Faktencheck Ist die Hälfte aller Arztbesuche überflüssig?

Jeder zweite Besuch beim Arzt ist unnötig, sagt eine Krankenkasse. Was ist an der Behauptung dran? Wie oft nehmen die Deutschen medizinische Hilfe in Anspruch? Die Fakten.

Arzt mit Patient
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Die Deutschen gehen oft zum Arzt. Zu oft, meinen viele. Ingo Kailuweit, Vorstand der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH), sagte der "Bild"-Zeitung sogar, die Hälfte aller Arztbesuche sei überflüssig. "Wir haben nicht zu wenig Ärzte, sondern zu viele Arztkontakte." Er kritisierte insbesondere die Hausärzte. Sie hätten Angst, ihre Patienten zu überweisen. So müssten Patienten häufig mehrere Ärzte aufsuchen, da sie falsch behandelt würden.

Was ist da dran?

Wie oft gehen die Deutschen überhaupt zum Arzt?

Um sich der Frage zu nähern, ob die Hälfte der Arztbesuche überflüssig ist, lohnt es sich erst einmal zu schauen, wie oft die Deutschen Mediziner in Anspruch nehmen. Hierzu liegen verschiedene Zahlen vor:

Im Schnitt 9,2-mal pro Jahr gehen Erwachsene zwischen 18 und 79 Jahren zum Arzt, berichtet das Robert-Koch-Institut (RKI). Zu einem ähnlichen Ergebnis kam laut RKI auch das sogenannte sozio-ökonomische Panel, für das fortlaufend Menschen befragt werden.

Über im Schnitt 17 Kontakte berichtet das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) nach der Auswertung von Abrechnungsdaten des Jahres 2007. Die Barmer GEK kam, als sie Daten ihrer Versicherten analysierte, sogar auf durchschnittlich 18 Kontakte. Als Kontakt können unter anderem auch Telefonate oder das Abholen eines Rezepts gelten.

In die Untersuchung des ZI flossen allerdings nur jene Versicherten ein, die mindestens einmal in diesem Jahr beim Arzt waren und gesetzlich versichert sind: Das treibt die Zahl in die Höhe. Bei den Barmer-GEK-Versicherten waren immerhin rund fünf Prozent der Frauen und zwölf Prozent der Männer im Jahr 2007 gar nicht beim Arzt.

Beide Datensätze zeigen: Der Durchschnitt wird von einer relativ kleinen Gruppe deutlich in die Höhe getrieben. Das ZI schreibt: "Etwa 16 Prozent der Patienten nehmen 50 Prozent aller Arztkontakte in Anspruch."

Wer geht sehr oft zum Arzt?

Wer sind diese 16 Prozent? Unter anderem Dialysepatienten. Sie haben jährlich im Schnitt 200 Arztkontakte, berichtet die Barmer GEK. Ihnen die zum Überleben notwendigen Dialysetermine zusammenstreichen - das will hoffentlich niemand. Auch Menschen, die an Krebs, Diabetes Typ I, chronischer Hepatitis, Depressionen, Multipler Sklerose leiden, benötigen deutlich häufiger einen Arzt als der Durchschnitt. Sie haben zwischen 39 und 97 Arztkontakte im Jahr. Diese Liste lässt sich um viele schwere oder chronische Krankheiten erweitern.

Noch eine Gruppe geht häufiger zum Arzt, meist ohne krank zu sein: Schwangere kämen im Schnitt auf 31 Arztkontakte jährlich, so die Barmer GEK.

Die Krankenkasse hat außerdem ausgerechnet, wie viele Arztkontakte jene Versicherten 2007 hatten, die in diesem Jahr nicht gestorben sind, schwerkrank oder in eine Pflegestufe eingeordnet waren oder eine Erwerbsminderungsrente erhielten - und die zusätzlich nur geringe Kosten verursachten. Die Gesunden sozusagen. Ihr Durchschnitt lag bei 7,5 Arztkontakten.

Die Kasse mutmaßt, dass diese Versicherten möglicherweise erkältet waren, Präventionsleistungen oder Laboruntersuchungen in Anspruch genommen haben oder eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung benötigten.

Ist also die Hälfte der Arztkontakte überflüssig?

In der Auswertung der Barmer GEK nahmen die Gesunden mit ihren 7,5 Arztkontakten pro Jahr rund 16 Prozent der gesamten Arztkontakte in Anspruch. Selbst wenn man ihre Termine alle ersatzlos streicht, ist man also von der Zielmarke 50 Prozent des Kassenchefs weit entfernt.

Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass es keinerlei unnötige Arztbesuche gibt. In einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE schildert beispielsweise ein Hausarzt, dass eine Patientin, der er eine Migräne diagnostizierte und die notwendige Therapie erklärte, trotzdem - ohne Überweisung - zum HNO-Arzt ging. Der überwies sie weiter, aus Sorge ging die Frau in die Notaufnahme. Nach zwei Tagen in der Klinik und verschiedenen Untersuchungen, lautete die Diagnose: Migräne. Das sei nur ein Beispiel von vielen, schreibt der Mediziner.

