Produktnennungen Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie nicht Ihre Frauenzeitschrift

Einige Zeitschriften empfehlen in redaktionellen Texten auffällig oft rezeptfreie Medikamente. Hilfreiche Information oder Schleichwerbung? Der Faktencheck klärt, ob die Tipps medizinisch sinnvoll sind oder gar gesundheitlich bedenklich.

Wenn Frauenzeitschriften über Gesundheitsthemen schreiben, nennen sie häufig Markenprodukte. "Bei regelmäßiger Einnahme (z. B. "Pascoflair", in Apotheken) lassen Ängste und nervöse Unruhe nach, Einschlafstörungen gehören der Vergangenheit an", schreibt beispielsweise die "Vital". Dass die Mittel möglicherweise nicht die Beschwerden lindern oder Nebenwirkungen haben könnten: In der Regel wird das nicht erwähnt.

Manche dieser Texte wecken auch Ängste bei der Leserschaft, zum Beispiel vor einem Nährstoffmangel, der Kopfschmerzen oder sogar Depressionen nach sich ziehen könnte. Der Pressekodex fordert für die Medizinberichterstattung, weder übertriebene Ängste noch Hoffnungen zu wecken - offenbar wird dies häufiger ignoriert.

Ein häufiges Muster: Ist ein drohendes Gesundheitsproblem beschrieben, preisen die Artikel umgehend eine vermeintlich simple Lösung an: rezeptfreie Medikamente aus der Apotheke oder Nahrungsergänzungsmittel.

Im Sinne der Leserschaft?

Mitarbeiter mehrerer Verlage haben erklärt, dass Produkterwähnungen auf Absprachen mit Pharmaunternehmen beruhen sollen, die in den Blättern Anzeigen schalten. Eine Auswertung von SPIEGEL ONLINE und ein Planungsdokument aus dem Bauer-Verlag deuten ebenfalls in diese Richtung.

Handelt es sich um Schleichwerbung? Bauer sowie Gruner + Jahr widersprechen diesem Vorwurf, die anderen Verlage haben auf unsere Anfragen nicht reagiert. "Unsere Texte entstehen ohne Einfluss von Dritten und entsprechen dem Informationsinteresse unserer Leser", teilt Gruner mit. "Die Redaktionen der Bauer Media Group berichten regelmäßig unter Wahrung der redaktionellen Unabhängigkeit über konkrete Gesundheitsthemen, da das Interesse unserer Leser hieran sehr groß ist", antwortet Bauer. Der Verlag erhalte zahlreiche Anzeigenaufträge, "da die redaktionell unabhängig erstellten Artikel über Gesundheitsthemen aufgrund ihrer Leserschaftsschwerpunkte (Frauen 45 +) als Anzeigenumfelder stark nachgefragt werden".

Sind denn die Produktnennungen im Sinne der Leserschaft? Decken sich die Empfehlungen in diesen Artikeln mit dem, was nach medizinischem Wissen als sinnvoll eingestuft wird?

Um dies zu bewerten, haben wir eine Auswahl von Texten genauer analysiert.

Dafür haben wir nicht nur in Studien, sondern auch in die aktuellen medizinischen Leitlinien geschaut: Diese Dokumente werden von Fachgesellschaften erstellt, um Ärzten die optimale Behandlung nach aktuellem Wissensstand darzulegen. Sie sollen sowohl die Mediziner als auch die Patienten bei ihren Entscheidungen unterstützen.

Wir haben zusätzlich Leitlinienautoren, also ausgewiesene Experten auf ihrem Gebiet, befragt, was sie Patienten raten und was sie von den Empfehlungen in den Zeitschriften halten.

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"Einschlafstörungen gehören der Vergangenheit an"

"Einschlafstörungen gehören der Vergangenheit an"

Schlafstörungen sind ein häufiges Problem. In einer großen Befragung  im Auftrag des Robert Koch-Instituts (RKI) gaben rund 30 Prozent der Befragten an, mindestens dreimal pro Woche schlecht ein- oder durchzuschlafen. Jeder Fünfte klagte über schlechte Schlafqualität. Wer keinen Schlaf findet, ist tagsüber müde, unkonzentriert und fürchtet die Nacht, die man allein durchwacht: Der Leidensdruck der Betroffenen ist oft hoch.

