Schmerz-Coaching So lernen Sie, Ihren Körper zu verstehen

Was will mein Körper eigentlich? Gerade bei chronischen Schmerzen ist es wichtig, mit dem Körper in Kontakt zu stehen. Zwei einfache Übungen können helfen, seine Signale besser zu verstehen.


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SPIEGEL WISSEN hat ein achtwöchiges Coaching für Menschen mit chronischen Schmerzen entwickelt, mit dem Sie lernen können, Ihre Schmerzen besser zu verstehen und kompetenter mit ihnen umzugehen. Dies ist der zweite Teil. Die anderen Teile finden Sie in den folgenden Wochen hier.

Im Hit "Tag am Meer" von den Fantastischen Vier heißt es an einer Stelle: "Dieser Körper ist dein Haus - und darin kennst du dich aus." Doch auch wenn man diese Zeilen gedankenlos mitsingt, bleibt die Frage: Ist unser Körper wirklich ein Haus, in dem wir uns auskennen?

Viele Menschen haben zwar eine Beziehung zu ihrem Körper, pflegen ihn, versuchen Sport zu machen, gönnen ihm genug Schlaf und gesunde Kost oder hinterfragen einfach regelmäßig, wie es ihnen körperlich geht. Doch manchmal wird die Beziehung zwischen Mensch und Körper lückenhaft und brüchig. Das sollte ein Grund zum Handeln sein. Vor allem für Menschen mit chronischen Schmerzen ist es wichtig, mit dem eigenen Körper in engem Kontakt zu stehen.

Auch wenn die Aussage für Menschen, die praktisch veranlagt sind, zunächst etwas seltsam klingen mag: Eine Art innerer Dialog kann die Verbindung zwischen Mensch und Körper stärken und tragfähiger machen. Im Folgenden werden zwei einfache und wirksame Übungen vorgestellt, mit denen Sie die Kommunikation mit Ihrem Körper verbessern können. Suchen Sie sich die Übung aus, die Ihnen eher entspricht. Wenn Sie Lust haben, können Sie auch beide ausprobieren.

Für Anfänger: Körper-Check. Nehmen Sie sich fünf Minuten Zeit. Setzen Sie sich auf einen Stuhl, schließen Sie die Augen und atmen Sie ruhig in den Bauch. Schicken Sie Ihre Aufmerksamkeit jeweils einige Atemzüge lang in ein Körperteil - und wechseln Sie dann. Konzentrieren Sie sich beispielsweise erst auf Ihre Füße und Zehen, dann auf die Unterschenkel, Oberschenkel, Po, Rücken, Bauch, Arme und so weiter, bis Sie einmal durch den ganzen Körper gegangen sind.

Wichtig ist, dass Sie nichts verändern, sondern einfach nur wahrnehmen, wie es Ihnen an der betreffenden Stelle gerade geht, etwa "Hier bin ich wohl verspannt" oder "Hier sind ja meine Schmerzen" oder "Meine Arme fühlen sich gut an".

Wenn Sie einmal durch den Körper gegangen sind, atmen Sie noch kurz weiter, spüren Sie, wie Sie sich jetzt fühlen, und öffnen Sie dann die Augen. Diese Übung heißt in der Achtsamkeitsmeditation Body Scan und wird dort oft 20 Minuten oder länger geübt. Das ist für den Anfang zu schwierig - bleiben Sie ruhig bei fünf Minuten.

Schon das ist mehr Zeit, als viele Menschen Ihrem Körper über einen ganzen Tag an Aufmerksamkeit schenken. Wenn Sie diese Übung an drei Tagen dieser Woche wiederholen, lernen Sie, etwas besser auf Ihren Körper zu hören - und seine Signale eher zu erkennen.

Für Fortgeschrittene: Ein Gespräch führen. Der Austausch mit dem Körper und seinen Bedürfnissen ist ein wichtiger Aspekt, um mit Schmerzen umzugehen, die chronisch geworden sind. Üben Sie deshalb in dieser Woche, Ihren Körper häufiger gezielt zu fragen, wie es ihm geht und was er gerade braucht. Oft antwortet etwa ein Körper, dem man solche Fragen stellt, dass er sich ausruhen will. Oder dass er sich bewegen will.

Versuchen Sie, auf die Bedürfnisse Ihres Körpers immer wieder zeitnah einzugehen - mindestens an drei Tagen in dieser Woche. Das heißt nicht, dass Sie im Büro sofort ein Nickerchen machen oder aufspringen und an die frische Luft gehen sollen. Doch nehmen Sie die Bedürfnisse Ihres Körpers ernst, geben Sie ihm eine gewissenhafte Antwort, etwa "Jetzt arbeite ich noch, aber nachher gehen wir spazieren".

