Schlechte Nachrichten überbringen "Ärzte müssen Stille ertragen können"

Krebsdiagnose und nur noch wenig Zeit, die zum Leben bleibt: Zahlreiche Menschen erhalten von Ärzten schwerwiegende Diagnosen, häufig unter Termindruck. Der Mediziner Jalid Sehouli über angemessene Kommunikation.

Gespräch mit Patienten: "Das ist eine schlechte Nachricht. Aber ich bin jetzt für Sie da."
David Pereiras/ EyeEm/ Getty Images

Gespräch mit Patienten: "Das ist eine schlechte Nachricht. Aber ich bin jetzt für Sie da."

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Sehouli, wie viele schlechte Nachrichten überbringen Sie am Tag?

Sehouli: Im Schnitt sind es täglich drei, aber immerhin auch zehn gute Nachrichten. Ein Arzt führt in seinem Berufsleben etwa 200.000 Gespräche zu existenziell bedrohlichen Situationen mit Patienten und Angehörigen.

SPIEGEL ONLINE: Welche schlechte Nachricht ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Sehouli: Damals war ich Student im Praktischen Jahr und habe einen Professor bei seinem Rundgang durch die Station begleitet. Wir betraten das Zimmer einer Patientin, die an Magenkrebs erkrankt war. Die Prognose war aussichtslos. Der Professor fragte: Haben Sie einen Bausparvertrag? Die Patientin antwortete: Ja. Der Arzt erwiderte: Kündigen.

Zur Person
  • Wiebke Peitz/ Charité Universitätsmedizin Berlin
    Jalid Sehouli, Jahrgang 1968, leitet die gynäkologische Klinik der Berliner Charité und ist Autor des Buches "Von der Kunst, schlechte Nachrichten gut zu überbringen".

SPIEGEL ONLINE: Das ist kaum zu glauben.

Sehouli: So etwas passiert leider häufig. Ein solches Verhalten spiegelt die Unsicherheit des Arztes wider. Anstatt die Wörter Krebs und Tod in den Mund zu nehmen, war es für den Professor leichter, einen Umweg zu machen und die Nachricht über das Thema Bausparvertrag zu vermitteln. Das einzig Positive an diesem Gespräch war, dass der Arzt die Situation klar geschildert hat. Dafür ist allerdings keine so brutale Vorgehensweise nötig. Das kann ganze Krankheitsverläufe negativ beeinflussen. Patienten können ihren Lebensmut verlieren und sogar Suizidgedanken entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Von Ärzten erwartet man ja eigentlich mehr Einfühlungsvermögen.

Sehouli: Ja, allerdings gibt es ein Problem. Ärzte bekommen selten Feedback. Sie können ja schlecht nach einem Gespräch fragen, wie sie sich so angestellt haben. Sie erhalten ab und zu Pralinen und einen Blumenstrauß. Und wenn es ganz schlecht läuft, auch mal einen Beschwerdebrief. Doch dazwischen gibt es nichts. Außerdem kann man als Arzt in Rente gehen, ohne auch nur eine einzige Fortbildung zu Kommunikation gemacht zu haben. Ärzte sind häufig nicht geschult.

SPIEGEL ONLINE: Wie können sich Patienten vor solchen Ärzten schützen?

Sehouli: Gar nicht. Sie wissen ja vor dem Gespräch nicht, wie ein Arzt mit Ihnen umgeht. Wichtig ist deshalb, dass Patienten sich selbst gut vorbereiten und ihre Bedürfnisse kennen. Ein großes Problem ist zum Beispiel, dass Patienten häufig im hektischen Klinikalltag zwischen Tür und Angel erfahren, dass am nächsten Tag ihr Befund besprochen wird. Oft wissen sie aber nicht, zu welcher konkreten Uhrzeit und an welchem Ort. Es besteht die Gefahr, dass sie am nächsten Tag vom Arzt überrumpelt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie können sie das verhindern?