Die Zielgruppe für rezeptfreie Präparate, die den Schlaf verbessern sollen, ist entsprechend groß. Dazu kommt: Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer, Ältere häufiger als Jüngere. Zeitschriften wie "tina", "Bild der Frau" oder "Frau im Trend", die in erster Linie von Frauen über 50 Jahren gelesen werden, erreichen also überdurchschnittlich viele Menschen, die unter Schlafproblemen leiden und empfänglich für Vorschläge sind.

So berichten die Zeitschriften

Mehrere der ausgewerteten Ausgaben widmen sich dem Thema Schlaf. Empfohlen werden in erster Linie pflanzliche Präparate, die beispielsweise Lavendelöl, Passionsblumenextrakt, Johanniskraut oder Baldrian enthalten. Auch homöopathische Mittel sowie Magnesiumtabletten werden angepriesen. Beispielsweise lobt "Frau im Trend" auf einer Doppelseite unter der Überschrift "Lästige Schlafräuber schachmatt gesetzt" gleich sechs verschiedene Präparate.

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Produkterwähnungen in Frauenzeitschriften: "Zartes Aroma wiegt uns in erholsamen Schlummer"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Was ist an diesen Behauptungen dran?

"Auf natürlichem Weg zur Ruhe kommen", "noch gezieltere Hilfe", "morgens erholt aufwachen", "Einschlafstörungen gehören der Vergangenheit an": Die Texte erwecken den Eindruck, als würden Schlafprobleme auf jeden Fall verschwinden, wenn man eines der Präparate nimmt. "Hier wird etwas versprochen, was nie nachgewiesen worden ist und was auch nicht stimmt", sagt Ingo Fietze, einer der Verfasser der Leitlinie zu Schlafstörungen .

Laut Leitlinie fehlt bei allen pflanzlichen Präparaten der wissenschaftliche Nachweis, dass sie gegen Schlafstörungen helfen. Eine solide Datenbasis gibt es demnach nur für Baldrian - allerdings mit dem Fazit, dass er nicht empfohlen wird. "Wir haben auch einmal eine Baldrian-Studie durchgeführt und lernen müssen, dass es nicht hilft", erzählt Fietze, der das Interdisziplinäre Schlafmedizinische Zentrum an der Berliner Charité leitet.

"Bei chronisch Schlafgestörten hat die Pflanzentherapie überhaupt keinen Sinn, höchstens als Begleittherapie", sagt der Mediziner. Die meisten Patienten, die ins Schlafmedizinische Zentrum kämen, hätten bereits pflanzliche Arzneimittel ausprobiert und dadurch keine Besserung erfahren.

Eine chronische Schlafstörung beginnt laut Fietze, wenn jemand mindestens viermal pro Woche länger als 30 Minuten zum Einschlafen braucht oder nachts nach dem Wachwerden mehr als 30 Minuten zum erneuten Einschlafen. Eine weitere Form ist das frühmorgendliche Erwachen, nach dem Betroffene nicht wieder einschlafen können. Wer diese Probleme ein- bis dreimal die Woche hat, ist ein sensibler Schläfer, sagt Fietze. Die könnten die Pflanzenpräparate ausprobieren, wenn sie wollten - aber eben ohne jegliche Erfolgsgarantie. "Schon gar nicht können sie ein Schlafproblem beseitigen, höchstens lindern."

Was wird Betroffenen tatsächlich empfohlen?

Wer über einen Zeitraum von einem Monat in mindestens drei Nächten pro Woche nicht gut schläft und davon am Tag beeinträchtigt ist, sollte zum Arzt gehen.

Natürlich wäre es einfacher, bloß eine Tablette zu schlucken und schon kehrt der erholsame Schlaf zurück. Erwiesen ist aber: Schlafstörungen lassen sich am besten bekämpfen, wenn die Betroffenen etwas stärker mitarbeiten.

Unter anderem kann es helfen, Entspannungs- oder Achtsamkeitsübungen zu erlernen und anzuwenden, darunter die progressive Muskelentspannung. Auch eine Verhaltenstherapie kann dazu beitragen, dass sich der Schlaf wieder bessert. Bei starken Schlafstörungen kann es sein, dass der Arzt rezeptpflichtige Medikamente verschreibt.

