Schlafwandeln Im Tiefschlaf auf Tour

Manche irren umher, andere kochen oder putzen sogar: Bei Schlafwandlern ruhen Teile des Gehirns, während andere aufwachen und den Körper fernsteuern. Wie gefährlich ist das?

Schlafwandler fühlen in der Regel keine Schmerzen, aus diesem Grund ist die Verletzungsgefahr hoch
Getty Images/ iStockphoto

Schlafwandler fühlen in der Regel keine Schmerzen, aus diesem Grund ist die Verletzungsgefahr hoch


Während andere tief und fest schlafen, laufen Schlafwandler oft zur Hochform auf, wenn auch unfreiwillig. Sie gehen spazieren, fahren Auto, essen, putzen, kochen und manche werden sogar gewalttätig - ohne sich dessen bewusst zu sein.

Rund vier Prozent aller Erwachsenen sind nach Schätzung von Wissenschaftlern betroffen, bei Kindern im Alter von 10 Jahren sind es sogar mehr als 13 Prozent. Ein gefährliches Phänomen. "Die sprichwörtliche schlafwandlerische Sicherheit gibt es nicht", warnt Alfred Wiater von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Entsprechend oft generieren Schlafwandler Schlagzeilen.

"Schlafwandelnder Tourist löst Polizeieinsatz aus", hieß es etwa am 18. Januar. Eine Zeitungsausträgerin hatte morgens um 3 Uhr in Oberstdorf im Allgäu einen völlig durchgefrorenen Iren entdeckt, der sich aus seiner Ferienunterkunft ausgesperrt hatte. In Bremen fand eine Frau im Juli morgens einen Fremden in ihrem Haus, barfuß und in Boxershorts. Ein junger Mann sei ihr zugelaufen, erklärte die 79-Jährige der Polizei. Der 25-Jährige konnte sich nur daran erinnern, dass er abends mit seinem Vater einen Film angeschaut hatte.

Harmlos sind solche Meldungen im Vergleich zu dem Erlebnis des britischen Abenteurers David Hempleman-Adams. Im Frühsommer 2000 reiste er allein im Ballon übers Nordpolarmeer, als er im Schlaf den Korb verlassen wollte, 1300 Meter über der Arktis. Sein Glück: Er war mit einem Sicherheitsgurt angeschnallt.

Schlaf beim Schlafwandeln besonders tief

In der Regel beginnt das Schlafwandeln beim Übergang vom ersten Tiefschlaf in die erste Traumschlafphase, etwa ein bis eineinhalb Stunden nach dem Einschlafen. Ein einfacher Reiz wie eine volle Blase oder ein Geräusch können dann ausreichen, um die Aufwachstörung zu verursachen. Beim Schlafwandeln werden nur bestimmte Teile des Gehirns aktiviert, der Rest bleibt im Tiefschlaf.

Die Betroffenen agieren automatisch, die Kontrolle durch das Bewusstsein fehlt komplett. Aus diesem Grund können sie sich am nächsten Morgen auch nicht an das Geschehene erinnern. "Interessant ist, dass diese Person wesentlich tiefer schläft als sie sonst im Tiefschlaf schlafen würde", erklärt der Psychologe Mitja Seibold. Deswegen sei es auch besonders schwer, eine schlafwandelnde Person aufzuwecken.

Stress und Schlafstörungen zählen zu den möglichen Ursachen der Störung, mitunter ist die Neigung auch vererbt. Alkohol oder manche Schlafmittel können das Risiko verstärken, da sie den Tiefschlaf verändern.

Auch eine Frage der Hirnreifung

Dass Kinder häufiger betroffen sind, liegt daran, dass die Hirnreifung noch nicht abgeschlossen ist. Oft verliert sich das Schlafwandeln deshalb nach der Pubertät. Stellt sich das Schlafwandeln erst nach dem 16. Lebensjahr ein, sollten die Betroffenen mögliche organische oder psychische Ursachen beim Arzt abklären.

Wie lässt sich klassisches Schlafwandeln behandeln?
Was Sie tun können
Konsequentes Einhalten regelmäßiger Schlafzeiten, um Schlafmangel vorzubeugen, weil dieser den Tiefschlaf verändert.

