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14. Juni 2017, 11:07 Uhr

Fehlende Nachtruhe

Deutschland schläft schlecht

Der Schlaf kommt zu spät, das Aufwachen zu früh: Millionen Menschen in Deutschland leiden an Schlafstörungen. Eine der möglichen Folgen: gefährlicher Sekundenschlaf am Steuer.

Millionen Menschen in Deutschland klagen über Schlafstörungen. Sie kommen abends nicht zur Ruhe oder wachen viel zu früh auf und können dann nicht wieder einschlafen. Tagsüber fühlen sich die Betroffenen müde und gerädert.

Die Krankenkasse DAK berichtete kürzlich in einem Report, dass 35 Prozent der Erwerbstätigen über 18 Jahren angeben, dass sie in den vergangenen vier Wochen mindestens dreimal pro Woche Ein- oder Durchschlafstörungen hatten. Außerdem klagt rund jeder Vierte über eine schlechte Schlafqualität. Fügt man beides zusammen, so leidet laut dem Bericht fast jeder Zehnte unter Schlafstörungen. (Quelle: DAK-Report , Details zur Befragung ab Seite 78)

Diese führen nicht nur zu Erschöpfung und senken die Leistungsfähigkeit, sie erhöhen unter anderem auch das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen.

Gefährlicher Sekundenschlaf

Zu den weiteren möglichen Folgen einer Schlafstörung gehört der Sekundenschlaf am Steuer. "Schläfrigkeit stellt eine häufigere tödliche Unfallursache im Straßenverkehr dar als das Fahren unter Alkohol", sagt Hans-Günter Weeß vom Interdisziplinären Schlafzentrum in Klingenmünster (Rheinland-Pfalz).

Dem Problem beizukommen sei schwierig, sagt Jörg Lindemann vom Ulmer Schlaflabor - einem von inzwischen mehr als 300 in Deutschland. Die Ursachen seien vielfältig und im Zuge der Digitalisierung kämen neue hinzu. Einigen Menschen könne durch operative Erweiterungen der Atemwege geholfen werden, etwa die Entfernung der Gaumenmandeln. "Doch oft geht es bei Schlaflosigkeit um selbst gemachte Probleme aus der Gesellschaft heraus."

"Schlafentzug mittels Handy"

Nur eines von vielen sei, dass Menschen sich zu lange dem Monitorlicht am PC, Tablet oder Smartphone aussetzen. "Wenn der Körper keine Dunkelheit verspürt, wird die Ausschüttung des Hormons Melatonin vermindert, das wichtig ist für das Einschlafen", sagt Lindemann.

Besonders bei Jugendlichen beklagen Experten einen "quasi willentlichen Schlafentzug mittels Handy": Laut der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) zeigen Studien, dass 45 Prozent der 11- bis 18-Jährigen ihr Smartphone auch noch im Bett checken, davon 23 Prozent mehr als zehn Mal pro Nacht.

Besonders traurig findet Lindemann das Schicksal von Patienten, die sich "im teuflischen Kreislauf" befinden: Abends Medikamente zum Einschlafen, morgens Medikamente zum Wachwerden, tagsüber zum Fitbleiben und am Abend wieder zum Einschlafen. "Das ist dann nur ein künstlicher Schlaf. Den natürlichen Tiefschlaf, den der Körper zur Erholung braucht, kann man nicht durch Medikamente herstellen."

Verhaltenstherapie statt Schlafmittel

Die DGSM empfiehlt insbesondere den Hausärzten, vor der Verschreibung von Schlafmitteln Möglichkeiten einer auf Ursachenerkennung beruhenden kognitiven Verhaltenstherapie zu prüfen. In ihren Leitlinien betont die Gesellschaft, der 2500 Mediziner, Psychologen und Naturwissenschaftler angehören, dass es nicht um Schlaf schlechthin, sondern um erholsamen Schlaf geht. Beklagenswert sei, dass gesunder Schlaf "in unserer modernen 24-Stunden-Gesellschaft nicht hip, sondern eher verpönt ist".

Doch es gibt Ausnahmen - etwa Amazon-Gründer Jeff Bezos. Als junger Programmierer soll er sich ein Kissen neben den Computer gelegt haben. Nun wird er mit dem Spruch zitiert, es sei gut für seine Aktionäre, wenn er seinen Acht-Stunden-Schlaf bekomme.

Bei leichten Schlafstörungen kann es sich lohnen, es erst einmal mit Hausmitteln zu versuchen. Welche helfen können und von welchen Experten abraten, lesen Sie hier.

Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin rät Betroffenen unter anderem: Jeden Tag um dieselbe Zeit aufstehen, nur Schlafen gehen, wenn man wirklich müde ist, regelmäßig Sport treiben, vor dem Zubettgehen keinen Kaffee, keinen Alkohol und keine Zigarette mehr zu sich zu nehmen und den Mittagsschlaf vermeiden.

wbr/Thomas Burmeister, dpa

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