Größtes Sinnesorgan "Berührungen sind überlebensnotwendig"

Sie schützt, stimuliert und verrät, wie es uns geht: die Haut. Hier erklärt Dermatologin Yael Adler, warum wir uns mehr anfassen sollten - und wie richtige Hautpflege funktioniert.

Tara Moore/ Getty Images

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Adler, Sie sind Dermatologin und haben bereits mehrere Bücher über die Haut geschrieben. Was macht die Haut so besonders?

Zur Person
  • Thomas Duffé
    Yael Adler ist Ärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Sie leitet ein privatärztliches Zentrum für Haut, Venen und Lasermedizin in Berlin-Grunewald. In ihren Büchern "Darüber spricht man nicht" und "Haut nah - Alles über unser größtes Organ" befasst sich die Dermatologin auch mit vermeintlichen Tabus wie Problemen im Bett oder Juckreiz am Po.

Yael Adler: Die Haut ist unser größtes Sinnesorgan und erfüllt wahnsinnig viele Funktionen. Sie ist wie ein Frühwarnsystem und schützt uns vor Verbrennungen, Verletzungen, Infektionen, vor dem Austrocknen und hilft bei der Wärmeregulation. Wir können an ihr Stimmungen ablesen: Gänsehaut, wenn jemand emotional berührt ist, Blässe, wenn man erschrocken ist oder hektische Flecken bei Stress. Die Haut spiegelt direkt die Psyche wider. Berührungen können lustvoll sein - besonders in den erogenen Zonen.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert bei einer Berührung?

Adler: An den Empfangsstellen, den Rezeptoren, messen wir Druck, Dehnung, Temperatur, Schmerz und Vibration. Die Nerven greifen die Empfindungen auf und leiten sie ans Rückenmark sowie Gehirn weiter. Dort werden bei Berührungen Botenstoffe ausgeschüttet - Hormone wie Oxytocin. Ich nenne es das Weltfriedenshormon. Menschen, die viel berühren oder berührt werden, sind insgesamt friedfertiger, diplomatischer und gelassener. Also "Make love not war" - so verstaubt es klingt, aber es ist neurowissenschaftlich belegt. Beim Sex wird ein Hormoncocktail freigesetzt aus Endorphinen, also Glückshormonen, und Dopamin, dem Belohnungshormon, Sexual- und Aktivierungshormonen, die die Sinne schärfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig sind Berührungen für uns?

Adler: Berührungen sind überlebensnotwendig für uns. Die Psyche profitiert sehr davon. Menschen, die vereinsamt sind, allein leben, Single sind oder die sich aus religiösen Gründen nicht berühren dürfen, leiden eher unter Depressionen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Haut als das größte Sexualorgan gesehen werden kann. Warum?

Preisabfragezeitpunkt:
08.07.2019, 18:00 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Yael Adler
Haut nah: Alles über unser größtes Organ. Neu mit Praxisteil (Erweiterte Ausgabe 2018)

Verlag:
Droemer HC
Seiten:
384
Preis:
EUR 16,99

Adler: Jede Berührung geht zwangsläufig über die Haut. Begehren, Erregung und Verlangen sind eng damit verbunden. Natürlich ist Nacktsein an sich auch ein Thema. Es steht für Vertrauen, für Hingabe. Und der Mensch ist verletzlich, wenn er nackt ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche Funktion hat die Haut dann konkret beim Sex?

Adler: Erst einmal sehen die Partner auch an der Haut, wie es dem anderen gerade geht. Das stimuliert beide und führt zum Lustschwitzen, der Kreislauf gerät in Schwung. Die Wärmeabgabe ist beim sportlichen Sex auch wichtig. Das Berühren schafft aber auch Nähe und sorgt dafür, dass Hormone ausgeschüttet werden. Die erzeugen zum einen ein Lustgefühl, sie helfen aber auch, zum Höhepunkt zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man trainieren, dass man sensibler reagiert auf Berührungen?

Adler: Ganz gewiss. Aus der Neurologie weiß man, dass Nerven trainierbar sind. Das hat aber sehr viel mit der Psyche zu tun. Und dem Willen, sich darauf einzulassen: hinzuhören, hinzufühlen, hinzuschauen. Sprich, auf Körpersignale zu achten und sich die Zeit dafür zu nehmen. Meditation ist dafür ein probates Mittel. Es gehört aber auch dazu, sich und seinen Körper zu kennen. Man sollte alles einmal angefasst, geschmeckt und gefühlt haben. Frauen sollten auch die Vulva genau kennen. Je besser das Selbstempfinden ist, desto mehr kann man seine Gefühle wahrnehmen. Masturbation kann helfen, die erotischen Schaltstellen am eigenen Körper zu kennen - und sie beim Sex zu nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern erzählt die Haut Geschichten?

Adler: Die Haut zeigt im Laufe des Lebens Veränderungen. An der Haut sehen wir auch, ob der Mensch auf einen gesunden Lebensstil achtet: Ob er raucht, zu viel in der Sonne liegt, Alkohol trinkt. Oder ob er Sport macht, sich gesund ernährt, glücklich ist und viel lacht. Auch chronischer Stress zeichnet sich an der Haut ab durch Reizungen, Rötungen und Irritationen.

SPIEGEL ONLINE: Weiche, zarte Haut ohne Makel gilt als Ideal. Wie sehen Sie das?