Alkohol meiden, weil dieser die Weckschwelle erhöht und den Tiefschlaf verändert.

Progressive Muskelrelaxation, Meditation oder autogenes Training.

Psychotherapie oder kognitive Verhaltenstherapie, wenn psychischer Stress der Auslöser ist.

Autosuggestion: Dabei soll im entspannten Zustand das eigene Verhalten umprogrammiert werden. Betroffene sagen innerlich folgenden Satz auf und stellen sich die Handlung dabei vor: "Immer wenn meine Füße den Boden berühren, gehe ich sofort zurück ins Bett."

Der Zeit-Trick: Schlafwandler können ihren Wecker so stellen, dass sie vor dem Ende der ersten Tiefschlafphase und kurz vor dem üblichen Schlafwandeln aufwachen. Damit kann das Aufstehen und Schlafwandeln häufig verhindert werden. Durch die Unterbrechung wird allerdings meist auch die Erholung im Schlaf beeinträchtigt.
Medikamente
Ein therapeutischer Ansatz ist, die Tiefschlafdauer zu verringern und so das Schlafwandeln zu verhindern bzw. die Anzahl zu verringern. Das können gewisse Benzodiazepine, die häufig als Schlaf- oder Beruhigungsmittel eingesetzt werden. Da schnell ein Gewöhnungseffekt einsetzt, sollten sie maximal 14 Tage, besser kürzer eingenommen werden. Auch schlafanstoßende und beruhigend wirkende Antidepressiva kommen in der medikamentösen Therapie zum Einsatz. Unbedingt erforderlich ist die Begleitung durch einen Arzt, da die Arzneien auch paradox und eher anregend wirken können.
Therapien für Kinder
"Bei Kindern sind meist keine therapeutischen Maßnahmen notwendig", sagt der Schlafforscher und Kinderarzt Alfred Wiater. Wenn das Schlafwandeln aber eine Reaktion auf psychischen Stress ist, müssen sie lernen, diesen besser zu bewältigen. "Es ist wichtig, etwa durch autogenes Training ein möglichst dickes Fell gegen psychischen Druck zu entwickeln", sagt der Psychologe Hans-Günter Weeß. "Dann sinkt die Zahl der Schlafwandel-Episoden."

Auch Kilian zählt zu den Schlafwandlern. Einmal stand er in einer Vollmondnacht im Garten, erzählt der 14-Jährige. Seine Eltern wurden durch das Klappern der Terrassentür wach, holten den damals Vierjährigen wieder ins Haus. Seitdem verriegeln sie alles.

"Bei Kindern und Jugendlichen gilt Schlafwandeln in der Regel als vorübergehendes Entwicklungsphänomen", sagt Schlafmediziner Wiater. "Sorgen bereiten sollte die Tatsache, dass während des Schlafwandelns die Schmerzempfindlichkeit herabgesetzt ist und es zu Selbstverletzungen kommen kann." Das gilt auch bei Erwachsenen.

Bei Schlafwandlern sollten aus diesem Grund Haus- und Balkontüren abgeschlossen und Schlüssel versteckt, Fenster durch Sicherungen blockiert und zerbrechliche Gegenstände aus dem Schlafbereich weggeräumt werden.

Nicht aufwecken

Wiater rät außerdem dazu, Schlafwandler nicht aufzuwecken, auch weil sie aggressiv reagieren können. Stattdessen solle man beruhigend auf den Betroffenen einwirken und ihn wieder ins Bett geleiten. Psychologische Hilfe sei nur in sehr ausgeprägten Fällen zu erwägen.

Auch Kilians Nächte sind ruhiger geworden. Trotzdem findet er sich mitunter morgens an ungewöhnlichen Orten wieder, etwa auf dem Fußboden vor dem Fenster oder unter dem Schreibtisch. "Ich merke, dass ich woanders aufwache, als ich eingeschlafen bin und dann wundere ich mich schon ein bisschen", sagt er. Seine Veranlagung nimmt er mit Humor, ebenso wie die Tatsache, dass er im Schlaf gerne lacht und redet.

irb/dpa, von Cordula Dieckmann



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.