Save-the-Children-Bericht Wo die Überlebenschancen von Kindern steigen

Täglich sterben weltweit 18.000 Kinder vor ihrem fünften Geburtstag - an vermeidbaren Ursachen. Zwar sinkt die Kindersterblichkeit in Niger oder Ägypten, doch in vielen Ländern wie Marokko oder Haiti bleibt die Lage besorgniserregend.

Mädchen in Indien: Mangelernährung bleibt Todesursache Nummer eins für Kinder in Entwicklungsländern
AP

Mädchen in Indien: Mangelernährung bleibt Todesursache Nummer eins für Kinder in Entwicklungsländern


London - Es gehört zu einem der ehrgeizigsten Millenniumsziele der Vereinten Nationen: Bis 2015 soll die Kindersterblichkeit aufgrund vermeidbarer Ursachen weltweit um zwei Drittel reduziert werden. Viel Zeit, dieses Ziel zu erreichen, bleibt nicht mehr.

Zwar macht der aktuelle Bericht der Kinderhilfsorganisation Save the Children Hoffnung, dass das Ziel tatsächlich in greifbare Nähe gerückt ist: Dem Report zufolge, der am Mittwoch in London unter dem Titel "Lives on the Line" ("Leben stehen auf dem Spiel") vorgestellt wird, hat sich die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren fast halbiert. Während 1990 noch zwölf Millionen Kinder aus vermeidbaren Gründen wie Unterernährung oder wegen fehlender Medikamente starben, waren es 2012 demnach noch 6,6 Millionen.

Doch der große Erfolg gilt nicht für alle Entwicklungsländer gleichermaßen. Zudem geht die Organisation davon aus, dass bei einer besseren Verteilung von Geldern vier Millionen Kinderleben zusätzlich hätten gerettet werden können. Das Problem sei, dass die zur Verfügung stehenden Gelder in vielen Entwicklungsländern nicht gleichmäßig in alle Bevölkerungsschichten verteilt würden, sagt Patrick Watt, der die weltweite Kampagne des Kinderhilfswerks leitet.

"Wir erzielen historische Erfolge im Kampf gegen den Tod von Kindern, aber dieser Erfolg vertuscht oft, dass gerade arme Kinder vernachlässigt werden - und in extremen Fällen sich ihre Situation sogar verschlechtert hat."

Insgesamt 75 Nationen wurden für den Bericht analysiert. Länder wie Niger oder Ruanda haben demnach große Fortschritte bei der Bekämpfung der Kindersterblichkeit gemacht. So sank die Anzahl der Todesfälle pro 1000 Geburten in Niger von 326 (1990) auf 114 (2012). "Das ist eine bemerkenswerte Leistung in einer Region mit der höchsten Kindersterblichkeitsrate der Welt", heißt es in dem Report, weshalb Niger auf dem ersten Platz der Länderrangliste von Save the Children landet.

Save the Children - Rangliste

Die 10 oberen Länder Die 10 unteren Länder
1. Niger 66. Komoren
2. Liberia 67. Guatemala
3. Ruanda 68. Burma
4. Indonesien 69. Turkmenistan
5. Madagaskar 70. Philippinen
6. Indien 71. Lesotho
7. China 72. Marokko
8. Ägypten 73. Haiti
9. Tansania 74. Äquatorialguinea
10. Mosambik 75. Papua-Neuguinea

Quelle: Save the Children Report 2013

Länder wie Haiti oder Papua-Neuguinea bilden das Schlusslicht der Rangliste. Für das Ranking berücksichtigten die Autoren nicht nur die Kindersterblichkeit unter fünf Jahren. Auch die Faktoren Gleichheit und Nachhaltigkeit flossen in die Bewertung mit ein, woraus eine Gesamtquote ermittelt wurde.

Einige Nationen wie Bangladesch, Bolivien oder Äthiopien haben demnach das Uno-Millenniumsziel bereits vor 2015 erreicht. 1990 lag die Sterblichkeitsrate dort bei mitunter mehr als 13 Prozent, in Liberia sogar bei 25 Prozent. Eine Reduktion um zwei Drittel können die Länder daher als großen Erfolg feiern.

Laut Save the Children sind die Fortschritte insbesondere der Ursachenbekämpfung zu verdanken: Noch heute sind zum Beispiel neun Prozent aller Todesfälle bei Kindern weltweit auf Durchfallerkrankungen zurückzuführen. Simple Maßnahmen wie der erweiterte Zugang zu Rehydrationssalzen und Zink sowie die Bereitstellung von Impfstoffen gegen Durchfallviren (Rotavirus-Impfung) haben die Kindersterblichkeit wegen Durchfall um mehr als die Hälfte gesenkt.

Trotz der Erfolgsbilanzen einzelner Länder bestehen weiterhin schwerwiegende Probleme. "Es besteht kein Anlass, sich zurückzulehnen", sagt Patrick Watt. Bezüglich des Millenniumsziels sei der Kampf gegen Kindersterblichkeit weltweit gesehen sogar leicht im Hintertreffen. Zu diesem Zwischenergebnis war auch jüngst die Uno gekommen.

