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23. Oktober 2013, 06:47 Uhr

Save-the-Children-Bericht

Wo die Überlebenschancen von Kindern steigen

Täglich sterben weltweit 18.000 Kinder vor ihrem fünften Geburtstag - an vermeidbaren Ursachen. Zwar sinkt die Kindersterblichkeit in Niger oder Ägypten, doch in vielen Ländern wie Marokko oder Haiti bleibt die Lage besorgniserregend.

London - Es gehört zu einem der ehrgeizigsten Millenniumsziele der Vereinten Nationen: Bis 2015 soll die Kindersterblichkeit aufgrund vermeidbarer Ursachen weltweit um zwei Drittel reduziert werden. Viel Zeit, dieses Ziel zu erreichen, bleibt nicht mehr.

Zwar macht der aktuelle Bericht der Kinderhilfsorganisation Save the Children Hoffnung, dass das Ziel tatsächlich in greifbare Nähe gerückt ist: Dem Report zufolge, der am Mittwoch in London unter dem Titel "Lives on the Line" ("Leben stehen auf dem Spiel") vorgestellt wird, hat sich die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren fast halbiert. Während 1990 noch zwölf Millionen Kinder aus vermeidbaren Gründen wie Unterernährung oder wegen fehlender Medikamente starben, waren es 2012 demnach noch 6,6 Millionen.

Doch der große Erfolg gilt nicht für alle Entwicklungsländer gleichermaßen. Zudem geht die Organisation davon aus, dass bei einer besseren Verteilung von Geldern vier Millionen Kinderleben zusätzlich hätten gerettet werden können. Das Problem sei, dass die zur Verfügung stehenden Gelder in vielen Entwicklungsländern nicht gleichmäßig in alle Bevölkerungsschichten verteilt würden, sagt Patrick Watt, der die weltweite Kampagne des Kinderhilfswerks leitet.

"Wir erzielen historische Erfolge im Kampf gegen den Tod von Kindern, aber dieser Erfolg vertuscht oft, dass gerade arme Kinder vernachlässigt werden - und in extremen Fällen sich ihre Situation sogar verschlechtert hat."

Insgesamt 75 Nationen wurden für den Bericht analysiert. Länder wie Niger oder Ruanda haben demnach große Fortschritte bei der Bekämpfung der Kindersterblichkeit gemacht. So sank die Anzahl der Todesfälle pro 1000 Geburten in Niger von 326 (1990) auf 114 (2012). "Das ist eine bemerkenswerte Leistung in einer Region mit der höchsten Kindersterblichkeitsrate der Welt", heißt es in dem Report, weshalb Niger auf dem ersten Platz der Länderrangliste von Save the Children landet.

Länder wie Haiti oder Papua-Neuguinea bilden das Schlusslicht der Rangliste. Für das Ranking berücksichtigten die Autoren nicht nur die Kindersterblichkeit unter fünf Jahren. Auch die Faktoren Gleichheit und Nachhaltigkeit flossen in die Bewertung mit ein, woraus eine Gesamtquote ermittelt wurde.

Einige Nationen wie Bangladesch, Bolivien oder Äthiopien haben demnach das Uno-Millenniumsziel bereits vor 2015 erreicht. 1990 lag die Sterblichkeitsrate dort bei mitunter mehr als 13 Prozent, in Liberia sogar bei 25 Prozent. Eine Reduktion um zwei Drittel können die Länder daher als großen Erfolg feiern.

Laut Save the Children sind die Fortschritte insbesondere der Ursachenbekämpfung zu verdanken: Noch heute sind zum Beispiel neun Prozent aller Todesfälle bei Kindern weltweit auf Durchfallerkrankungen zurückzuführen. Simple Maßnahmen wie der erweiterte Zugang zu Rehydrationssalzen und Zink sowie die Bereitstellung von Impfstoffen gegen Durchfallviren (Rotavirus-Impfung) haben die Kindersterblichkeit wegen Durchfall um mehr als die Hälfte gesenkt.

Trotz der Erfolgsbilanzen einzelner Länder bestehen weiterhin schwerwiegende Probleme. "Es besteht kein Anlass, sich zurückzulehnen", sagt Patrick Watt. Bezüglich des Millenniumsziels sei der Kampf gegen Kindersterblichkeit weltweit gesehen sogar leicht im Hintertreffen. Zu diesem Zwischenergebnis war auch jüngst die Uno gekommen.

Noch immer sterben täglich 18.000 Kinder vor ihrem fünften Geburtstag an vermeidbaren Ursachen. Und noch immer kommen laut Save the Children jährlich 2,9 Millionen Kinder in ihrem ersten Lebensmonat um. Ein Drittel aller betroffenen Neugeborenen stirbt an seinem ersten Lebenstag. Im Unterschied zur Kindersterblichkeit hat sich die Sterblichkeit von Neugeborenen sogar von 37 Prozent (1990) auf 44 Prozent (2013) erhöht.

Die größte Ursache der Kindersterblichkeit bleibt die Mangelernährung: 45 Prozent aller Todesfälle gehen darauf zurück. Weltweit sind 165 Millionen Kinder chronisch unterernährt. Die weltweite Rate der Mangelernährung, so Watt, sei weniger schnell rückläufig als die Sterblichkeitsrate. "Das macht uns Sorgen."

cib/dpa

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