Diese kurzen Unterhaltungen sind eine wichtige Verbindung zum Körper, sie können Erkenntnisse bringen - und Antworten auf die Fragen, was einem schmerzenden Körper guttut.

Reflektieren Sie zum Ende der Woche noch einmal, wie die Übungen auf Sie und Ihren Körper gewirkt haben: Hat sich bei Ihrem Körpergefühl etwas verändert? Bei den Schmerzen? Haben Sie eher mitbekommen, wenn Schmerzen beginnen? Konnten Sie besser verstehen, was der Körper will? Mögen Sie die Vorschläge, die aus dem Körper kommen - oder eher nicht?

Wichtig: Versuchen Sie, auch in den nächsten Wochen mit dem Körperdialog oder dem Körpercheck weiterzuarbeiten. Auch und vielleicht gerade wenn Sie das albern und befremdlich finden, kann es guttun, die Fähigkeit dazu ein wenig auszubauen.

Zu jeder Ausgabe bietet SPIEGEL WISSEN ein praktisches, leicht im Alltag umsetzbares Online-Coaching passend zu seinem jeweiligen Heftthema an. Jedes Coaching dauert acht Wochen. Während dieser Zeit erhalten Sie immer freitags per E-Mail eine Übungseinheit, die Ihnen helfen kann, Ihr Leben besser zu gestalten. Hier den Newsletter bestellen:

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insgesamt 5 Beiträge
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momo1203 21.12.2018
1.
Bin mal gespannt wann hier Yoga entdeckt wird... das hat meine Oma schon vor 25 Jahren gesagt.. steht hier irgendwo die Zeit still?
remedias.cortes 22.12.2018
2. Ernsthaft gemeinte Frage:
"Oft antwortet etwa ein Körper, dem man solche Fragen stellt, dass er sich ausruhen will. Oder dass er sich bewegen will." Wie genau sagt er das?
mayazi 23.12.2018
3. So oder so
Zitat von remedias.cortes"Oft antwortet etwa ein Körper, dem man solche Fragen stellt, dass er sich ausruhen will. Oder dass er sich bewegen will." Wie genau sagt er das?
Hallo remedias.cortes, das kommt darauf an welche Bilder man beim Gespräch mit dem eigenen Körper benutzt. Man kann sich zum Beispiel eine Figur vorstellen, die den eigenen Körper repräsentiert, und mit der man einen Dialog führt. Die würde das dann sagen. Für andere Leute ist das "ich rede mit meinem Körper" eher eine Metapher, sie spüren lieber in sich hinein, wie sich ihr Körper gerade anfühlt, und spüren dann so etwas wie Erschöpfung oder innere Unruhe. Wieder andere Leute stellen sich vielleicht vor, sie sähen ihren Körper in einem Spiegel und das Spiegelbild spricht. Können Sie mit dieser Antwort etwas anfangen?
remedias.cortes 23.12.2018
4.
Zitat von mayaziHallo remedias.cortes, das kommt darauf an welche Bilder man beim Gespräch mit dem eigenen Körper benutzt. Man kann sich zum Beispiel eine Figur vorstellen, die den eigenen Körper repräsentiert, und mit der man einen Dialog führt. Die würde das dann sagen. Für andere Leute ist das "ich rede mit meinem Körper" eher eine Metapher, sie spüren lieber in sich hinein, wie sich ihr Körper gerade anfühlt, und spüren dann so etwas wie Erschöpfung oder innere Unruhe. Wieder andere Leute stellen sich vielleicht vor, sie sähen ihren Körper in einem Spiegel und das Spiegelbild spricht. Können Sie mit dieser Antwort etwas anfangen?
Ja, danke für die Ergänzung des Artikels. So kann ich mir darunter etwas vorstellen.
queenmaeve 01.01.2019
5. Mindfullness light
ich habe rheumatoide Arthritis, Sjögrens, Lupus und Lymphoma in Remission. Wenn bei mir nichts wehtut bin ich tot. Ich habe mich an eine hohe Schmerzschwelle gewöhnt. Ich denke gar nicht daran mich auf meine Schmerzen zu konzentrieren und mich zu fragen was mein Körper mir damit sagen will. Falls ich rausfinden kann wie Autoimmunkrankheiten funktionieren bekomme ich den Nobelpreis. Ansonsten schwöre ich auf Schwimmen im warmen Wasser, Jaccuzi, und bei akutem Bedarf Paracetamol und Ibuprofen. Der Körper will dir überhaupt nichts sagen. Dem Schmerzgeplagtem einzureden dass solche Übungen irgendetwas ändern ist eigentlich ziemlich gemein. Das heisst dann wenn man weiterhin Schmerzen hat macht man was falsch mit der Nabelschau? Das nennt man auch victim blaming.
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