SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

09. November 2016, 20:05 Uhr

Schlafstörungen und Handys

Augen zu und durch

Von

Jeder vierte Deutsche kommt nachts nicht zur Ruhe. Studien zeigen: Wer ständig auf sein Smartphone schaut, schläft auch schlechter.

Eins, zwei, drei, vier, Schnarch - Kein Tier schwirrt so häufig durch deutsche Schlafzimmer wie das Schaf. Doch das Zählen der Wolltiere führt nicht immer zum Erfolg. Immerhin jeder vierte Erwachsene leidet laut Robert Koch Institut unter Schlafstörungen und mehr als jeder Zehnte fühlt sich häufig oder dauerhaft auch nach dem Schlafen nicht erholt.

Ein Grund dafür könnte der Griff zum Smartphone sein, berichten US-Forscher in einer Studie, die nun in der Fachzeitschrift "PLOS" erschienen ist. Nochmal kurz E-Mails checken, Nachrichten lesen oder Chatten vorm Schlafgehen verringert demnach die Schlafqualität.

Pro Tag anderthalb Stunden am Handy

Mehr als 650 Freiwillige über 18 Jahre aus den USA haben an der Studie teilgenommen. In einem ersten Schritt mussten sich die Probanden eine App runterladen. Die Anwendung maß über 30 Tage lang, wie oft und wie lange das Display des Handys an war. Durchschnittlich verbrachten die Studienteilnehmer demnach gut eineinhalb Stunden pro Tag am Smartphone.

Zudem mussten die Studienteilnehmer Angaben zu Alter, Geschlecht, Herkunft, Einkommen, Gesundheitszustand und Schlafgewohnheiten machen. Auf diese Weise fanden die US-Forscher heraus: Menschen schlafen kürzer und schlechter, wenn sie ihr Smartphone während oder unmittelbar vor den gewohnten Schlafzeiten nutzen.

Matthew A. Christensen von der University of California in San Francisco und seine Kollegen betonen jedoch, dass das Handy nicht schuld am schlechten Schlaf sein muss. Es könnte auch sein, dass Menschen, die schlecht schlafen, eher zum Handy greifen, um sich abzulenken. Die intensive Smartphone-Nutzung wäre dann eher Symptom als Ursache der Schlafstörung.

"Smartphones im Bett führen zu weniger Schlaf"

Diese Erklärung hält Hans-Günter Weeß allerdings für wenig wahrscheinlich. Weeß ist Schlafforscher und leitet das Schlafzentrum des Pfalzklinikums in Klingenmünster (Rheinland-Pfalz).

"Schon vorherige Studien haben gezeigt, dass Smartphones in der Bettumgebung zu weniger Schlaf führen", so Weeß. Er selbst hat in einer Untersuchung herausgestellt, dass Kinder und Jugendliche kürzer und schlechter schlafen, wenn sie ihr Handy in der Nacht neben das Bett oder sogar unter das Kopfkissen legen.

Blaues Licht senkt den Melatoninspiegel

Andere Studien legen nahe, dass blaues Licht von Bildschirmen dazu führt, dass der Melatoninspiegel sinkt. Das Hormon sorgt dafür, dass wir bei Dunkelheit müde werden. Wird die Produktion gehemmt, können die Betroffenen schlechter einschlafen. Der Effekt sei jedoch nur minimal, meint Weeß.

Entscheidender als das Licht sei demnach die Art der Tätigkeit. "Im Internet surfen, E-Mails checken und Nachrichten schreiben erhöhen die geistig-emotionale Aktivität, und Anspannung ist der Feind des Schlafes", so Weeß. Ständige Erreichbarkeit könne sogar zur Sucht werden, warnt der Schlafforscher. Smartphone-Junkies könnten wie Ärzte oder Feuerwehrleute in eine Art Bereitschaftsmodus fallen. "Sie stehen unter Grundanspannung und überprüfen mehrmals in der Nacht, ob sie neue Nachrichten bekommen haben. Der Schlaf ist dann viel weniger erholsam."

"Bei diesen Apps kann ich nur lächeln"

Zahlreiche App-Entwickler versprechen allerdings, dass das Smartphone bei Schlafstörungen nicht das Problem, sondern die Lösung sein kann. Inzwischen sind viele Apps auf dem Markt, die die Qualität des Schlafs bewerten sollen. "Bei diesen Apps kann ich nur lächeln", sagt Weeß.

"Die Anwendungen sind gar nicht in der Lage, die entscheidenden Parameter zu messen. Sie nehmen nur Geräusche oder Bewegung wahr. Das führt zu pseudowissenschaftlicher Exaktheit." Und das könne sogar gefährlich werden, etwa wenn die App suggeriert, man habe schlecht geschlafen.

Ohnehin rät Weeß, den eigenen Schlafrhythmus nicht über Gebühr zu analysieren: "Wenn man morgens aufwacht und sich erholt fühlt, hat man gut geschlafen, wenn nicht, dann nicht."

Weeß empfiehlt stattdessen, sich schon vor dem Einschlafen vom Alltag zu distanzieren. Auch ein Schlafritual wie bei Kindern könne hilfreich sein. Zudem sollte man eine möglichst angenehme Umgebung schaffen.

Jeder Erwachsene wacht jede Nacht 15 bis 20 Mal auf

Wer trotzdem Probleme hat einzuschlafen und mehrfach in der Nacht wach wird, sollte sich nicht verrückt machen. Denn Druck sei der Garant für schlechten Schlaf: "Wer schlafen will, bleibt wach", so Weeß. "Ohnehin wird jeder Erwachsenen zwischen 15 und 20 Mal pro Nacht wach. Erst wenn diese Phasen länger als eine bis drei Minuten dauern, können wir uns am Morgen daran erinnern." Die Wachphasen seien laut Weeß ein Erbe unserer Vorfahren, die sich mehrfach in der Nacht überzeugen mussten, dass kein Fressfeind in der Nähe lauert.

Wer aber über einen Zeitraum von einem Monat in mindestens drei Nächten pro Woche nicht gut schläft und am Tag beeinträchtigt ist, sollte zum Arzt gehen, rät Weeß.

Risikofaktor Schlafstörung

Die Ursachen für Schlafstörungen sind vielfältig. Jeder sechste Erwachsene in Deutschland arbeitet in Schichtarbeit. Das erhöht das Risiko von Schlafstörungen. Aber auch Medikamente, Fehlverhalten wie die Handynutzung vorm Schlafengehen und Anspannung können Probleme verursachen.

Und die Folgen sind schwerwiegend.Schlafstörungen erhöhen beispielsweise das Risiko für Herzkreislauferkrankungen, Stoffwechselstörungen wie Diabetes, Depressionen sowie Angststörungen. Zudem schränkt zu wenig Schlaf die Leistung erheblich ein.

"Am besten wäre es, wenn wir keine Wecker bräuchten", meint Weeß. "Denn erst wenn man aufwacht, hat man auch ausgeschlafen. Das ist wie mit einer Geschirrspülmaschine, das Waschprogramm beendet man ja auch nicht bevor es durchgelaufen ist. Warum sollte man das mit dem menschlichen Schlaf tun?"

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung