Mythos oder Medizin Schadet es, Nieser zu unterdrücken?

Zeit meines Lebens bin ich von Menschen umgeben, die beim Niesen einen Riesenlärm veranstalten und behaupten, es sei ungesund, Nieser zu unterdrücken. Der Druck könne beispielsweise das Trommelfell beschädigen. Was ist dran, fragt Elka Sloan aus Frankfurt am Main.
Hatschi: Über winzige Tröpfchen gelangen die Krankheitserreger in die Körper anderer Menschen

Hatschi: Über winzige Tröpfchen gelangen die Krankheitserreger in die Körper anderer Menschen

Foto: Peter J Jordan/ dpa/dpaweb

Laut, unkontrollierbar und eine Bazillenschleuder im wahrsten Sinne des Wortes: Niesen hat, spätestens seit die Pest wütete, ein Imageproblem. Wer vor gut 900 Jahren ein "Hatschi" von sich gab, für den hatte Papst Gregor I. nur ein "Möge Gott dich segnen" übrig. Bis heute wünscht man sich im englischsprachigen Raum nach dem Niesen den Segen Gottes, als Todesbringer gilt Niesen aber glücklicherweise nicht mehr. Statt der Pest werden hierzulande vor allem Erkältungs- oder Grippeviren übertragen.

Etwa 40.000 Partikel fliegen beim Niesen mit mindestens 150 Kilometern pro Stunde aus der Nase. Ausgelöst wird der Reflex beispielsweise durch Staubpartikel, die die Enden des Trigeminus-Nervs in der Nasenschleimhaut reizen. Der Nerv leitet das Signal weiter ins Nieszentrum im Gehirn.

Schon geht es los: Wie ferngesteuert holt man tief Luft, die Stimmlippen werden geschlossen und die Luft wird mit Hilfe der Atemmuskulatur mit voller Kraft ausgestoßen - "Hatschi"! Das Ergebnis kann nicht nur ziemlich laut werden, sondern auch eklig. Aus hygienischer Sicht gibt es gute Gründe, sich beim Niesen die Nase zuzuhalten. Aber schadet das womöglich der eigenen Gesundheit?

Mit großem Druck gegen Dreck

Beim Niesen mit geschlossenen Nasenlöchern und leicht geöffnetem Mund steigt der Druck in der Nasenhöhle kurzzeitig stark an, berichten Murat Songu und Cemal Cingi vom Izmir Atatürk Research and Training Hospital in einem Übersichtsartikel . Die Werte sind dann etwa vergleichbar mit dem Druck, der im Herzen eines Bluthochdruckpatienten herrscht, wenn sich der Herzmuskel maximal zusammenzieht.

In der medizinischen Fachliteratur gibt es Berichte von Menschen, die taub geworden sind, weil sie sich beim Niesen die Nase zugehalten hatten. Weitere Berichte handeln von Rissen in der Hauptschlagader, Blutgerinnseln im Gehirn oder Fehlgeburten. Bei anderen Patienten gelangte durch gestoppte Nieser Luft in die Schädelhöhle.

Anzeige

Irene Berres, Julia Merlot:
Mythos oder Medizin

Brauchen Wunden Luft oder Pflaster? Schadet es, mit den Fingern zu knacken? Ist es gefährlich, Nieser zu unterdrücken? Die spannendsten Fragen und Antworten aus der beliebten Kolumne.

Heyne Verlag; 224 Seiten; 8,99 Euro.

Buch bei Amazon: Irene Berres, Julia Merlot "Mythos oder Medizin" Buch bei Amazon: Irene Berres, Julia Merlot "Mythos oder Medizin" (KINDLE) 

"Sich beim Niesen die Nase zuzuhalten, kann gefährlich sein", bestätigt Werner Hosemann, stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie. "Häufig sind solche Fälle mit ernsten Verletzungen aber nicht."

Eine genaue Statistik fehlt. Schlussfolgern lässt sich aus den Fallbeschreibungen lediglich, dass man mit offener Nase sicherer niest - und auch gesünder. Denn der Niesreflex erfüllt eine Funktion: Durch den großen Druck, mit dem die Luft aus der Lunge schießt, werden die Atemwege von Dreckpartikeln befreit, die sich sonst möglicherweise in der Lunge festsetzen.

Ein Lichtstrahl, ein Kribbeln - Hatschi

Bei Erkältungen oder Allergien niest man besonders häufig. "Dann ist die Schleimhaut gereizt und reagiert besonders empfindlich", erklärt Hosemann. "Es gibt aber auch noch eine Reihe anderer Faktoren, die den Reflex auslösen." Etwa 25 von 100 Menschen müssen niesen, wenn sie ins Licht schauen. "Warum das so ist, darüber weiß man bislang kaum etwas", sagt Hosemann. "Vermutet wird eine Verbindung zwischen dem Augenreflex und dem Nieszentrum."

Denkbar ist beispielsweise, dass der Lichtreiz bei den Betroffenen neben dem Sehnerv auch den Trigeminus-Nerv aktiviert. Dieser ist im Gesicht weit verästelt und leitet bei manchen Menschen auch Signale ans Nieszentrum, wenn sie sich beispielsweise die Augenbrauen zupfen.

Besonders kurios: "Offenbar gibt es ein paar Menschen, die niesen müssen, wenn ihre Magenwand gedehnt wird", erklärt Hosemann. Einen erkennbaren Sinn hat das nicht, außer, dass jeder sofort erkennt, wann man satt ist. Für Gerede sorgte auch eine Studie von 2008. Im "Journal of the Royal Society of Medicine"  berichten zwei Forscher, dass manche Menschen niesen müssen, wenn sie einen Orgasmus haben.

Egal in welcher Situation, bevor man seine Mitmenschen mit Bazillen beschießt oder eine Verletzung riskiert, kann man auch versuchen, das Niesen im Keim zu ersticken. Der perfekte Trick dafür fehlt allerdings: "In unpassenden Situationen versuche ich das Kribbeln loszuwerden, indem ich die Nase mit den Fingern zusammendrücke", erzählt Hosemann. Manchmal funktioniere es, manchmal nicht. Andere probieren, den Reflex zu unterdrücken, indem sie ihre Zunge an den Gaumen pressen. Hosemann winkt ab: "Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es überhaupt keine verlässliche Methode."

Fazit: Das Risiko, dass ein unterdrückter Nieser das Ohr schädigt, ist gering. Dennoch sollte man den Druck, wenn möglich, rauslassen. Das reinigt die Atemwege. Zum Schutz anderer dabei immer ein Taschentuch bereithalten und Hände waschen!

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, die Luft werde beim Niesen mit Hilfe der Lungenmuskulatur ausgestoßen. Tatsächlich handelt es sich aber um die Atemmuskulatur. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.