Adler: Weiche Haut, dickes, volles Haar und gesunde Nägel erzählen dem Gegenüber, dass man gesund ist. Und es sich lohnt, sich mit der Person zu vermehren - das ist ein evolutiver Reflex. Schöne Haut ist aber vor allem eine, die einen schützt und in der man sich wohlfühlt. Und die keine Entzündungszeichen hat oder Irritationen, die Beschwerden verursachen. Natürlich kann sie auch mal eine Rötung hier und da haben oder eine Verletzung. Aber wenn jemand chronischen Juckreiz hat oder es schuppt oder gerötet ist, ist die Haut krank - und nicht hässlich. Dann muss man ihr helfen, wieder ins Lot zu kommen. Wenn jemand zum Beispiel Schuppenflechte hat, gehen die Menschen reflexartig auf Abstand, weil sie denken, sie könnten sich anstecken. Dabei ist Schuppenflechte überhaupt nicht ansteckend - und man darf sie anfassen. Da muss man Aufklärung betreiben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt der Geruch der Haut?

Adler: Der Hautgeruch ist ein ganz wichtiges Thema. Darüber werden Informationen über das Immunsystem, die Blutgruppe, die Genetik und den Hormonzustand abgesondert. Der Geruch spielt auch bei unserer Partnerwahl eine Rolle. Wenn wir ihn durch Cremes, Duftmittel oder die Pille verfälschen, kann das die Partnerwahl beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt ein schlechter Körpergeruch?

Adler: Menschen, die stinken, tragen entweder synthetische Kleidung oder sie haben ein falsches Mikrobiom auf der Haut. Das sind Bakterien, die uns schützen. Bei einem gesunden Mikrobiom hat man weniger Hautinfektionen - und einen besseren Körpergeruch. Mit zu vielen Pflegemaßnahmen zerstören wir diese Natur unserer Haut - wir bräuchten das alte Biotop der Steinzeit. Dann wäre die Haut gesünder.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre Tipps für die Hautpflege?

Adler: Seit der Steinzeit hat sich die Haut kaum verändert. Die Schutzmechanismen sind die gleichen. Mit den Talgdrüsen und Lipiden der Oberhaut haben wir zwei Fettquellen. Diese einzigartige Mischung ist eine super Bodylotion - sie legt sich pflegend auf die Haut und schützt vor Austrocknung, Erregern und Infektionen. Das hält schön geschmeidig und ist gut gegen Juckreiz. Die Industrie versucht, solche Cremes herzustellen. Aber nichts ist so gut wie das, was der Körper macht. Das Wichtigste ist deshalb, dass man diese Fettschicht nicht wegseift, sondern sich überwiegend nur mit Wasser wäscht. Außer die Hände, die muss man natürlich mit einer milden Waschsubstanz waschen. Und wer möchte, sparsam auch Achseln, Leisten, Pofalte und die Füße. Aber ansonsten braucht die Haut das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht es mit der Hornhaut aus?

Adler: Viele meinen auch, dass sie diese dünne Hornschicht auf der oberen Haut wegpeelen müssen. Das ist falsch. Das ist wie ein schützendes Mauerwerk - und das soll dableiben. Ansonsten können Allergene oder Erreger eindringen und die Haut trocknet weiter aus. Ein Peeling ist nur bei Mitessern, Akne oder starken Verhornungen an den Oberarmen sinnvoll. Alkalische Seifen, Konservierungs- und Desinfektionsmittel sind schädlich für den Säureschutzmantel der Haut und das Mikrobiom. Man sollte immer nur dort mit Cremes nachhelfen, wo es trocken ist und spannt. Und auf Produkte ohne Duft-, Farb- und Konservierungsstoffe setzen. Bei der Hautpflege gilt: weniger ist mehr.



insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jutta_weise 09.07.2019
1. Berührungen gehören....
zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Sie sind unsere ersten Kommunikationsmittel. Sie sind der Kit für eine glückliche und harmonische Partnerschaft.
quark2@mailinator.com 09.07.2019
2.
Seltsame Steigerungsformen ... notwendig, lebensnotwendig, überlebensnotwendig ... Geht es noch etwas übertriebener ? Nein, man stirbt nicht, wenn man nicht berührt wird. Korrekt wäre also vielleicht eine Einstufung als positiv oder anstrebenswert. Aber hier muß dauernd mindestens der Superlativ her, außer man findet einen Weg, selbst den noch zu steigern. Da gibt das Blatt gern 110%.
Merlin1006 09.07.2019
3. Oh doch!
Babys sterben sehr wohl, wenn sie nicht berührt werden.
solitaryway 09.07.2019
4.
Wären Berührungen überlebensnotwendig, wäre ich schon tot. Die Überlebensnotwendigkeit würde ich auf das sehr junge Alter eingrenzen. Später differenziert sich das aus. Nicht zu vergessen wäre noch, dass manche Menschen es nicht mögen, berührt zu werden.
urmedanwalt 10.07.2019
5. Wer nicht berührt wird
Stirbt sicher nicht gleich, aber sicher früher als nötig. Berühren wird bei uns viel zu sehr als sexuelle Vorstufe angesehen, dabei ist absichtslose Berührung ein ganz wunderbares Mittel, um Endorphine zu bilden und Kortisol abzubauen. Probiert es einfach mal aus. Gut geeignet ist Biodanza oder Kuschelparties. Wer da Bedenken hat, soll sich erst mal informieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.