Schlaf-Apnoe Zungenschrittmacher stoppt Schnarchen

Atemlos im Schlaf: Die Zunge fällt in den Rachen, die Luft bleibt weg, die Nachtruhe ist vorbei. Wer unter Schlaf-Apnoe leidet, kann jetzt von einem Schrittmacher profitieren. Der stimuliert fast unbemerkt die Zungenmuskeln und hält so die Atemwege frei.
Schlaflos: Schnarchen kann ein Zeichen für Schlaf-Apnoe sein

Schlaflos: Schnarchen kann ein Zeichen für Schlaf-Apnoe sein

Foto: Corbis

Berlin - Meistens versteckt sich das Problem in einem dunklen Zimmer unter der Bettdecke: Dort wird geschnarcht und geröchelt - mitunter so lang, bis der Arzt kommt. Denn wenn beim Schnarchen der Atem aussetzt, wird es gefährlich für die Gesundheit: Durch die sogenannte Schlaf-Apnoe, von der vermutlich fünf Prozent der Bevölkerung betroffen sind, steigt der Blutdruck und damit die Gefahr für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Betroffenen sind tagsüber so müde, dass sie mitunter zwanghaft einschlafen und vermutlich auch häufiger Verkehrsunfälle verursachen.

Zwar gibt es gegen die potentiell lebensbedrohliche Krankheit bereits Hilfsmittel wie Zahnschienen oder Atemmasken für die Nacht. Doch vor allem die Atemmasken behindern viele Patienten so stark, dass die Geräte oft im Schrank landen. "30 Prozent unserer Patienten nutzen die Atemmasken nicht, die wir ihnen verschrieben haben", sagt Alexander Blau vom Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrum an der Berliner Charité. Daher wenden deutsche Ärzte jetzt eine Technologie an, die sich schon bei schwachen Herzen etabliert hat: einen Schrittmacher. Der stimuliert den Zungennerv. Blau hat vor drei Monaten einem 59-Jährigen einen solchen Zungenschrittmacher eingesetzt und auch in anderen deutschen Kliniken wurde die Technologie bei Studien mit Erfolg getestet.

Schrittmacher sorgt für Spannung in der Zunge

Bei dem Gerät handelt es sich um einen sogenannten Neurostimulator, der - genau wie ein Herzschrittmacher - unter die Haut knapp unterhalb des Schlüsselbeins gepflanzt wird. Von dort führt ein Kabel zum Rippenbogen, das die Bewegungen des Zwerchfells und damit die Atemfrequenz misst. Ein zweites Kabel wird bei der Operation mit einer Elektrode auf den sogenannten Hypoglossus-Nerv gelegt, der die Zungenmuskeln aktiviert. Bei jedem Einatmen schickt das Gerät einen Impuls an den Zungennerv: Die Zungenmuskulatur bleibt angespannt, die Zunge kann nicht mehr in den Rachen zurückfallen - die Atemwege bleiben frei. Am Abend wird das Gerät einfach über eine kleine Fernbedienung ein- und am Morgen wieder ausgeschaltet.

"Bei zwei von drei Patienten mit einer obstruktiven Schlaf-Apnoe ist das Erschlaffen der Zungenmuskulatur im Schlaf die wesentliche Ursache", sagt Winfried Hohenhorst, Leiter der Hals-Nasen-Ohren-Klinik am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen. Seit zwei Jahren testet der HNO-Arzt die Zungenschrittmacher gemeinsam mit internationalen Kollegen im Rahmen einer Studie. "Rund 120 Patienten haben teilgenommen, viele profitieren davon", so Hohenhorst. Auch der Berliner Patient ist nach Angaben seines Arztes Alexander Blau zufrieden: "Es geht ihm gut."

"Leichtes Kribbeln in der Zunge"

Die Schrittmacher, die von verschiedenen Herstellern wie Inspire oder Apnex produziert werden, müssen in Vollnarkose implantiert werden und bringen mit sich, dass die Betroffenen nicht mehr ohne weiteres eine Kernspintomographie machen lassen können und auch am Flughafen bei den Sicherheitskontrollen aufpassen müssen. "Einige Patienten berichten, dass ihre Zunge bei der Stimulation leicht kribbelt, wobei das nur wenige stört", sagt Hohenhorst.

Die Ärzte betonen: Noch bekommen nur Patienten den Schrittmacher, für die andere Therapien nicht in Frage kommen. Neben der Atemmaske und der Zahn- oder Unterkieferschiene können mitunter auch Operationen Abhilfe schaffen, wenn vergrößerte Mandeln die Ursache für das Schnarchen sind oder die Nasenatmung behindert ist. Vor dem Eingriff muss daher jeder Patient ins Schlaflabor und zur endoskopischen Untersuchung. "Wenn der Patient schläft, schieben wir eine sehr feine Optik durch die Nase bis in den Rachenraum vor und analysieren die Mechanik der Atemwege", erklärt Hohenhorst. "Dabei können wir feststellen, ob das Gaumensegel, das Zäpfchen, der Kehldeckel, die Zunge oder andere anatomische Strukturen für den Verschluss der Atemwege verantwortlich sind."

Zwar darf der Zungenschrittmacher mittlerweile in Deutschland verwendet werden und hat nach Angabe von Blau ein CE-Zeichen . Doch eine abschließende Analyse durch die Krankenkassen bezüglich Risiken, Kosten und Nutzen steht noch aus. "Ein Patient kann die Kostenübernahme bei seiner Krankenkasse beantragen", so Blau, "aber garantiert ist das nicht". Der Eingriff und die Operation zusammen kosten nach Angabe von Hohenhorst weit über 10.000 Euro.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, nur 30 Prozent der Patienten des Schlafmedizinischen Zentrums an der Berliner Charité würden die ihnen verschriebenen Atemmasken nutzen. Das ist falsch, richtig ist, dass 30 Prozent der Patienten die Atemmasken nicht nutzen. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.
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