Sehouli: Die Patienten sollten ihre Wünsche klar äußern. Möchten sie einen Angehörigen dabeihaben, sollten sie dem Arzt das mitteilen. Sie können ihn auch bitten, den Zeitpunkt des Gesprächs zu konkretisieren. Wenn ein Patient weiß, dass der Arzt zwischen 15 und 16 Uhr zu ihm kommt, kann er sich entsprechend vorbereiten und auch einen Angehörigen dazu bitten. So gewinnen Patienten mehr Kontrolle.

SPIEGEL ONLINE: Auf welche Situationen sollten Patienten im Gespräch vorbereitet sein?

Sehouli: Darauf, dass der Arzt viel redet. Ärzte retten sich gern in Monologe, wenn es um schlechte Nachrichten geht. Doch das ist genau das Falsche. Patienten können nach der Überbringung einer schlimmen Nachricht maximal zweieinhalb Minuten zuhören. Das ist wie ein Flash. Sie riechen, sehen, hören und fühlen dann nichts mehr. Der Arzt sollte deshalb die Geschwindigkeit herausnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Und schweigen?

Sehouli: Richtig, Ärzte müssen Stille ertragen können. Es gibt aber Studien darüber, dass Ärzte das nur maximal 16 Sekunden können. Dann reden sie weiter. Aber gerade Stille empfinden viele Menschen als heilsam. Und nur so können sie die Nachricht verarbeiten. Tun sie das nicht, schätzen sie ihre Lage womöglich völlig falsch ein. Ich habe schon erlebt, dass Patienten an ihrem Todestag noch hoffnungsfroh geheiratet haben, weil Ärzte es nicht geschafft haben, ihnen ihre Lage klar zu schildern.

SPIEGEL ONLINE: Stille aushalten, Geschwindigkeit herausnehmen, einfühlsam kommunizieren - hat ein Arzt dafür überhaupt Zeit?

Sehouli: Keine Zeit zu haben, ist keine Ausrede. Ein gutes Gespräch hängt nicht davon ab, ob es fünf Minuten dauert oder 20. Es geht einzig und allein um die Haltung des Arztes. Um seine Achtsamkeit. Er muss dem Patienten klar vermitteln: Ja, das ist eine schlechte Nachricht. Aber ich bin jetzt für Sie da. Und ich laufe auch nicht weg. Und ein Arzt muss die richtigen Fragen stellen: Wer kümmert sich um Sie? Wer holt Sie ab? Es reicht nicht aus, dem Patienten zu sagen, dass er sich bei Fragen melden kann.

SPIEGEL ONLINE: Ärzte sollen achtsam und einfühlsam sein, den stressigen Klinikalltag routiniert meistern, gut und schnell operieren können und auch die Bürokratie bewältigen. Ist das alles nicht zu viel verlangt?

Sehouli: Ja, absolut. Ärzte erledigen ein wahnsinniges Pensum. Die Aufgaben sind mal banal, dann wieder existenziell. Und alles wechselt sich rasant ab. Gleichzeitig sind Ärzte auch nur Menschen, die Angst haben, über Krankheit und Tod zu reden. Und mit all dem werden sie weitgehend allein gelassen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Lösungsvorschläge?

