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29. September 2014, 20:43 Uhr

Gefährliche Störung

Schläger im Schlaf

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Sie schlagen und treten um sich, manchmal würgen sie ihren Partner - alles im Traum: Wer an der seltenen REM-Schlafverhaltensstörung leidet, kann gefährlich werden, ohne es zu wollen.

Als Brian Thomas an einem Julimorgen 2008 in seinem Wohnmobil erwachte, lag seine Frau Christine tot neben ihm. Seine Hände hielten ihren Hals umklammert. Er hatte sie im Traum erwürgt, weil er sie für einen Einbrecher hielt. Thomas wurde wegen Mordes angeklagt. Doch das Gericht sprach ihn frei, weil er im Moment des Würgens keine Kontrolle über sich hatte. Der Brite litt den Prozess-Gutachtern zufolge an einer chronischen Schlafstörung.

REM steht für "Rapid Eye Movement" und bezeichnet eine bestimmte Schlafphase, für die unter anderem schnelle Augenbewegungen typisch sind. Ist diese Phase gestört, spricht man kurz RBD, "REM sleep behavior disorder" - eine REM-Schlafverhaltensstörung.

Selten nimmt diese Störung ein solch extremes Ende. "Dass Ehepartner morgens mit einem blauen Auge erwachen oder sogar gewürgt werden, kommt aber durchaus vor", sagt Wolfgang Oertel, ehemaliger Direktor der Klinik für Neurologie an der Philipps-Universität Marburg und Forschungsprofessor Neurowissenschaften der Hertie-Stiftung.

Betroffene leben demnach ihre Träume aus: Sie bewegen sich, schlagen um sich, treten oder reden laut. Zu Hause hatte das britische Ehepaar deshalb seit langem getrennt geschlafen.

Verhaltensauffälligkeiten im Schlaf werden allgemein als Parasomnien bezeichnet. Diese ungewöhnliche, aber durchaus gefährliche Art der Parasomnie kommt Schätzungen zufolge bei rund 0,4 Prozent der Gesamtbevölkerung vor. Insbesondere im Alter tritt sie gehäuft auf: Von den 70- bis 89-Jährigen leiden Befragungen zufolge sechs Prozent an RBD.

Auffällig wird die REM-Schlafverhaltensstörung überwiegend bei Männern. "Frauen könnten aber genauso häufig betroffen sein, nur wissen wir das nicht, weil sie im Traum weniger aggressiv agieren", sagt Oertel. "Die meist kurzen Traum-Episoden können ab 90 Minuten nach dem Einschlafen bis zum Erwachen auftreten, mehrmals pro Nacht oder auch nur einmal innerhalb weniger Wochen."

Der Marburger Neurologe gehört zu einem Team von Wissenschaftlern, das seit 2005 in Deutschland diese Traum-Schlafstörung erforscht. Ein Schwerpunkt der Forscher: Inzwischen gibt es zuverlässige Hinweise darauf, dass Menschen mit RBD später eine Parkinson-Krankheit oder eine sogenannte Lewy-Körperchen-Demenz entwickeln.

RBD als Vorzeichen für Parkinson?

Forscher aus Barcelona etwa begannen 1991 in einer Studie damit, den Krankheitsverlauf von 44 Patienten mit einer REM-Schlafverhaltensstörung zu beobachten. Das Ergebnis, das 2013 im Fachjournal "Lancet Neurology" veröffentlicht wurde: Von den Probanden erkrankten bis 2005 rund 70 Prozent an Parkinson oder einer Lewy-Körperchen-Demenz. Nach weiteren sieben Jahren waren insgesamt 36 Patienten von einer der Störung betroffen.

Inzwischen wird RBD als Krankheitsvorzeichen gesehen: "Bei 80 Prozent der Betroffenen stellen sich zehn bis zwanzig Jahre nach dem Auftreten der Schlafstörung die typischen Parkinson-Symptome wie eine verlangsamte Bewegung ein", sagt Oertel. Fünf Jahre vor Ausbruch der Lewy-Körperchen-Erkrankung könne man bei vielen Patienten zudem Veränderungen des Riechvermögens und des Farbsehens feststellen.

Die Ursache dieser Veränderungen liegt im Hirnstamm, wo alle lebenswichtigen Prozesse, wie Atmung, Herzschlag, Schlaf- und Wachphasen gesteuert werden. Dazu gehört auch die Blockierung von Bewegungen (Atonie) während des Träumens. "Bei RBD-Patienten ist diese Vorsichtsmaßnahme des Körpers aufgrund einer Schädigung einer kleinen Anhäufung von Nervenzellen im Hirnstamm außer Kraft gesetzt", sagt Oertel.

Nicht zu verwechseln ist die REM-Schlafverhaltensstörung mit Schlafwandeln: "Schlafwandler sind im Tiefschlaf unterwegs und auch nicht aggressiv", sagt der Neurologe. Im Gegensatz zu RBD-Patienten könnten sich Schlafwandler im Nachhinein an nichts mehr erinnern. "Bewegungen und Brabbeln sind in Tief- und Leichtschlafphasen nichts Ungewöhnliches", sagt Oertel. Nur wenn sie im Traum auftreten, deuten sie auf die Schädigung hin.

Eine eindeutige Diagnose der RBD ist im Schlaflabor möglich. Dort wird die Muskelaktivität aufgezeichnet, und Experten können darüber das ungewöhnliche Verhalten den Schlaf- und Traumphasen zuordnen. Bisher lässt sich die Krankheit nicht aufhalten oder heilen. "Mit Medikamenten wie Clonazepam und Melatonin können Bewegungen im Traum jedoch unterdrückt werden und Partner sicherer schlafen", sagt der Oertel.

Im Laufe der Jahre führt RBD zu einer Verringerung des Dopamin-Spiegels und damit schließlich zum Ausbruch der Parkinson-Symptome. Der Botenstoff ist für die Weiterleitung der Befehle des Nervensystems an die Bewegungszentren im Gehirn - und damit indirekt für die Muskulatur - zuständig. Oertel hegt deshalb eine Hoffnung: Gelänge es der Wissenschaft herauszufinden, wie sich der Verlauf von RBD in der frühen Phase stoppen lässt, "könnte man viele Parkinson-Patienten vor dem Ausbruch der Krankheit schützen."

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