"Es steht außer Zweifel, dass in Deutschland die Zahl der unkoordinierten Arzt-Patienten-Kontakte verhältnismäßig hoch ist", schreibt Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, per Mail an SPIEGEL ONLINE. Der Verband setzt sich dafür ein, dass die Hausärzte erste Ansprechpartner bei allen gesundheitlichen Beschwerden sind. So ließen sich unnötige Doppeluntersuchungen und vermeidbare Krankenhauseinweisungen reduzieren, sagt Weigeldt.

Er meint: "Natürlich gibt es immer wieder Patienten, die wegen nicht ganz so akuter Beschwerden zum Hausarzt gehen. Hier hilft in der Regel das vertrauensvolle Gespräch zwischen dem Patienten und seinem Hausarzt, denn häufig sind die Patienten schlichtweg verunsichert und haben Angst. Das muss man ernst nehmen."

"Es lässt sich kaum seriös schätzen, wie viele Arzt-Patienten-Kontakte tatsächlich überflüssig sind", sagt Weigeldt.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) kritisiert ihrerseits die Kassen: Sie trieben selbst die Zahl der Arztkontakte hoch, indem sie beispielsweise offensiv bei ihren Versicherten das Einholen von Zweitmeinungen bewerben, teilt Vorstand Andreas Gassen mit. Bei den Ärzten bestehe überhaupt kein Interesse daran, unnötigerweise die Zahl der Praxisbesuche der Patienten zu steigern.

Auf Basis welcher Daten Kassenchef Kailuweit die Aussage trifft, dass die Hälfte der Arztbesuche überflüssig sei? Eine konkrete Antwort auf diese Nachfrage gibt die Kasse leider nicht. "Wir als KKH haben festgestellt, dass Patienten mehrere Fachärzte aufsuchen, weil sie mit der Behandlungsqualität unzufrieden sind", teilt sie stattdessen mit. Die Politik solle daher eine Qualitätsdebatte führen. Deutschland liege nach Zahlen der OECD im Jahr 2013 mit rund zehn Arztbesuchen pro Kopf über dem OECD-Schnitt von 6,6, so die Kasse.

Und wie ist das mit der Angst vor der Überweisung?

Kassenvorstand Kailuweit wirft den Hausärzten zudem vor, die Zahl der Arztbesuche zu steigern, weil sie Angst hätten, ihre Patienten zu überweisen.

Weigeldt kann das überhaupt nicht nachvollziehen: "Die Hausarztpraxen sind voll, denn der Bedarf nach hausärztlicher Versorgung steigt immer weiter an, auch wegen des demografischen Wandels. Da ist es ja geradezu absurd zu behaupten, dass Hausärzte Angst hätten, ihre Patienten zu verlieren." Er empfehle Herrn Kailuweit dringend, einmal eine Hausarztpraxis an einem Montagmorgen zu besuchen. "Ich bin mir sicher, dass er dann seine Aussage revidieren wird."



insgesamt 79 Beiträge
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shiral 14.09.2016
1. Ländervergleich
Dass es in der BRD zu viele Ärztebesuche gibt beweisen Vergleiche mit Ländern wie Schweiz und Norwegen, sicherlich keine Entwicklungsländer. Absolute Spitzenwerte erreichen wir bei Krankenhausbetten, überflüssigen Diagnosen und Operationen Das deutsche Gesundheitsunwesen ist unreformierbar und verrottet!
u30 14.09.2016
2. ist doch ok
also wenn ich 2x im Jahr zum Zahnarzt gehe (wegen Vorsorge) und 2x zum Gyn (auch wegen Vorsorge) dann noch 2x zum Gyn wegen Pillenrezept (bzw. Ring, der muss gekühlt werden, deshalb keine Doppelrezepte) dann bin ich ja schon bei 6 Kontakten. Und da war ich noch nichtmal krank...
Hyacinth 14.09.2016
3. Mein Hausarzt beklagt sich über die ganzen alten Patienten, die sonst niemanden zum Reden haben...
und wenn ich den Telefonaten der Sprechstundenhilfen gut zuhöre, schlussfolgere ich, dass manche Menschen schneller gesund würden, wenn sie täten, was ihnen verordnet wurde oder ließen, wovon ihnen abgeraten wurde. Ein Riesenproblem stellen auch die ganzen Adipösen dar, deren Herz-Kreislaufsystem und Gelenke auch keinen Arzt bräuchten, würde ihr Mensch ein wenig achtsamer mit ihnen umgehen.
Pfaffenwinkel 14.09.2016
4. Übertrieben
Eine Freundin ließ sich einen vereiterten Pickel vom Chirurgen behandeln, etwas Zugsalbe hätte es auch getan. Es sind die Ärzte, die sich jedes Zipperleins annehmen, um so viele Patienten wie möglich zu haben.
Spon_Client 14.09.2016
5. Krankschreibung ab 1. Tag
Vergessen wurde wohl, daß viele Arbeitgeber ab dem 1. Tag eine Krankschreibung fordern, weshalb der Arbeitnehmer schon bei kürzester Dauer der Arbeitsunfähigkeit sich trotz ihrer Besxhwerden sich am 1. Tag zum Arzt schleppen müssen. Desweiteren hat der Hausarzt für eine Untersuchung gar nicht die Zeit, die Ursache zu eruieren. Folge ist mehrnaliger Arztbesuch, um weiter "herumzudoktern", anstatt den Patienten sinnvoll zu behandeln oder an Fachärzte weiterzuleiten.
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