Fortschritte im Kampf gegen Kindersterblichkeit

Land Reduzierung der Kindersterblichkeit Uno-Milleniumsziel
Bangladesch 72 % erreicht
Malawi 71 % erreicht
Nepal 71 % erreicht
Liberia 70 % erreicht
Tansania 68 % erreicht
Timor-Leste 67 % erreicht
Äthiopien 67 % erreicht
Bolivien 66 % wesentlicher Fortschritt
Bhutan 66 % wesentlicher Fortschritt
Eritrea 65 % wesentlicher Fortschritt
Niger 65 % wesentlicher Fortschritt
Ruanda 65 % wesentlicher Fortschritt
Madagaskar 64 % wesentlicher Fortschritt
Mosambik 61 % wesentlicher Fortschritt
Uganda 61 % wesentlicher Fortschritt

Quelle: Save the Children Report 2013

Noch immer sterben täglich 18.000 Kinder vor ihrem fünften Geburtstag an vermeidbaren Ursachen. Und noch immer kommen laut Save the Children jährlich 2,9 Millionen Kinder in ihrem ersten Lebensmonat um. Ein Drittel aller betroffenen Neugeborenen stirbt an seinem ersten Lebenstag. Im Unterschied zur Kindersterblichkeit hat sich die Sterblichkeit von Neugeborenen sogar von 37 Prozent (1990) auf 44 Prozent (2013) erhöht.

Die größte Ursache der Kindersterblichkeit bleibt die Mangelernährung: 45 Prozent aller Todesfälle gehen darauf zurück. Weltweit sind 165 Millionen Kinder chronisch unterernährt. Die weltweite Rate der Mangelernährung, so Watt, sei weniger schnell rückläufig als die Sterblichkeitsrate. "Das macht uns Sorgen."

cib/dpa

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
laolu 23.10.2013
1. Irgendetwas stimmt hier nicht.
Zitat von sysopAPTäglich sterben weltweit 18.000 Kinder vor ihrem fünften Geburtstag - an vermeidbaren Ursachen. Zwar sinkt die Kindersterblichkeit in Niger oder Ägypten, doch in vielen Ländern wie Marokko oder Haiti bleibt die Lage besorgniserregend. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/save-the-children-report-2013-kindersterblichkeit-weltweit-halbiert-a-929353.html
Die abgedruckte Rangliste führt Indien an siebter Stelle. Das kann ich nachvollziehen, habe ich doch vor kurzem erst ein Interview mit einem hohen indischen Regierungsmitarbeiter gelesen, in dem von 1,7 Millionen verhungerten indischen Kindern im Jahre 2011 die Rede war. Nun folgt in dieser Rangliste aber direkt darauf China auf Platz 8. Demnach müssten in der Volksrepublik 2011 eine ähnlich hohe Zahl von Kindern zu Tode gekommen sein. Das ist eine Zahl, die mir absolut unglaubhaft vorkommt. Leider gibt die Website savethechildren.net dazu nichts her.
s342 23.10.2013
2.
Sehr schlimm, so etwas zu lesen. Trotzdem finde ich die Maßnahmen, die ergriffen werden, komplett falsch. Das eigentliche Problem liegt an der Bildung. Wenn man heute Kinder mit Impfungen&Essen&Geld vor dem Tod bewahren kann, dann sind es morgen gleich doppelt so viele - weil sich an den eigentlichen Problemen nichts getan hat. Anstatt den Ländern irgendwelche Hilfsmittel zu geben, wäre es viel wichtiger, die Bildung dort voranzutreiben (z.B. Bau und Finanzierung von Schulen). Das würde die Geburten- und letztendlich auch die Sterblichkeitsrate senken.
rkinfo 23.10.2013
3. Mangelernährung bei Kind und Mutter/Eltern
Nicht nur die Kinder haben mangelhafte Ernährung sondern auch die Mütter. Wobei hier stark saisonale Effekte und schlechte Lagermöglichkeit bei Lebensmittel von Bedeutung sind. Gleichzeitig gibt es die EU-Landwirtschaft welche praktisch jede beliebige Nahrungsmenge zu jedem gewünschten Zeitraum liefern könnte. Angesichts der überschaubaren Nahrungsmenge für Schwangere und Kleinkinder wirklich easy. Es wird Zeit dass die Welt per EU-Bauern und EU-Agrarlogistik das Elend der Kinder beendet.
and_one 23.10.2013
4. Schön – ein hehres Ziel wird erreicht – und was dann?
Was heißt das für die Bevölkerungsentwicklung, die Ernährungssituation, die medizinische Versorgung, das Bildungssystem und die Wirtschaft in den jeweiligen Ländern? Welche Chancen haben die Kinder dann als Erwachsene? Da wird das Pferd wieder von hinten aufgezäumt! Andersherum wird ein Schuh daraus: Wenn eine Gesellschaft funktioniert, nimmt die Kindersterblichkeit ab und auch die Geburtenraten passen sich von alleine an.
jj2005 23.10.2013
5. China direkt hinter Indien??
Zitat von laoluDie abgedruckte Rangliste führt Indien an siebter Stelle. Das kann ich nachvollziehen, habe ich doch vor kurzem erst ein Interview mit einem hohen indischen Regierungsmitarbeiter gelesen, in dem von 1,7 Millionen verhungerten indischen Kindern im Jahre 2011 die Rede war. Nun folgt in dieser Rangliste aber direkt darauf China auf Platz 8. Demnach müssten in der Volksrepublik 2011 eine ähnlich hohe Zahl von Kindern zu Tode gekommen sein. Das ist eine Zahl, die mir absolut unglaubhaft vorkommt. Leider gibt die Website savethechildren.net dazu nichts her.
Die MDG-Datenbasis der UN (hier (http://mdgs.un.org/unsd/mdg/Data.aspx)) listed Indien mit 61/1000 Kindern unter 5 Jahren, China mit 15, also ein Viertel. Da sollte man wirklich mal nachfragen. Bei der Hauptursache, Unterernährung, "führt" Indien mit 43.5% der Kinder (2006 - aber nur 17% der Erwachsenen!!), für China sind es nur 3.6% (2010).
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