sollen erstmals zertifiziert werden - ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Skwortsow.

Chalidowa ist dagegen kritischer. Sie erlebt, wie der Staat NGOs schikaniert, bereits sieben wurden auf die Liste der "ausländischen Agenten" gesetzt. Das russlandweite Netzwerk Eswero gehört dazu, der Direktor ist mittlerweile im Ausland. Mitarbeiter anderer NGOs wollen nur anonym reden, aus Furcht. Chalidowas Organisation könnte die nächste auf der Liste sein, sie erhält auch Gelder von "Brot für die Welt".

Jekaterinburgs Bürgermeister Jewgenij Roisman ist der einzige Offizielle, der mit SPIEGEL ONLINE spricht. Er sagt, dass NGOs im Kampf gegen HIV wichtig seien, dass es aber kaum seriöse Organisationen gebe. Chalidowas NGO will er auf Nachfrage nicht kennen. Dabei setzt sie sich für diejenigen ein, um die es auch ihm geht: "die Kinder, die für all das nichts können".

Jewgenij Roizman
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Jewgenij Roizman

Roisman ruft zu Tests auf: "Jeder muss wissen, ob er positiv oder negativ ist". Die Stadt hat Videoaufrufe veröffentlicht, auf die auch die Gesundheitsbehörde in einer schriftlichen Antwort hinweist. Für die Jugendlichen denkt Roisman über eine Kampagne in sozialen Medien nach. Wie die aussehen soll? "Mir wird schon etwas einfallen."

Irina hofft, dass mehr Menschen erfahren, wie das Virus übertragen wird: "Als HIV-positive Frau wirst Du als Prostituierte oder Drogensüchtige abgestempelt." Sie wünscht sich einen Partner, Kinder. Einmal hat sie es gewagt, einem Mann von ihrer HIV-Infektion zu erzählen. "Er ist gegangen", sagt Irina. "Ich habe ihn nie wiedergesehen."


Zusammengefasst: Mehr als eine Million Russen sind HIV-positiv. 2015 steckten sich rund 95.000 Menschen an - so viele wie noch nie seit dem Beginn der Krankheit. In Jekaterinburg und Umgebung steigt die Zahl der Neuinfektionen jedes Jahr an, immer häufiger sind Frauen betroffen, so wie Irina, die vermutlich von ihrem damaligen Partner angesteckt wurde. Marina Chalidowa versucht, mit ihrer NGO infizierten Frauen und Kindern zu helfen - trotz der staatlichen Hindernisse.

Mitarbeit: Tatjana Böhm, Wladimir Schirokow; Grafiken: Chris Kurt, Aida Marquez Gonzalez

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