SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. Januar 2018, 08:18 Uhr

Neue Therapie

Wie Ärzte jetzt mehr Schlaganfall-Patienten helfen können

Von

Bislang galten nach einem Schlaganfall enge Zeitlimits, in denen das gefährliche Gerinnsel noch entfernt werden kann. Neue Studien zeigen: Auch ein später Eingriff kann die Heilungschancen erheblich erhöhen.

In vielen Fällen erreichen Schlaganfall-Patienten die Klinik zu spät. Die einen nehmen die Symptome nicht ernst oder ordnen sie falsch ein, die anderen wachen morgens überraschend mit Lähmungen oder Sprachstörungen auf. Zu spät ist es dann meist für Therapien, die das verstopfende Blutgerinnsel entfernen. Denn dafür dürfen normalerweise nicht mehr als sechs Stunden seit dem Schlaganfall vergangen sein.

Das galt zumindest bislang: Nun berichten US-Wissenschaftler im "New England Journal of Medicine" , dass Patienten noch bis zu 16 Stunden nach einem Schlaganfall von der sogenannten Thrombektomie profitieren können. Dabei schiebt der Arzt einen Katheter von der Leiste aus durch die große Körperschlagader bis ins Gehirn und zieht das Blutgerinnsel heraus, das die Hirnarterie verstopft.

Ausgewählte Schlaganfall-Patienten

Zwar kommt nicht jeder, der einen Schlaganfall erleidet, für die späte Therapie infrage: Der Infarkt darf aufgrund der Blutungsgefahr nicht zu groß und muss von relativ viel Gewebe umgeben sein, das sich voraussichtlich wieder erholen kann. Das müssen Ärzte mit CT- oder Kernspintomografie-Aufnahmen ermitteln, bei denen die Durchblutung gemessen wird.

Wer operiert werden darf, hat anschließend deutlich bessere Heilungschancen. Denn anders als bislang angenommen, können die unterversorgten Nervenzellen auch viele Stunden nach dem Schlaganfall noch gerettet werden.

Für ihre Studie hatten die Forscher 182 Patienten mit den entsprechenden Kriterien aus 38 US-Kliniken zufällig zwei Gruppen zugeordnet: Bei den Teilnehmern der ersten Gruppe wurden die Blutgerinnsel in der Zeit zwischen sechs und 16 Stunden, nachdem sie das letzte Mal wohlauf gewesen waren, mit dem Katheder entfernt. Zusätzlich bekamen sie die medikamentöse Standardtherapie. Die zweite Gruppe wurde nur mit Medikamenten behandelt.

In einem frühen Stadium - bis zu viereinhalb Stunden nach dem Schlaganfall - versuchen Ärzte, das Gerinnsel mit Medikamenten aufzulösen, danach ist dies nicht mehr zu empfehlen. Weil die Teilnehmer der Studie aber zu spät für diese Maßnahme in die Klinik kamen, erhielten sie lediglich Medikamente, die das Entstehen weiterer Gerinnsel unterdrücken.


Wer hat's bezahlt?

Die Studie wurde vom NIH (National Intitutes of Health) mit Geldern vom "StrokeNet", einem Netzwerk aus 300 US-Kliniken, finanziert.


Die Probanden der ersten Gruppe hatten drei Monate später deutlich weniger schwere Folgeschäden als die Teilnehmer der zweiten Gruppe. Auch starben in der ersten Gruppe weniger Teilnehmer als in der zweiten. Die Ergebnisse waren so eindeutig, dass die Wissenschaftler um den Neurologen Gregory Albers von der Stanford University (US-Bundesstaat Kalifornien) die Untersuchung vorzeitig abbrechen mussten, um Patienten die bessere Therapie nicht vorzuenthalten.

"Die Studie wird einen deutlichen Einfluss darauf haben, wie wir in Schlaganfallzentren über die Therapie entscheiden", sagt Armin Grau, Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. "Wir werden mehr Menschen mit dem Kathetereingriff helfen können." Beim Herzinfarkt ist die Öffnung des verschlossenen Blutgefäßes mit Hilfe eines Katheters bereits seit Längerem eine Standardbehandlung.

In Deutschland schon angewendet

Bereits eine weitere Untersuchung hatte kürzlich nahegelegt, dass bestimmte Patienten auch zu einem späteren Zeitpunkt noch von einer Thrombektomie profitieren. "Mit den jetzt veröffentlichten Daten haben wir eine noch bessere Entscheidungsgrundlage", sagt Grau.

Auch in Deutschland wurde der späte Eingriff bereits in ausgewählten Fällen ausprobiert: Am Universitätsklinikum Heidelberg etwa seien in den Jahren 2016 und 2017 schon 44 ausgewählte Schlaganfall-Patienten später als sechs Stunden nach Auftreten der Symptome so behandelt worden, berichtet Peter Ringleb, Sektionsleiter Vaskuläre Neurologie. "Das Festhalten an strengen Zeitfenstern ist nicht sinnvoll", meint Ringleb, der die deutsche Leitlinie zur Akuttherapie des Schlaganfalls mitverfasst und darin bereits festgehalten hat, dass es Ausnahmen von der 6-Stunden-Regel gibt.

Auch wenn jetzt noch mehr Patienten mit einem Gefäßeingriff behandelt werden können, ändert sich eines allerdings nicht: "Es ist und bleibt wichtig, bei Schlaganfallsymptomen so schnell wie möglich in die Klinik zu kommen", sagt Neurologe Grau. "Je früher ein Patient kommt, umso besser sind die Ergebnisse für seine Gesundheit."

SPIEGEL TV über Alzheimer, Aneurysma, Schlaganfall - Gehirn außer Kontrolle

Weitere Informationen zum Thema Schlaganfall finden Sie in diesem Dossier.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung