Neue Schlaganfall-Therapien Mit dem Draht gegen das Blutgerinnsel

Die Behandlung von Schlaganfällen könnte sich bald deutlich ändern: Aktuelle Studien zeigen, dass weniger Patienten schwere Behinderungen davontragen, wenn Ärzte das Blutgerinnsel im Gehirn mithilfe eines Katheters herausziehen.
Schlaganfall: Die linke Bildseite zeigt die rechte Gehirnhälfte, die durch einen Infarkt zum Großteil (rot) kaum noch durchblutet ist

Schlaganfall: Die linke Bildseite zeigt die rechte Gehirnhälfte, die durch einen Infarkt zum Großteil (rot) kaum noch durchblutet ist

Foto: University of Toronto/ Timo Krings

Neurowissenschaftler sind in der Regel eher nüchtern denkende Ärzte. Doch am Mittwoch gegen 18 Uhr mitteleuropäischer Zeit verfielen sie in Euphorie. Auf der International Stroke Conference in Nashville, Tennessee, waren zwei Studien präsentiert worden, die die Wirksamkeit einer neuen Schlaganfalltherapie belegen: der sogenannten Stent-Thrombektomie. Dabei schiebt der Arzt einen Katheter von der Leiste aus durch die große Körperschlagader bis ins Gehirn und zieht das Blutgerinnsel, das die Hirnarterie verstopft und dadurch den Schlaganfall verursacht, mit Hilfe eines kleinen Stents rückwärts wieder heraus.

"Es ist nicht unüblich, dass der Schlaganfall-Patient danach bereits auf dem Katheter-Tisch wieder anfängt zu sprechen oder die Hand zu bewegen", sagt Timo Krings, Professor für Neuroradiologie an der Universität Toronto und einer der Ärzte, der die Behandlungen im Rahmen der Studien durchführte. "Endlich", sagt er, "hat man etwas gegen den Schlaganfall in der Hand, das funktioniert."

Computertomographie der Hirngefäße eines Patienten mit Schlaganfall: Der Pfeil zeigt auf den Verschluss der mittleren Hirnarterie. Bleibt das Gefäß verschlossen, sterben weite Teile des Gehirns ab und es kommt zu schweren bleibenden Schäden.

Computertomographie der Hirngefäße eines Patienten mit Schlaganfall: Der Pfeil zeigt auf den Verschluss der mittleren Hirnarterie. Bleibt das Gefäß verschlossen, sterben weite Teile des Gehirns ab und es kommt zu schweren bleibenden Schäden.

Foto: University of Toronto/ Timo Krings
Gefäßdarstellung desselben Patienten nach der Öffnung der mittleren Hirnarterie: Die Durchblutung des Gehirns funktioniert wieder.

Gefäßdarstellung desselben Patienten nach der Öffnung der mittleren Hirnarterie: Die Durchblutung des Gehirns funktioniert wieder.

Foto: University of Toronto/ Timo Krings

Tatsächlich könnten die beiden Untersuchungen aus Australien  und aus Kanada , die fast gleichzeitig mit der Präsentation auf der Konferenz auch in der Online-Ausgabe des "New England Journal of Medicine" erschienen, zusammen mit einer bereits Anfang Januar veröffentlichten dritten Studie aus den Niederlanden  die Basis für einen neuen Standard in der Schlaganfall-Behandlung setzen. "Die Ergebnisse sind so überwältigend positiv, dass man die Augen davor nicht verschließen kann", sagt Krings. Und auch der Neurologieprofessor Jan Sobesky vom Centrum für Schlaganfallforschung an der Berliner Charité, meint: "Das sind eindrucksvolle Ergebnisse. Jetzt herrscht Aufbruchstimmung."

Wer hat's bezahlt?

Die Studien wurden sowohl von den Unternehmen Covidien (Hersteller unter anderem von Stents), Penumbra und Lamepro finanziert als auch von der University of Calgary (Kanada), Alberta Innovates Health Solutions, der kanadischen Heart and Stroke Foundation und Alberta Health Services. In Australien unterstützten die Studie das National Health and Medical Research Council of Australia, das Royal Australasian College of Physicians, die Royal Melbourne Hospital Foundation, und die National Heart Foundation of Australia. In den Niederlanden finanzierte unter anderen die Dutch Heart Foundation.

