Fehlende Hilfe Suizidgefahr bleibt oft unerkannt

Menschen mit Suizidgedanken glauben häufig, dass sie keine Hilfe brauchen - ein Fehlschluss. Forscher suchen nach Anhaltspunkten, damit Ärzte und Umfeld die Gefahr rechtzeitig erkennen.
Gedanken über den Suizid: Möglicherweise spielt auch das Erbgut eine Rolle

Gedanken über den Suizid: Möglicherweise spielt auch das Erbgut eine Rolle

Foto: Nicolas Armer/ picture alliance / dpa

Zwei von drei Menschen, die Suizidgedanken plagen oder Suizidversuche hinter sich haben, fehlt eine professionelle Unterstützung oder Behandlung. Das schreiben Forscher im Fachjournal "The Lancet Psychiatry", das aktuell mit einem Schwerpunkt zum Thema Suizid erschienen ist. "Jeder Dritte, der über einen Suizid nachdenkt, begeht auch einen Versuch - zumeist im Laufe eines Jahres nach dem ersten Gedanken daran", warnt ein britisch-amerikanisches Autorenteam .

Die Forscher suchen daher nach Anhaltspunkten, mit denen Suizidgedanken und -pläne von Betroffenen rechtzeitig erkannt und behandelt werden können. Denn die Betroffenen selbst würden oftmals von sich denken, dass sie kaum Hilfebedarf haben.

Psychologische Theorien  sind bei der Suche nach einer Antwort darauf, warum Menschen sich für einen Suizid entscheiden, statt andere Lösungswege zu wählen, zentral. Mehr als dreißig verschiedene Einflussfaktoren sind inzwischen im Gespräch. Psychologen und Psychiater diskutieren, ob etwa besonders ausgeprägte Hoffnungslosigkeit, starkes Grübeln oder der Suizid von Nahestehenden eine Selbsttötung begünstigen. Tatsächlich ist die Forschungslage aber unklar. Viele Aspekte scheinen gleichzeitig zuzutreffen, aber eine bestimmte Kombination konnten Forscher bislang nicht identifizieren.

Einfluss des Erbguts auf das Suizidrisiko?

Auch die Neurowissenschaften können bislang nur Hinweise geben, aber keine klaren Aussagen liefern . Derzeit sind sie unter anderem Besonderheiten im Erbgut auf der Spur, die womöglich Gehirnprozesse verändern und damit anfälliger für Suizidgedanken machen. Dennoch bestehe aufgrund aktueller Forschungsbefunde die Hoffnung, dass Suizidalität eines Tages per Hirnscan erkannt und die Betroffenen rechtzeitig aufgefangen werden können, heißt es in dem Artikel. Auch als Behandlungsmethoden testen Forscher neben psychotherapeutischen Verfahren neurobiologische Methoden wie die Transkranielle Magnetstimulation oder Psychopharmaka.

Die Suche nach Früherkennungsmethoden oder Präventionsangeboten ist auch für die Angehörigen von suizidalen Menschen bedeutsam. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass jeder Suizid bis zu 60 weitere Menschen mitbetrifft. Pro Jahr nehmen sich etwa 800.000 Menschen das Leben, zwischen 48 Millionen und 500 Millionen Angehörige und Freunde müssen diesen Schicksalsschlag verarbeiten.

Suizid steigert auch Risiko der Hinterbliebenen

Wie sehr die Hinterbliebenen der selbst herbeigeführte Tod belastet, hat eine Forschergruppe aus Großbritannien, Dänemark und den USA in einer Übersichtsstudie herausgearbeitet . In einer Zusammenschau von 57 Untersuchungen aus Europa, Asien und den USA zeigte sich, dass viele Angehörige durch das Erlebnis psychisch eher erkranken - und oft auch selbst suizidgefährdet sind.

Demnach suchten Eltern, deren Kind sich das Leben genommen hatte, in der Zeit danach vermehrt psychiatrische Hilfe auf. Kinder, deren Eltern sich das Leben genommen haben, erkranken später häufiger an einer Depression. Mütter, deren erwachsenen Kinder durch eine Selbsttötung starben, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, ebenfalls einen Suizid zu begehen. Ein ähnliches Muster findet sich für hinterbliebene Lebensgefährten oder Ehepartner. Auch Jugendliche, deren Klassenkamerad oder Freund sich das Leben genommen hatte, plagten nachher mehr Suizidgedanken oder sie versuchten häufiger auch selbst, sich das Leben zu nehmen.

Die psychischen und gesundheitlichen Auswirkungen bei den Hinterbliebenen unterschieden sich zwar kaum von Angehörigen, die einen nahestehenden Menschen durch eine Krebserkrankung oder einen Unfall verloren hatten. Dennoch berichteten einige Untersuchungen davon, dass die Angehörigen von suizidalen Menschen sich öfter stigmatisiert oder verantwortlich für den Tod des Familienmitglieds oder Freundes fühlten. Auch schämten sie sich häufiger für die Tat des anderen.

"Alle Mitglieder der engen Familie brauchen womöglich gezielte Untersuchungen und angemessene Unterstützung", ziehen die Studienautoren ihr Fazit. Künftige Forschungsvorhaben sollten folglich helfen, passende Interventionen zu entwickeln, um die schlimmen Folgen eines Suizides für Angehörige abzumildern.

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