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16. Mai 2015, 14:39 Uhr

Ein rätselhafter Patient

Fiebriges Ende einer Schwangerschaft

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Eine Schwangere hat Fieber, Husten und Atemnot. Weder Antibiotika noch antivirale Arzneien helfen, die Ärzte sind ratlos. Erst als das Herz der Frau versagt, kommen Tropenmediziner auf die richtige Spur.

Die Vietnamesin ist in der 31. Schwangerschaftswoche, als sie verzweifelt in eine Klinik in Ho Chi Minh City kommt. Sie hat seit zwei Tagen Fieber, bekommt schlecht Luft, hustet und hat Brustschmerzen. Die 29-Jährige ist schon Mutter dreier Kinder, aber sie hat auch drei Fehlgeburten hinter sich. Jetzt sorgt sie sich um die eigene und um die Gesundheit des ungeborenen Babys.

Die Ärzte vermuten eine Lungenentzündung und geben der Frau ein breit wirksames Antibiotikum. Trotzdem verschlechtert sich ihr Zustand in der Nacht und sie wird auf die Intensivstation eines anderen Krankenhauses in der Stadt verlegt. Bei der Aufnahme hat sie 38 Grad Fieber, sie atmet schnell, ihr Puls rast und die Sauerstoffsättigung in ihrem Blut ist zu niedrig. Dem Baby scheint es aber gut zu gehen.

Als die Intensivmediziner die Lunge der Patientin abhören, nehmen sie ein Knistern in beiden Lungenflügeln wahr. Eine Röntgenaufnahme bestätigt den Befund der Untersuchung: Beide Seiten sind schlecht belüftet. Die Ärzte gehen von einem sogenannten Lungenödem aus, bei dem sich Wasser im Gewebe sammelt. Ursachen dafür können eine Herzschwäche, Infektionen oder Vergiftungen sein.

Die Zahl der weißen Blutkörperchen, die bei Entzündungen und Infektionen vermehrt gebildet werden, ist bei der Frau erhöht; die Zahl der für die Gerinnung wichtigen Blutplättchen hingegen ist leicht erniedrigt.

Diagnose Herzversagen

Weil die Mediziner eine schwere Grippe für möglich halten, geben sie ihrer Patientin das Grippemittel Oseltamivir. Aber auch diese Arznei schlägt nicht an. Ihre Sauerstoffsättigung fällt gefährlich ab, und die Ärzte müssen ihr über eine Atemmaske mit leichtem Druck Sauerstoff geben. Sie verordnen jetzt zwei weitere Antibiotika mit anderem Wirkungsspektrum. Keine der Maßnahmen hilft.

Im EKG entdecken die Ärzte Hinweise auf eine Schädigung des Herzmuskels. Laboruntersuchungen bestätigen den Verdacht, dass Zellen im Herzen zugrunde gehen. Aber was ist die Ursache für die schwere und lebensbedrohliche Erkrankung der Schwangeren?

Tropenmediziner des Hospital for Tropical Diseases in Ho Chi Minh City haben schließlich die richtige Idee, wie sie in der Fachzeitschrift "The Lancet" berichten: Ein Schnelltest bestätigt mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass sich die Frau mit dem Dengue-Virus infiziert hat. Die Erreger werden von Aedes-Mücken übertragen, die es in Afrika, Südamerika und auch in Südostasien gibt.

Eine Impfung existiert nicht, die meisten Menschen bekommen hohes Fieber, Hautausschlag und Muskelschmerzen - und erholen sich nach einigen Tagen wieder. Mitunter kommt es aber auch zu schweren Blutungen, wenn die Zahl der Blutplättchen zu stark abfällt, zu Herzrhythmusstörungen, Herzversagen oder zu einem Schock, bei dem die Organe lebensbedrohlich unterversorgt werden.

Per Notkaiserschnitt auf die Welt

Die Ärzte entscheiden rasch: Das Baby muss per Notkaiserschnitt auf die Welt geholt werden. Wenig später ist das gesunde Mädchen da, es wiegt 2200 Gramm und wird schnell versorgt. Auch die Mutter übersteht die Operation ohne schwere Blutungen oder Schocksymptome und erholt sich auf der Intensivstation.

In der Zwischenzeit sammeln die Mediziner weitere Testergebnisse. Im Blut oder in Rachenabstrichen finden sie weder Influenza-Viren noch Bakterien. Stattdessen war das Ergebnis des Schnelltests richtig. In einer genaueren Untersuchung können sie das Dengue-Virus und dagegen gerichtete Antikörper nachweisen.

Damit steht fest: Die Frau hat aufgrund des Dengue-Fiebers ein akutes Herzversagen erlitten. Trotz des komplizierten Verlaufs erholt sie sich schnell, bei Kontrolluntersuchungen können die Ärzte keine Veränderungen mehr im EKG feststellen. Schon eine Woche später kann die Frau entlassen werden, weitere drei Wochen später darf sie auch ihr Baby mit nach Hause nehmen.

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