Immunsystem Schuppenflechte erhöht das Diabetesrisiko

Schuppenflechte galt lange Zeit als Hautkrankheit, doch die Ursachen liegen tiefer - im Immunsystem. Jetzt haben Forscher herausgefunden, dass Betroffene ein deutlich erhöhtes Diabetesrisiko haben. Schuld ist eine dauernde Entzündung im Körper.
Geotherme in Island: Das heiße mineralienhaltige Wasser, vor allem die Kieselerde darin, kann sich positiv auf Schuppenflechte auswirken

Geotherme in Island: Das heiße mineralienhaltige Wasser, vor allem die Kieselerde darin, kann sich positiv auf Schuppenflechte auswirken

Foto: Corbis

Der Gang ins Schwimmbad kann für Patienten mit Schuppenflechte zum Alptraum werden. So mancher Betroffene macht die Erfahrung, dass unwissende Badegäste nicht ins gleiche Wasser wie die Patienten mit den handtellergroßen entzündeten Hautstellen wollen - aus Angst, sie könnten sich anstecken. Dabei ist die im medizinischen Fachjargon Psoriasis genannte Hautkrankheit nicht infektiös.

Schuppenflechte kann aus Betroffenen Außenseiter machen. Die Krankheit belastet die Patienten psychisch extrem - und lässt Betroffene in den Augen mancher Menschen abstoßend erscheinen. "Kinder leiden oft noch mehr als die Erwachsenen unter den Folgen der Ausgrenzung durch Gleichaltrige in Kindergarten und Schule", sagt der Hautarzt Jörg Prinz vom Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Lange Zeit dachten Mediziner, die Schuppenflechte sei eine reine Hautkrankheit. Doch die Psoriasis hat genetische Wurzeln - und hängt eng mit dem Immunsystem zusammen. So sind mittlerweile mehrere mit Immunfunktionen assoziierte Gene bekannt, die das Psoriasis-Risiko erhöhen.

"An der Körperoberfläche brennt es, aber darunter brodelt es", beschreibt Prinz die Situation. Wie sehr es brodeln kann, zeigen die Ergebnisse einer aktuellen dänischen Studie, in der das Typ-2-Diabetes-Risiko von Psoriasis-Patienten untersucht worden ist, und deren Ergebnisse im August beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologe (ESC) in München vorgestellt wurden : Menschen, die an Schuppenflechte leiden, haben ein deutlich erhöhtes Diabetesrisiko. Und es steigt mit dem Schweregrad der Schuppenflechte an. Eine milde Psoriasis-Form erhöht das Diabetesrisiko um 50 Prozent, eine schwere Erkrankung verdoppelt es sogar. Eine Übersichtsarbeit von US-Hautärzten, die insgesamt 27 Beobachtungsstudien mit 314.000 Psoriasis-Patienten überprüften, kam im Oktober zu einem ähnlichen Ergebnis. Im Fachmagazin "Archives of Dermatology" berichten die Mediziner , dass Patienten mit schwerer Psoriasis ein doppelt so hohes Risiko haben, später an Typ-2-Diabetes zu erkranken.

Hinter der Hautkrankheit stecken Probleme des Abwehrsystems

Als mögliche Auslöser der Schuppenflechte gelten Umweltfaktoren und Streptokokken-Infektionen, Stress, psychische Belastungen und Medikamente. Diese Auslöser gemeinsam mit der genetischen Veranlagung lassen nicht nur die Haut leiden. "Psoriasis ist eine immunologisch vermittelte entzündliche Erkrankung. Mit zunehmender Schwere der Schuppenflechte gelangen vermehrt in der Haut produzierte Entzündungsfaktoren in den Blutkreislauf. Dadurch werden sie im ganzen Körper verteilt und erreichen auch andere Organe und Stoffwechselwege fernab der Haut", erläutert Psoriasis-Experte Prinz. So entsteht an verschiedenen Stellen im Körper ein Entzündungszustand.

Denn bei der Psoriasis freigesetzte Entzündungsbotenstoffe erhöhen die Insulinresistenz. Die führt dazu, dass die Körperzellen nicht mehr auf das Hormon Insulin reagieren, um den Blutzucker aufzunehmen.

Je schwerer die Schuppenflechte, desto mehr Entzündungsstoffe produzieren die Zellen und umso höher ist ihr Einfluss auf die Insulinresistenz. Doch nicht nur das Diabetesrisiko steigt. Bei vier von zehn Patienten entzünden sich wenige Jahre nach Beginn der Schuppenflechte Bindegewebe und Gelenke, die Mediziner nennen das eine Psoriasisarthritis.

Für Patienten wichtig: Eine möglichst frühe Therapie

"Eine frühe Therapie kann verhindern, dass Gelenkschädigungen weiter voranschreiten oder zumindest diese Prozesse vermindern", so Prinz. Darüber hinaus leiden die Patienten vermehrt an Augenentzündungen und haben ein erhöhtes Risiko für Gefäßerkrankungen wie Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall. Das Risiko für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa ist - allerdings auch wegen überlappender genetischer Veranlagung - sogar siebenmal so hoch wie normal. Auch Nagelerkrankungen treten bei Schuppenflechte-Patienten gehäuft auf.

Die Psoriasis verlangt den Patienten viel Selbstverantwortung ab. Durch ihren Lebenswandel können sie auf den Verlauf der Krankheit einwirken. "Grundsätzlich hilft alles, was man als gesundes Leben bezeichnen würde", sagt der Münchner Dermatologe Prinz. Ein möglichst normales Gewicht und körperliche Bewegung sind wichtige Elemente. Bei der Ernährung gehören Gemüse, Geflügel und Fisch dazu, rotes Fleisch dagegen sowie Schweinefett sollten die Patienten meiden, nur wenig Alkohol trinken und am besten gar nicht rauchen. "Der Abbau von Übergewicht ist sehr wichtig, da es bei einer genetischen Veranlagung für Schuppenflechte einen schwereren Verlauf der Erkrankung und ein schlechteres Ansprechen auf die Therapie bedingt", sagt Jörg Prinz.

Psoriasis ist zwar noch nicht heilbar - aber behandelbar. Eine frühe Therapie ist wichtig, um Entzündungen einzudämmen. Hierfür gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Trotzdem ist jeder zweite Psoriasis-Patient in Deutschland medizinisch unterversorgt und wird nicht den heutigen Möglichkeiten entsprechend versorgt, wie der Hamburger Hautarzt und Leiter des Kompetenzzentrums für Versorgungsforschung in der Dermatologie, Matthias Augustin, beklagt .

Das hat sicher viele Gründe - möglicherweise auch gesundheitspolitische. Außerdem ist die Schuppenflechte eine komplexe Erkrankung. Und der Therapieaufwand kann - zumindest anfangs - groß sein und der erhoffte Erfolg stellt sich mitunter erst nach einer längeren Behandlungsdauer ein. Gerade dann ist es wichtig, dass die Betroffenen die Therapie konsequent durchführen und nicht vorzeitig aufgeben.


Behandlungsmethoden bei Schuppenflechte
Foto: Klinikums Oldenburg/ Marcus Meyer

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