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Zum Brüllen: Schreibabys rauben ihren Eltern den letzten Nerv

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Schreibabys Erste Hilfe bei Brüll-Attacken

Wenn Neugeborene ständig schreien, treibt das ihre Eltern in die totale Erschöpfung. Wo liegen die Ursachen für das Gebrüll? Schrei-Ambulanzen unterstützen die Gestressten beim Umgang mit ihrem anstrengenden Nachwuchs.

Nichts hat Leonie beruhigen können. Sie schrie beim Wickeln, im Kinderwagen, auf dem Arm. Selbst nachts weinte sie oft ein, zwei Stunden am Stück. Nach vier Monaten waren ihre Eltern körperlich völlig erschöpft und nervlich so weit am Ende, dass sie ihr Baby beinahe zu Pflegeeltern geben wollten.

Dass Neugeborene in den ersten Wochen gut zwei Stunden am Tag schreien, ist völlig normal. Einige schreien jedoch deutlich mehr und versetzen ihre Eltern in einen Zustand des Daueralarms. "In Untersuchungen berichteten 20 bis 25 Prozent der Eltern, unter dem Schreien ihres Babys zu leiden und sich gestresst zu fühlen", sagt Silvia Schneider, Professorin der Klinischen Kinder- und Jugendpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum.

Hilflosigkeit und Verzweiflung können dann einen Teufelskreis in Gang setzen. Die Mutter überträgt ihre Nervosität auf das Kind. Das schreit noch mehr. Irgendwann steigt Wut hoch. Jedes Jahr sterben schätzungsweise 100 bis 200 Babys an den Folgen eines Schütteltraumas.

Verdauungsstörung als Ursache

Bei Schreibabys brauchen, sofern körperliche Ursachen ausgeschlossen sind, vor allem die Eltern Hilfe. "Mütter und Väter sind nach einigen Wochen völlig erschöpft", beschreibt Diplom-Psychologin Frauke Ostmann die Nöte der Eltern. Seit 2003 leitet sie in Karlsruhe die Beratungsstelle "Frühe Hilfen". "Vielen fällt es schwer, eine positive Bindung zu ihrem Baby zu entwickeln. Wie auch, es schreit sie ja immer nur an."

"Exzessives Schreien im Säuglingsalter" lautet die Diagnose, wenn ein Kind an mindestens drei Tagen in der Woche länger als drei Stunden pro Tag schreit und das über drei Wochen hinweg. Die sogenannte Dreierregel wurde 1954 von dem US-amerikanischen Kinderarzt Morris Wessel eingeführt. Mediziner vermuteten als Ursache Verdauungsstörungen, so genannte "Dreimonatskoliken".

Eine Studie des Deutschen Instituts für Medizinische Dokumentation und Information (Dimdi) in Köln kommt allerdings zu dem Ergebnis, dass nur bei fünf bis zehn Prozent der exzessiv schreienden Kinder eine Magen-Darm-Störung nachweisbar ist. "Die Frage bleibt bestehen, ob Säuglinge tatsächlich unter Koliken leiden und wenn ja, ob sie die Ursache oder ein eventueller Nebeneffekt des exzessiven Schreiens sind", schreiben die Autoren der Studie.

Die Kinder reagieren heftiger auf äußere Reize

Eltern beginnen dann häufig eine Odyssee der Arztbesuche, da sie bei ihren Kleinen zuerst physische Leiden vermuten. Allergien oder Unverträglichkeiten, etwa von Kuhmilch, können für das viele Schreien mitverantwortlich sein. Bei manchen Schreibabys diagnostizieren Osteopathen eine Fehlstellung der Halswirbelsäule, das sogenannte Kiss-Syndrom (Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung). In diesen Fällen bewirken manuelle Behandlungen mitunter, dass das Schreien nachlässt. Verlässliche Studien hierzu existieren allerdings nicht.

Psychologen gehen davon aus, dass Schreikinder vor allem ein Problem mit der Selbstregulation haben. Das heißt, sie reagieren eher und heftiger auf äußere Reize als andere Babys und sind daher auch schneller erregbar. "Es ist wichtig, zwischen Kolikenschreiern und Schreikindern mit Regulationsproblemen zu unterscheiden", sagt Dieter Wolke, Professor für Entwicklungspsychologie an der Warwick University in Coventry.

Bei regulationsgestörten Kindern wird das Schreien auch nach drei Monaten nicht merklich weniger. Während ab dem vierten Monat noch eine Stunde Schreien am Tag normal ist, weinen diese Kinder weiterhin noch viel länger, sagt Wolke. Ihr Anteil wird von Psychologen auf etwa fünf Prozent geschätzt. Ein Großteil dieser Babys habe auch Schlaf- oder Fütterprobleme. "Zudem haben wir in Studien festgestellt, dass diese Kinder gegenüber Nicht-Schreikindern ein doppelt so hohes Risiko für die Entwicklung späterer Verhaltensprobleme wie das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) haben", betont der Entwicklungspsychologe.

Auf keinen Fall allein schreien lassen

"Kinder mit Regulationsproblemen brauchen vor allem sehr regelmäßige Tagesabläufe, eine reizarme Umgebung, aber auch viel Körperkontakt und positive Zuwendung", erläutert die Bochumer Kinderpsychologin Schneider. "Ein abendlicher Restaurantbesuch oder selbst Krabbelkurse sind für diese Kinder oft schwer zu verkraften", so Schneider.

Um Reizüberflutung zu vermeiden, sollten Eltern ihre Schreibabys unterstützen, alle ein- bis anderthalb Stunden in den Schlaf zu finden, rät Diplom-Psychologin Ostmann. "Dabei müssen sie keine Sorge haben, ihr Kind zu verwöhnen. Abends in der Hauptschreizeit spricht nichts dagegen, das Baby noch mal spazieren zu fahren oder mit ihm zusammen ins Bett zu gehen, wenn es für alle Beteiligten entspannender ist", sagt sie. Auf keinen Fall sollten Eltern ihr Kind allein schreien lassen, bis es eingeschlafen ist.

In Schrei-Ambulanzen und Beratungsangeboten der "Frühen Hilfen" bieten geschulte Experten den Eltern Anleitung im Umgang mit ihren kleinen Schreihälsen an. "Bei vielen lasse der Druck und die innere Anspannung bereits nach, wenn sie über ihre Unsicherheit und Schuldgefühle reden können und Verständnis dafür erfahren", erzählt Ostmann. Auch körpertherapeutische Anregungen wie Massagen und Atemübungen tragen zur Entspannung bei. "Eltern entdecken wieder ihre Stärken und Ressourcen und Kinder finden zu ihrer natürlichen Selbstregulation zurück."

Auch Leonies Eltern suchten schließlich Hilfe in einer Berliner Schrei-Ambulanz. Nach zehn Terminen hatte sich Leonies Schreien auf ein normales Maß reduziert. Ihre Eltern entschieden sich einige Monate später für ein zweites Kind.