Experten empfehlen Menschen, die schlecht schlafen, einige Regeln zur Schlafhygiene  zu befolgen:

  • Nach dem Mittagessen (ja: Mittag!) keine koffeinhaltigen Getränke trinken.
  • Alkohol weitgehend vermeiden.
  • Keine Appetitzügler einnehmen.
  • Regelmäßig körperlich aktiv sein.
  • Vor dem Zubettgehen geistige und körperliche Anstrengung verringern.
  • Ein persönliches Einschlafritual einführen.
  • Im Schlafzimmer für eine angenehme Atmosphäre sorgen.
  • Nachts nicht auf die Uhr schauen.

"Schnelle Hilfe bei Tinnitus"

Beim Tinnitus nerven ständig auftretende, störende Ohrgeräusche, laut Schätzungen leiden 0,5 bis 2 Prozent der Deutschen daran. Die Ohrgeräusche können in Verbindung mit einem Hörsturz auftreten.

So berichten die Zeitschriften

"Bella" widmet der "schnellen Hilfe bei Tinnitus" eine Doppelseite. Schon im Vorspann wird klar: Es geht darum, "wie ein Pflanzenextrakt das Leiden lindern kann". Bebildert ist der Artikel mit einem Ginkgo-Baum, denn es geht um ein spezielles Ginkgo-Präparat. Das Mittel wird auch in "Lisa" gegen Tinnitus empfohlen.

Doppelseite in "Bella"

Doppelseite in "Bella"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Was ist an diesen Behauptungen dran?

Ist der Tinnitus akut, also noch keine drei Monate vorhanden, gilt für die Behandlung die Hörsturz-Leitlinie . Dort wird Ginkgo nicht erwähnt.

In der aktuellen Leitlinie zum chronischen Tinnitus , also einem mindestens drei Monate andauerndem störenden Ohrgeräusch, wird Ginkgo thematisiert: Demnach konnte er in Studien mit insgesamt mehr als 6000 Patienten keine Wirksamkeit beweisen.

Hans Zenner von der Uniklinik Tübingen hat die Entwicklung dieser Leitlinie koordiniert. Er schreibt SPIEGEL ONLINE: "Ich rate Patienten mit Tinnitus nicht zu Ginkgo, da bekanntermaßen eine Wirkung nicht zu erwarten ist."

Er nennt sogar ein Argument gegen das Präparat: Wenn ein unwirksames Arzneimittel keine Wirkung entfalte und der Patient daraufhin verstärkt auf den Tinnitus achte, komme es dadurch zu einem subjektiven Anstieg der Lautstärke. Die Beschwerden können sich also verschlimmern.

Ginkgo könne zudem körperliche Nebenwirkungen hervorrufen, so Zenner. Und zwar allergische Hautreaktionen, Kopfschmerzen und Schwindel. Weiterhin möglich seien leichte Magen-Darm-Beschwerden sowie allergische Schocks bei überempfindlichen Personen. Außerdem kann das Ginkgo-Präparat die Wirkung von Arzneimitteln, die die Blutgerinnung hemmen, verstärken - dazu zählen unter anderem Schmerzmittel mit Acetylsalicysäure (Aspirin) oder der Gerinnungshemmer Phenprocoumon (Macumar). Dann kann es zu Blutungen an einzelnen Organen kommen.

Was wird Betroffenen tatsächlich empfohlen?

Manchmal wird ein Tinnitus durch körperliche Beschwerden, etwa Schäden an der Halswirbelsäule oder an Kauapparat und Kiefer verursacht - dann kann es helfen, diese zu behandeln. Doch nicht immer lässt sich so eine Ursache finden. Den Betroffenen kann dann das sogenannte Counseling helfen, bei dem sie unter anderem lernen, stressverstärkende Gewohnheiten zu erkennen und Bewältigungstrategien zu entwickeln. Hier können Sie mehr über die Tinnitus-Therapie erfahren

"Nagelpilz kann jeden treffen!"

Schätzungen zufolge haben drei bis zwölf Prozent der Bevölkerung Nagelpilz. Insbesondere ältere Menschen  haben damit zu kämpfen.

