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18. Januar 2019, 11:15 Uhr

Schmerz-Coaching

Schmerz-Rhythmus-Störung

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Schmerzen resultieren oft aus einem Ungleichgewicht zwischen Entspannung und Anspannung. Hier bekommen Sie Tipps, wie Sie wieder mehr ins Gleichgewicht kommen.

SPIEGEL WISSEN hat ein achtwöchiges Coaching für Menschen mit chronischen Schmerzen entwickelt, mit dem Sie lernen können, Ihre Schmerzen besser zu verstehen und kompetenter mit ihnen umzugehen. Dies ist der sechste Teil. Die anderen Teile finden Sie hier.

Der Mensch lebt in einem Rhythmus aus Anspannung und Entspannung, Aktivität und Ruhe, Einatmen und Ausatmen. In der Psychosomatik geht man davon aus, dass bei vielen Schmerzsyndromen letztlich dieser natürliche Rhythmus aus dem Ruder läuft - sowohl körperlich als auch seelisch.

Dabei gibt es unterschiedliche Arten von "Rhythmusstörungen", die je zu unterschiedlichen chronischen Schmerzsyndromen passen. Die Übungen dieser Woche beschäftigen sich deshalb nun ein einziges Mal ganz konkret mit verschiedenen Schmerzsyndromen. Anhand von Migräne und Rückenschmerzen werden zwei prototypische "Rhythmusstörungen" beschrieben und wie man sie jeweils etwas mehr ins Gleichgewicht rücken kann.

Für alle, die Spannungskopfschmerzen, Kiefergelenkschmerzen (Knirschen), Gelenkschmerzen oder Ganzkörperschmerzen haben, ist diese Einheit ebenfalls interessant: das Muster, das Sie betrifft, ist ähnlich wie das beim Rückenschmerz.

Wichtig: Wer nur gelegentlich Schmerzen hat oder dieses Coaching macht, um sein Wohlbefinden allgemein zu stärken, für den ist diese Übung möglicherweise zu speziell. Machen Sie dann einfach weiter mit den Bewegungs- oder Entspannungseinheiten aus Woche fünf, die Sie für sich für gut befunden haben.

Erstarrung am Beispiel Rückenschmerzen

Bei Menschen, die mit Rückenschmerzen (oder auch mit Gelenkproblemen oder Spannungskopfschmerz) zu tun haben, ist das Gleichgewicht von Ruhe und Aktivität so gekippt, dass Körper und Seele immer mehr "erstarren".

Das heißt, die muskuläre Anspannung im Körper nimmt immer mehr zu, die Beweglichkeit nimmt tendenziell ab, die Konzentration verengt sich oft auf die immer gleichen Fragen und Sorgen. Auch die Abläufe des Lebens können starr, zu gleichförmig und ohne Überraschungen sein.

Für Menschen, die häufig Rückenschmerzen haben, kann es deshalb wohltuend sein, Dinge zu tun, die alles Starre und Verhärtete ein wenig lockern. Das können dezidierte Entspannungsübungen sein, aber auch alles, was einen ganz persönlich entspannt (tanzen, laut Musik hören). Auch kann es helfen, mehr neue Impulse, Spontaneität und Genuss ins Leben bringen.

All das hilft natürlich nicht, wenn man gerade an einer akuten Bewegungsblockade leidet - doch mittelfristig zeigt es oft positive Wirkung, wenn man sich wieder mehr für Aktivität, für Bewegung und für Neues öffnet und so das Gleichgewicht wieder ein wenig herstellt.

Ganz wichtig: Es geht nicht darum, einen Job, den man routiniert macht, zu wechseln oder gar einen Partner, den man lange kennt, zu verlassen. Es geht um kleine Schritte, mit denen es gelingt, sich wieder mehr den Dingen zu widmen, die einen "bewegen" - die man also jenseits aller Pflichten und Routinen gern tun würde.

Übersteuerung am Beispiel Migräne

Migräne ist in vielerlei Hinsicht ein Spezialfall unter den Schmerzsyndromen. Nicht nur, weil sie sich mit sehr unterschiedlichen Begleitsymptomen wie etwa der Aura zeigen kann. Auch die Rhythmusstörung, die hinter Migräneanfällen steckt, ist anders als bei anderen Schmerzstörungen: Wer zur Migräne neigt, bei dem staut sich oft innere Erregung immer mehr auf, der aktivierende Teil des autonomen Nervensystems, der Sympathikus, feuert immer stärker.


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Oft bemerken Menschen, die an Migräne leiden, zu spät, dass sich die Aktivierung des Sympathikus schon so verselbständigt hat, dass es kein Zurück mehr gibt und die Übersteuerung nicht mehr aufzuhalten ist. Es folgt ein Zusammenbruch, eben der Migräneanfall, bei dem dann gar nichts mehr geht, man nur noch im Bett liegen kann - bis der Sympathikus seine Aktivität aufgibt und das System quasi neu gestartet wird.

Für Migräne-Patienten ist es deshalb wichtig, möglichst früh zu merken, wann der Prozess der Übersteuerung anfängt, und möglichst früh gegenzusteuern. Etwa indem man sich zeitig zurückzieht, kurz hinlegt oder Verabredungen absagt, bevor einem alles zu viel wird und das System zusammenbricht.

Das heißt generell: Für Migräne-Patienten sind kleine Selbstreflexionen hilfreich, beispielsweise kurze Momente am Tag, an denen man innehält und sich fragt, wie es einem körperlich und seelisch gerade geht. So kann man einen Anfall eher vorausahnen und vielleicht noch vermeiden. Auch Ausdauersport oder Entspannung können zwischendurch gut sein. Wichtig ist aber, die Aktivitäten nicht aufpeitschend und exzessiv einzusetzen, sondern moderat und beruhigend.

Reflektieren Sie im Laufe der Woche immer wieder, ob Sie bei den Schmerzen, mit denen Sie zu tun haben, eine Verbindung zum Thema "Erstarren" oder "Aufschaukeln" finden können. Falls das so ist, probieren Sie ruhig auch dezidiert die Tipps aus, die hier empfohlen werden.

Für Menschen, die zum Teil seit Jahrzehnten mit Schmerzen zu tun haben, sind diese Kurzbeschreibungen der Rhythmusstörungen vielleicht etwas zu knapp und verkürzt. Umfassend können Sie sich über diese Prozesse in den Büchern von Hanne Seemann informieren, etwa in "Freundschaft mit dem eigenen Körper schließen. Über den Umgang mit psychosomatischen Schmerzen".

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