Sterblichkeit halbiert

In allen drei Studien waren Schlaganfallpatienten nach dem Zufallsprinzip zwei verschiedenen Therapiegruppen zugeordnet worden: Die eine erhielt die bisherige Standardbehandlung, bei der versucht wird, das Blutgerinnsel mit Hilfe einer medikamentösen Lysetherapie wieder aufzulösen. Die andere Gruppe bekam zusätzlich zur Lysetherapie die neue Stent-Thrombektomie-Behandlung.

Katheterbehandlung plus Lyse schnitt dabei in allen drei Studien deutlich besser ab als die Lyse allein: Nach drei Monaten bewältigten von denjenigen Patienten, die zusätzlich mit der neuen Methode behandelt worden waren, erheblich mehr ihren Alltag ohne Hilfe, als dies bei den Lysepatienten der Fall war. Die besseren Ergebnisse wurden aber nicht mit anderen Risiken erkauft. In einer der drei Studien konnte zudem die Sterblichkeit halbiert werden: Statt zwei von zehn Patienten verstarb nur noch einer von zehn Patienten an den Folgen seines Schlaganfalls.

Die Katheterbehandlung macht deutlich, wie dramatisch sich die Therapie des Schlaganfalls in den vergangenen 20 Jahren verändert hat. Noch vor zwei Jahrzehnten ließ man einen Schlaganfallpatienten in seinem Bett friedlich schlummern, während sein Hirngewebe unwiederbringlich abstarb. Die Einführung von spezialisierten Stroke Units und der Lysetherapie brachte seitdem deutliche Verbesserungen. Allerdings nimmt man bei der Lyse ein Blutungsrisiko in Kauf. Zudem ist das Zeitfenster nach dem Schlaganfall auf 3 bis 4,5 Stunden begrenzt. Zufrieden waren die Ärzte daher nie.

Endlich der Beweis

In großen neurologischen Kliniken wird die Stent-Thrombektomie deshalb schon seit etlichen Jahren durchgeführt. Dass beim Herzinfarkt die Öffnung des verschlossenen Blutgefäßes mit Hilfe eines Katheters inzwischen die Standardbehandlung ist, gab Anlass zu Optimismus.

Doch bislang fehlte der wissenschaftliche Beweis, dass die Kathetertherapie auch beim Schlaganfall besser wirkt als eine Lyse allein. Die Experten werden sich nun die drei neuen Studien genauer ansehen müssen, um ihre Ergebnisse endgültig zu beurteilen. Doch viele rechnen damit, dass jetzt eine ernsthafte Diskussion darüber beginnt, wann und wie die Stent-Thrombektomie als Standardverfahren zur Behandlung des Schlaganfalls in Deutschland eingeführt werden soll.

Dafür müsste sich vieles ändern: "Eine normale Stroke Unit reicht für diese Art der Behandlung nicht mehr", erklärt Timo Krings von der Universität Toronto. Statt dessen, sagt Sobesky, brauche man neurovaskuläre Zentren mit einem direkten Draht zu einer Neuroradiologie, "wo auch nachts um zwei Uhr Spezialisten bereitstehen, wo rund um die Uhr eine Bildgebung auf hohem Niveau gemacht werden kann, wo es eine neurologische Intensivstation und eine Neurochirurgie gibt".

Eines wird allerdings gleichbleiben: Absolut entscheidend ist, dass Patienten mit einem Schlaganfall so schnell wie möglich einen Arzt aufsuchen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hatte gestanden, das Zeitfenster für eine mögliche Lyse-Therapie betrage drei Stunden. Nach Angaben der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)  wird das Zeitfenster mittlerweile auf 4,5 Stunden ausgedehnt. Dennoch gilt: Je früher die Lyse, desto besser das Resultat. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Weitere Informationen zum Thema Schlaganfall finden Sie in diesem Dossier .

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