Wird der Pilz nicht behandelt, kann er mit der Zeit den Nagel so schädigen, dass zum Beispiel das Gehen schmerzhaft wird. Außerdem steigt die Gefahr weiterer Infektionen im umliegenden Gewebe. Man sollte also eine Nagelpilzinfektion nicht ignorieren.

So berichten die Zeitschriften

Die "Woche der Frau" widmet sich auf einer Doppelseite dem Thema "Auf schönen Füßen in den Sommer". Hier werden gleich drei verschiedene Produkte des Unternehmens Taurus Pharma genannt, darunter ein wasserlöslicher Lack gegen Nagelpilz. Das Produkt ist zweimal abgebildet. Mehrere andere Zeitschriften empfehlen ebenfalls diesen Lack gegen Nagelpilz, der rezeptfrei in der Apotheke erhältlich ist.

"Woche der Frau"

"Woche der Frau"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Er bekämpfe den Nagelpilz zuverlässig, dringe tief in die Nagelplatte ein und vernichte so auch die ansteckenden Pilzsporen, er habe sich bewährt: So wird das Produkt in verschiedenen Zeitschriften gelobt. Es wird betont, dass die Heilung sechs bis neun Monate in Anspruch nehmen kann und man bei der Bekämpfung diszipliniert dabeibleiben müsse.

"Frau im Trend"

"Frau im Trend"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Was ist an diesen Behauptungen dran?

Es dauert tatsächlich lange, bis ein Nagelpilz ausheilt. Ist der Nagel erst einmal durch Pilzbefall zerstört, müssen diese Stellen raus- und gesunder Nagel nachwachsen.

Experten raten davon ab, die langwierige Behandlung ohne Rücksprache mit einem Hautarzt zu beginnen.

Der Grund: Die Vermutung, man habe einen Nagelpilz, kann schlicht falsch sein. Es können auch andere Krankheiten dahinterstecken, sagt Jochen Brasch von der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Er hat vor einigen Jahren eine Leitlinie zu Nagelpilz mitverfasst. Andere Krankheiten können die Beschwerden verursachen, erklärt Brasch. Ebenso können Mischinfektionen von Pilzen und Bakterien auftreten, die anders behandelt werden müssten.

"Wegen eines Fußpilzes muss man nicht unbedingt zum Arzt", so Brasch. "Aber wenn die Nägel befallen sind, ist eine ärztliche Diagnose unbedingt zu empfehlen - besonders, bevor Sie eine monatelange Behandlung beginnen."

"Der Arzt kann diagnostizieren, welcher Pilz vorliegt. Denn nicht jeder spricht auf die üblichen Mittel an", sagt Brasch. Wer den Ratschlägen aus den Zeitschriften vertraut und sechs oder neun Monate geduldig die Nägel einpinselt, hat am Ende eventuell nur eins: unnötig Geld ausgegeben.

Er würde zudem kein bestimmtes Präparat hervorheben. "Es gibt verschiedene, ähnlich gut wirksame Mittel auf dem Markt." Nebenwirkungen wie Brennen, Jucken, Rötung und Schuppung an den behandelten Stellen können bei Anwendung des von den Zeitschriften empfohlenen Lacks auftreten, sie sind aber sehr selten.

Was wird Betroffenen tatsächlich empfohlen?

Bei Verdacht auf Nagelpilz ist also ein Besuch beim Hautarzt sinnvoll - die folgende Therapie hängt von dessen Diagnose ab.

"Die Nägel rein lokal zu behandeln, ist ohnehin nur zu empfehlen, wenn erst ein kleinerer Teil des Nagels oberflächlich befallen ist. Vor allem, wenn der Pilz im unteren Bereich, also beim Nagelbett, wächst, sollte man zusätzliche Antipilzmittel einnehmen. Die Lacke kommen dort ganz schlecht an die Pilze", sagt Dermatologe Brasch.

Mehr Informationen zur Vorbeugung und Therapie von Nagelpilz finden Sie hier.

"Perfekter Rundumschutz für Hirn, Herz, Augen, Knochen"

Demenz, Schlaganfall, Herzinfarkt: Davor haben viele Angst. Im Alter steigt das Risiko für alle drei Leiden - Vorbeugung ist daher ein interessantes Themenfeld.