Sehouli: Ärzte sollten ihr gesamtes Berufsleben lang regelmäßig an Kommunikationsfortbildungen teilnehmen müssen. Solche Seminare müssen an allen Universitäten etabliert und zum Pflichtprogramm werden. Wichtig wäre es auch, das Führen solch schwerer Gespräche angemessen zu honorieren. Es kann nicht sein, dass ein schwieriges Gespräch mit dem Überbringen einer schlechten Nachricht weniger honoriert wird als eine einfache technische Untersuchung.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
manuel.wagner 03.05.2019
1. Honorierung?
Dass Herr Sehouli anregt, das Überbringen schlechter Nachrichten besser zu honorieren als eine technische Untersuchung hat mich umgehauen. Eine Honorierung? Welches Ethos bringen Ärzte mit, die sich ernsthaft Gedanken darüber machen, mit welchem Abrechnungssatz das Gespräch vergütet wird, mit dem sie ihrem Patienten eine Todesnachricht überbringen? Also, ob sie an den Gesprächen auch angemessen verdienen? Daraus kommen viele Unsegnungen der heutigen Gesundheitswelt: Festgelegte Minutenzeiten für die Pflege Pflegebedürftiger und der richtige Abrechnungssatz für die Überbringung schlechter Nachrichten.
Merlin1006 03.05.2019
2. Ärztinnen und Ärzte online bewerten
Klar hat man die Möglichkeit, seinem Arzt ein Feedback zu geben, wenn auch nur indirekt über ein Bewertungsportal. Vorausgesetzt, er oder sie liest es und kann es reflektieren und einordnen.
noalk 03.05.2019
3. geschwätzige Ärzte
Die kenne ich auch. Es ist auch schwer, sie in ihrem Redefluss zu unterbrechen. Sie unterstehen ja auch dem juristischen Gebot der umfassenden Patienteninformation.
udo l 03.05.2019
4. @manuel.wagner
Sehr geehrter Mitforist, ich find Ihre Argumentation basiert auf einer zweifelhaften Moral. Sie gestehen bestimmt jedem Dienstleister, ob Banker oder Steuerberater oder sonstigen Finanzdienstleistern ein ordentliches Honorar zu, wenn diese sich um Ihr Geld kümmern oder Sie ordentlich beraten. Aber bei einem Arzt ist dies unmoralisch? Dieser nimmt sich nicht nur Zeit für solch ein Gespräch, es wird ihn auch entsprechend belasten, nicht umsonst gibt es unter Ärzten oft psychische Probleme. Das ist ihr Beruf, dafür haben Sie studiert, und dann kommen Menschen wie Sie und stellen moralisch in Zweifel, dass sie dafür auch noch bezahlt werden, das darf doch nicht sein, es geht doch um menschliche Schiksale.
Felix2012 03.05.2019
5.
Zitat von manuel.wagnerDass Herr Sehouli anregt, das Überbringen schlechter Nachrichten besser zu honorieren als eine technische Untersuchung hat mich umgehauen. Eine Honorierung? Welches Ethos bringen Ärzte mit, die sich ernsthaft Gedanken darüber machen, mit welchem Abrechnungssatz das Gespräch vergütet wird, mit dem sie ihrem Patienten eine Todesnachricht überbringen? Also, ob sie an den Gesprächen auch angemessen verdienen? Daraus kommen viele Unsegnungen der heutigen Gesundheitswelt: Festgelegte Minutenzeiten für die Pflege Pflegebedürftiger und der richtige Abrechnungssatz für die Überbringung schlechter Nachrichten.
Lieber Herr Wagner, um den heutigen Klinik-Alltag richtig einschätzen zu können vielleicht folgende Ausführungen (Aber vielleicht wissen sie es schon): bei äußerst knapp bemessener Personaldecke sowohl in der Pflege als auch in der Ärzteschaft werden die technischen Handlungen/Untersuchungen/Operationen anhand von online frei einsehbaren Intranet–Terminkalendern eng getaktet und Klinik- Geschäftsführern überprüft. Es geht dabei um die volle Ausschöpfung der personellen Ressourcen. Ein schönes umschreiben das Wort ist Prozessqualität. So ist im OP und in der Endoskopie nicht nur die Untersuchungszeit /OP-Zeit sondern auch die Wechselzeit definiert und entsprechend vorgegeben. Es wird von Untersuchung zur Untersuchung gehetzt. In der vorgegebenen Patienten-Liegedauer müssen die entsprechenden technischen Untersuchungen/OP zeitsparend untergebracht werden. Ausführliche Gespräche und sich Zeit nehmen für den Patienten sieht dieses System einfach nicht vor, das DRG-System die falschen finanziellen Anreize setzt.
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