Veronika Hackenbroch

Ignorierte Impfstoff-Risiken Nebenwirkung Vertrauensschwund

Der Pharmakonzern GlaxoSmithKline hat Hinweise auf Nebenwirkungen seines Schweinegrippe-Impfstoffs ignoriert. Das ist doppelt fatal: Für die Betroffenen - und für die Debatte um Impfungen allgemein.
Pandemrix, Impfstoff gegen Influenza-A H1N1

Pandemrix, Impfstoff gegen Influenza-A H1N1

Foto: MATTHIAS RIETSCHEL/ ASSOCIATED PRESS

Rückblickend war die Schweinegrippe-Pandemie in Wahrheit eher eine weltweite Massenhysterie. Heute kann man kaum noch glauben, dass alles wirklich so passiert ist, wie es passiert ist. Kann nicht fassen, dass niemand irgendwann auf den Tisch gehauen und gesagt hat: "Leute, jetzt wacht doch mal auf!"

Wie aufgescheuchte Hühner saßen die Seuchenschützer der Weltgesundheitsorganisation WHO in den frühen Morgenstunden des 24. April 2009 zusammen. Es war die erste Krisensitzung, in den Köpfen der Teilnehmer spukte das Bild einer verheerenden Schweinegrippe-Pandemie mit Millionen von Toten. Die Angst im Raum war greifbar.

Dass das neue Influenza-Virus, das sich anschickte, den Erdball zu umrunden, eher harmlos sein könnte? Diese Idee kam erst einmal keinem.

Die Schweinegrippe-Pandemie, die die Glaubwürdigkeit von Behörden wie WHO, Robert Koch- und Paul-Ehrlich-Institut nachhaltig erschüttert hat, ist ein Lehrstück dafür, was passieren kann, wenn Hektik und hochkochende Emotionen die Diskussion bestimmen - und nicht Nachdenklichkeit, Fakten, Ehrlichkeit und ein klarer Kopf. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, was passieren kann, wenn Querdenker nicht gehört werden, etwa der Epidemiologe Tom Jefferson, der für die Cochrane Collaboration und die Universität Oxford arbeitet, und bereits im Juli 2009 im SPIEGEL vor einer Influenza-Hysterie warnte  und den Sinn einer Impfung infrage stellte.

Stattdessen hielten die Behörden wie in einem kollektiven Wahn an der Vorstellung eines tödlichen Pandemie-Virus fest - auch, als alle Zahlen längst klar darauf hindeuteten, dass man von der Schweinegrippe nicht allzu viel zu befürchten hatte - und empfahlen die Massenimpfung mit dem kaum erprobten Impfstoff Pandemrix. 30 Millionen Menschen in ganz Europa bekamen sie.

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Schlafen an jedem Ort: Narkolepsie ist unheilbar

Foto: AP/ Sothebys

Jetzt leiden rund 1300 der Geimpften lebenslang an Narkolepsie, einer schweren neurologischen Erkrankung, die sie immer wieder unerwartet einschlafen lässt. Der Zusammenhang mit der Impfung ist nach Aussage des Herstellers GlaxoSmithKline zwar noch nicht bewiesen, wahrscheinlich ist er trotzdem.

Hätte es irgendeinen Weckruf geben können? Irgendein Ereignis, eine Information, die den Verantwortlichen vielleicht rechtzeitig die Augen geöffnet hätte?

Vielleicht ja. Jefferson ist im Rahmen eines Pandemrix-Prozesses auf Daten von gemeldeten Impf-Nebenwirkungen gestoßen, Gesichtslähmungen zum Beispiel, Zuckungen, Gefäßentzündungen und Gehirnentzündungen. GlaxoSmithKline und die zuständige Arzneimittelbehörde EMA hätten demnach schon in den ersten Monaten des Jahres 2010, gegen Ende der Pandemie, auf Sicherheitsprobleme von Pandemrix aufmerksam machen können - so schlug erst im Sommer 2010 der finnische Arzt Markku Partinen wegen einer Häufung von Narkolepsie-Fällen Alarm.

Bei einem kaum erprobten Impfstoff die gemeldeten Nebenwirkungen nicht sofort genauestens zu untersuchen und die Ergebnisse schnellstens zu veröffentlichen, ist fahrlässig. Vielleicht wären einige wenige Menschen dann nicht mehr geimpft worden. Die Zahl der Narkolepsie-Kranken wäre dann vermutlich etwas kleiner. Stattdessen, vermutet Jefferson jetzt in einem Artikel im British Medical Journal, wurden die Daten wahrscheinlich nicht einmal systematisch ausgewertet.

Natürlich könnte es auch eine ganz einfache Erklärung für die vielen gemeldeten Nebenwirkungen geben: Dass über Pandemrix damals rauf und runter diskutiert wurde in den Medien. Doch selbst wenn es so wäre, ist das, was Jefferson berichtet, ein Skandal.

Nicht nur könnten Impfgegner dadurch neuen Stoff für Verschwörungstheorien bekommen. Selbst wer sich klar macht, dass es etwas völlig anderes ist, einen kaum erprobten Impfstoff wie Pandemrix gegen eine vergleichsweise harmlose Erkrankung wie die Schweinegrippe zu verabreichen, als einen seit Jahren weltweit eingesetzten Impfstoff gegen eine wirklich gefährliche Krankheit wie Tetanus oder Diphtherie, dass also kein Anlass besteht, sein Kind jetzt nicht mehr impfen zu lassen - selbst bei dem ist das Vertrauen in Impfstoffhersteller und Behörden erst einmal erschüttert.

Vor allem aber sind Daten wie die, die Jefferson jetzt entdeckte, Informationen, wissenschaftliche Erkenntnisse einfach unglaublich wichtig in einer emotional aufgeheizten Situation wie einer Pandemie. Sie sind das Einzige, woran man sich halten kann zwischen lauter Mutmaßungen, Ängsten, Interessenkonflikten und Hektik. Nie, wirklich nie dürfen sie unterdrückt, unterschlagen oder abgetan werden.

Eine wichtige Information kann sein wie ein Mensch, der auf den Tisch haut, und sagt: "Leute, jetzt wacht doch mal auf!"

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