Ein "Neue Post"-Artikel illustriert das Schema, wie bei der Leserschaft erst Angst geweckt und dann das rettende Mittel angepriesen wird. Auch "Bild der Frau" empfiehlt dieses Präparat - und zwar gegen Depressionen.

So berichten die Zeitschriften

Unter der Überschrift "Vitamine für Ihre Gefäße" findet sich eine halbe Seite in der Zeitschrift "Neue Post". Dort wird geschildert, dass Forscher Homocystein für gefährlicher halten als Cholesterin. Mit einem hohem Homocystein-Spiegel im Blut steige das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Demenz und Depressionen. Gerade ältere Menschen hätten oft einen kritischen Homocystein-Wert, heißt es. "Gegensteuern können wir mit den Biostoffen B 6, B 12 sowie Folsäure. Das haben Forscher in einer Studie herausgefunden." Mediziner rieten daher, "einen Homocystein-Senker (z.B. "Synervit", Apotheke) einzunehmen." Der Artikel schließt mit einer Hymne auf das Produkt: "So erhalten wir einen perfekten Rundumschutz für unser Gehirn, das Herz, die Augen, die Knochen und unser Gefäßsystem."

"Bild der Frau" empfiehlt das Präparat zusätzlich an Depression Erkrankten. Laut diesem Artikel haben etwa 30 Prozent der Depressiven einen Folsäuremangel. Sie sprächen weniger auf Antidepressiva an als andere, heißt es in dem Text. "Sinnvoll ist dann die Einnahme von Folsäurepräparaten (z. B. in "Synervit", Apotheke)."

"Bild der Frau"

"Bild der Frau"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Was ist an diesen Behauptungen dran - was wird Betroffenen empfohlen?

Schlaganfall und Infarkt

Eine Absenkung des Homocystein-Spiegels durch Folsäure und Vitamin B könne nicht zur Schlaganfallvorbeugung empfohlen werden, heißt es in der Leitlinie  der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin von 2012.

Allgemeinmediziner Frederik Mader gehört zu den Koordinatioren einer neuen Schlaganfall-Leitlinie. Er sagt: "Zwar geht ein hoher Homocystein-Spiegel tatsächlich mit einem höheren Schlaganfallrisiko einher. Und er lässt sich durch Folsäure und B-Vitamine senken. Mehr Folsäure im Körper heißt also tatsächlich: weniger Homocystein. Aber es gibt eine große Zahl gut gemachter, nicht industriefinanzierter Studien, die zeigen, dass dadurch leider nicht die Anzahl der Schlaganfälle sinkt." Beim Infarktrisiko sieht es ähnlich aus.

Eine Arbeit der unabhängigen Cochrane Collaboration, in der Studien mit insgesamt fast 48.000 Teilnehmern  ausgewertet wurden, hat das Fazit: Das Senken des Homocystein-Spiegels durch die Gabe von Vitamin B 6, 9 oder 12 reduziert nicht das Risiko für Infarkte und Schlaganfälle. Auch Menschen, die schon herzkrank sind, leben durch die Einnahme dieser Präparate nicht länger.

Mader hat deshalb eine klare Botschaft: "Sparen Sie sich das Geld, das Präparat hilft nicht!" Er rät - auch mit Blick auf mögliche Wechselwirkungen - zum Verzicht. Gerade ältere Menschen nehmen oft mehrere Medikamente. "Sie mögen zwar denken, dass sie sich mit einem Vitaminpräparat oder einem pflanzlichen Produkt nur Gutes tun können, aber das kann ein Trugschluss sein", warnt der Mediziner. "Durch Wechselwirkungen können auch rezeptfreie Mittel schaden."

Wie lässt sich das Schlaganfallrisiko senken? "Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Aber es hilft, nicht zu rauchen, sich zu bewegen und sich vernünftig zu ernähren", sagt Mader. Bestimmte Krankheiten, die die Gefahr erhöhen - darunter Vorhofflimmern und Diabetes - sollten zudem behandelt werden.

Demenz

Frank Jessen, der die Leitlinie Demenzen  mitverantwortet hat, hat eine klare Antwort auf die Frage, ob Homocystein-Senker empfohlen werden: "Nein", schreibt Jessen, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Köln. "Bisher gibt es keine Präparate, die vor einer Demenz schützen."

