Mythos oder Medizin Fördert Milch die Schleimbildung bei Erkälteten?

Sollte man mit einer Erkältung wirklich auf Müsli und Kakao verzichten? Dass Milch die Schleimbildung fördert, wusste schon Oma. Aber stimmt das überhaupt?
Kalziumzufuhr: Gut einen Liter Milch trinkt jeder Deutsche durchschnittlich pro Woche

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Foto: Corbis

Schleim gehört zu den Dingen, die keiner haben will, aber jeder haben muss. Die Schmiere hält Staub, Dreck und Krankheitserreger aus dem Körperinneren fern. Aus gutem Grund heißt die Schutzschicht in Öffnungen wie Mund und Nase Schleimhaut. Organe lässt der glitschige Film ohne Kratzer in Körperhöhlen umherschaukeln, und im Magen verhindert er, dass die Salzsäure gleich das Organ selbst mit verdaut.

Und trotzdem: Zu viel Schleim macht keinen Spaß, auch nicht wenn er durch eine harmlose Erkältung entsteht. Man kann kaum noch klar denken, ist ohne permanente Taschentuchlieferungen aufgeschmissen und klingt, als hätte man sich in geistiger Umnachtung eine Wäscheklammer auf die Nase gepinnt. Spätestens jetzt sind einem kluge Ratschläge sicher. Milch, so lautet einer von ihnen, fördert die Schleimproduktion, Erkältete sollten die Finger davon lassen.

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Der Glaube, dass Milch die Schleimbildung im Körper anregt, ist ziemlich alt. Bereits im 12. Jahrhundert empfahl der jüdische Mediziner Moses Maimonides Schleimkranken, auf Nahrungsmittel zu verzichten, die die Flüssigkeiten im Körper verdicken. Auch Milch stand auf seiner Problemstoffliste .

Aus damaliger Sicht war das nur folgerichtig: Im Mittelalter führten Ärzte Krankheiten noch auf ein Ungleichgewicht der Körpersäfte wie Blut, Schleim und Galle zurück. Aderlass und Abführmittel waren gängige Behandlungsmethoden. Wer zu viel Schleim produzierte, musste ihn der Logik nach verdünnen. Milch scheint dafür zunächst ungeeignet.

Die Mischung im Mund macht's

Allein ihr Anblick erzeugt bei vielen ein vollmundiges Gefühl. Beim Trinken bestätigt sich der Eindruck. "Vollmilch bekommt im Mund eine fast sahnige Konsistenz", sagt Rainer Wiewrodt, Facharzt für Innere Medizin, Atemwegserkrankungen und Allergien und Leiter der Pneumologie an der Uniklinik Münster.

Was genau geschieht, wenn Milch und Speichel im Mund aufeinander treffen, hat George van Aken vom Wageningen Centre for Food Sciences in den Niederlanden mehrfach untersucht. In einem Experiment  nahmen Testpersonen fettarme Milch (1,5 Prozent Fett), Vollmilch (3 Prozent Fett) und Sahne (40 Prozent Fett) für je eine Minute in den Mund und spuckten das Gemisch anschließend wieder aus.

"Das Gemisch war schleimig und es hatten sich vermehrt Tröpfchen in ihm gebildet", schreiben die Forscher. Je höher der Fettanteil in der Milch war, desto schleimiger wirkte die Milch-Speichel-Mischung. Fett löst sich nicht in Wasser, sondern schwimmt in kleinen Kügelchen darin umher. In der Speichel-Milch-Mischung lagerten sich die Tröpfchen zudem häufig zu zähen Fäden zusammen. Darin fanden die Forscher Hautzellen, die für die Schleimproduktion zuständig sind und sich von der Schleimhaut gelöst hatten.

"Was da im Mund entsteht, ist Schleim von der Konsistenz her ziemlich ähnlich", fasst Wiewrodt zusammen. Mit dem Erkältungsschleim hat es aber nichts zu tun. Trotzdem hält sich die Verschleimungstheorie hartnäckig. Das hat noch einen anderen Grund als die Konsistenz der Milch-Speichel-Mischung: Viele Menschen glauben fest an den Mythos. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich Beschwerden nach dem Milchtrinken bekommen. Mediziner kennen das Phänomen als Nocebo-Effekt, die negative Form des Placebo-Effekts.

Wer dran glaubt, hat mehr Beschwerden

Vor mehr als 20 Jahren gaben australische Forscher um Carole Pinnock von der Flinders University knapp 170 Testtrinkern  ein Glas Kuh- oder Sojamilch. Den Getränken setzten die Wissenschaftler eine Kakao-Pfefferminz-Mischung zu, sodass man sie am Geschmack nicht mehr unterscheiden konnte. Weder Probanden noch Forscher wussten, wer welches Getränk bekam.

Einige Versuchspersonen klagten anschließend über eine belegte Zunge, Schluckbeschwerden und dickeren Speichel. Allerdings waren unter ihnen ähnlich viele Kuhmilch- wie Sojamilchtrinker. Statt der Milchsorte teilten sie den Glauben an die Verschleimungstheorie.

Schleim sammeln für die Forschung

In einem anderen Versuch hatte Pinnock 51 Menschen mit einem Erkältungsvirus  infiziert und deren schleimige Ausscheidungen über zehn Tage in Taschentüchern gesammelt. Die Versuchspersonen sollten dokumentieren, wann und in welchen Mengen sie Milch oder Milchprodukte zu sich nahmen und wie es ihnen danach ging. Auch hier klagten die Schleimtheorie-Gläubigen häufiger über Beschwerden, nachdem sie Milch getrunken hatten. Allerdings schieden sie zeitgleich nicht mehr Schleim aus.

"An der Verschleimungstheorie ist nichts dran", sagt Wiewrodt. "Auf ihrem Weg durch Speiseröhre und Verdauungstrakt kommt die Milch gar nicht mit den schleimbildenden Zellen in den Atemwegen in Kontakt. Wie sollte sie sie da beeinflussen?" Stattdessen könne Milch bei Erkältungen sogar nützlich sein. "Wer etwa einen trockenen Rachen hat, dem kann Milch guttun - gerade weil sie im Mund eine schleimige Konsistenz annimmt."

FAZIT: Die Verschleimungstheorie ist ein Mythos. Zwar fühlt sich Milch, wenn sie sich im Mund mit Speichel mischt, so ähnlich an wie Schleim. Die Schleimproduktion im Körper verstärkt Milch aber nicht. Wer erkältet ist, kann guten Gewissens zu Müsli und Kakao greifen.

Zur Autorin

Julia Merlot begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Die studierte Wissenschaftsjournalistin ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit von SPIEGEL ONLINE.