Die Leitlinie empfiehlt, zur Demenzvorbeugung einen aktiven Lebensstil zu pflegen - mit geistigen und gesellschaftlichen Anregungen sowie ausreichend Sport beziehungsweise anderer Bewegung. Zu Medikamenten wird nur geraten, wenn bestehende Krankheiten, wie etwa ein Diabetes, behandelt werden müssen.

Depression

Auch in der Nationalen Versorgungsleitlinie zur Depression  findet sich nicht der Rat, vorbeugend Homocystein-Senker einzunehmen.

Tom Bschor, Chefarzt der psychiatrischen Abteilung der Schlosspark-Klinik in Berlin, hat an der aktuellen Leitlinie mitgearbeitet. Er erklärt, warum dort keine vorbeugende Einnahme von Folsäure beziehungsweise das Senken des Homocystein-Spiegels empfohlen wird: "Die Datenlage ist nicht eindeutig."

Dass das Präparat als perfekter Rundumschutz angepriesen werde, sei wissenschaftlich nicht haltbar. "Bedenklich ist, dass es Menschen die Sicherheit vorgaukelt, sie bräuchten dann keinerlei andere Vorbeugung mehr."

Könnte das Mittel denn eine Depressionstherapie sinnvoll ergänzen? Auch das ist nicht gesichert. "Eine Meta-Analyse  von 2015 hat das Fazit, dass es Patienten mit einer Depression nicht hilft, wenn sie zusätzlich zu Antidepressiva Folsäure nehmen", sagt Bschor. Die Analyse kommt allerdings auch zum Schluss, dass möglicherweise das Rückfallrisiko sinkt, wenn Betroffene Folsäure einnehmen.

Bschors Empfehlung an jene, die sich um ihre Nährstoffwerte sorgen: "Vitamine muss man nicht in Tablettenform einwerfen. Folsäure steckt unter anderem in Gemüse. Wer für sich kocht, macht sich eine Freude, genießt - auch das hilft, einer Depression vorzubeugen."

Überhaupt könne alles, was einem guttut, auch dazu beitragen, Depressionen zu verhindern: soziale Kontakte, Hobbys, Musik und Ausdauersport etwa.

"Alleskönner Magnesium"

Wer Sorgen hat, er könne zu wenig Magnesium zu sich nehmen, wird beim Lesen der Zeitschriften schnell bestätigt: Wadenkrämpfe, Depressionen, Kopfschmerzen - das alles können Symptome eines Magnesiummangels sein.

So berichten die Zeitschriften

Mehrere Zeitschriften, darunter "Lisa" und "Für Sie" empfehlen, ein Magnesiumpräparat einzunehmen.

"Für Sie"

"Für Sie"

Foto: SPIEGEL ONLINE

In der "Für Sie" heißt es, bei Stress brauche man besonders viel Magnesium. "Ernährungswissenschaftler raten daher, dann sicherheitshalber hochwertige Magnesiumpräparate aus der Apotheke zu nehmen." "Lisa" empfiehlt ebenfalls dieses Produkt: rot hervorgehoben in einem Kasten "So hilft die Apotheke".

"Lisa"

"Lisa"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Was ist an diesen Behauptungen dran?

Haben wir in Deutschland ein unerkanntes Problem mit der Magnesiumversorgung? Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) beruhigt: "Ein Magnesiummangel mit definierten Symptomen konnte bei gesunden Menschen mit den üblichen Ernährungs- und Lebensgewohnheiten bisher nicht nachgewiesen werden." Wer gesund ist, muss deshalb nicht extra Magnesiumpräparate einnehmen.

Findet sich denn Magnesium, wie die "Lisa" andeutet, nur in Lebensmitteln, die "Figurbewusste eher meiden" und laufen deshalb möglicherweise alle, die sehr auf ihr Gewicht achten, Gefahr, einen Mangel zu entwickeln?

Auch hier widerspricht die DGE: "Zahlreiche Lebensmittel liefern Magnesium, darunter auch kalorienarme - viele Gemüsearten, Geflügel, Fisch, Himbeeren, Brombeeren. Sojabohnen, Vollkornprodukte und Milch sind ebenfalls gute Magnesiumquellen. "Auch Kaffee und Tee tragen zur Bedarfsdeckung bei. Wer mag, kann zusätzlich magnesiumreiche Mineralwässer (mit mehr als 100 Milligramm pro Liter) trinken."

Was wird Betroffenen tatsächlich empfohlen?

Einige Krankheiten sowie bestimmte Medikamente können einen Magnesiummangel fördern, darunter bestimmte Magen-Darm-Leiden. Betroffene sollten beim Arzt klären, ob es sinnvoll wäre, Magnesiumtabletten einzunehmen. Das gilt laut DGE unter anderem auch für Diabetiker, Asthmatiker und Alkoholiker.

"Pflanzlich durch die Wechseljahre"

Zeitschriften, die sich an ältere Frauen richten, beschäftigen sich zurecht auch mit den Wechseljahren. Einige Frauen leiden in dieser Zeit unter Hitzewallungen und Schweißausbrüchen sowie unter einer trockenen Scheide. Andere Beschwerden, wie etwa Schlafstörungen und Stimmungsänderungen, können dazukommen.

So berichten die Zeitschriften

Ob "Für Sie", "Lea", "Lisa", "Frau von heute" oder "Vital": Berichten die Zeitschriften über Beschwerden in den Wechseljahren, wird als Abhilfe meist etwas Pflanzliches empfohlen, in einigen Fällen auch Homöopathie. "Pflanzenhormone tricksen Hitzewallungen sanft aus", die Präparate "bringen den Körper schonend in Balance", die Symptome lassen sich "fast immer sanft lindern - ganz ohne chemisch hergestellte Hormone", heißt es unter anderem.

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Produktempfehlungen in Frauenzeitschriften: "Ideal für Frauen mit erhöhtem Brustkrebs-Risiko"

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Was ist an diesen Behauptungen dran?

Dolores Foth arbeitet als Leitende Ärztin am MVZ Pan Institut für Endokrinologie und Reproduktionsmedizin in Köln. Sie hat das Kapitel über alternative Therapien gegen Wechseljahresbeschwerden in der letzten Leitlinie zur Hormontherapie (HT) in der Menopause verfasst, die allerdings nicht mehr aktuell ist.

Die alternativen Therapien stellen keine gleichwertige Alternative zur HT dar, schreibt sie SPIEGEL ONLINE.

Auch die als pflanzlich, natürlich, schonend und sanft gelobten Präparate können Nebenwirkungen haben, statt den Körper nur "schonend in Balance zu bringen".

In einzelnen Fällen  entwickelten Frauen, die Traubensilberkerze-Extrakte einnahmen, Leberschäden. Auch wenn es darüber nur wenige Berichte gibt, weist die Europäische Arzneimittelbehörde Ema  daher darauf hin, dass Frauen auf mögliche Symptome einer Leberschädigung wie Appetitverlust, gelb verfärbte Haut, starke Bauchschmerzen und dunklen Urin achten sollten.

"In der Praxis wird häufig der Wunsch nach alternativen Therapien von klimakterischen Beschwerden geäußert. Auch gezielt Präparate aus der Werbung werden angesprochen", berichtet Foth. Die Frauenärzte seien hier in der Pflicht, die Frauen realistisch nach aktuellem Fachwissen zu beraten und aufzuklären. "Häufig ist es die Angst und das falsche oder fehlende Wissen über Hormone, die die Frauen zu alternativen Therapien führen", so Foth.

Was wird Betroffenen tatsächlich empfohlen?

Frauen könnten pflanzliche Mittel ausprobieren, falls die Wechseljahresbeschwerden nur leicht sind oder sie sich eine alternative Therapie wünschen, so Dolores Foth. Sie sollten sich aber vom Frauenarzt beraten lassen.

Leiden Frauen unter starken Hitzewallungen und Schweißausbrüchen, seien die pflanzlichen Präparate nicht zu empfehlen, weil es unwahrscheinlich sei, dass dadurch die Beschwerden abklingen.

Wenn Frauen stark an Wechseljahresbeschwerden leiden, rät Foth zu einer Hormontherapie, falls keine medizinischen Gründe dagegensprechen.

Da diese mit Risiken behaftet ist, muss jede Frau individuell für sich abwägen, ob sie diese in Kauf nehmen will.