Skiunfälle "Kunstschnee ist ein Problem"

Die Zahl der Skiverletzungen ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Grund zur Entwarnung? Wohl kaum: Vor allem bei Kunstschnee bergen Retter immer wieder Schwerverletzte.
Skifahrer wird nach einem schweren Sturz geborgen.

Skifahrer wird nach einem schweren Sturz geborgen.

Foto: Robert Jaeger/ dpa

"Komm heil zurück" - das wünschen wir uns von Freunden und Familienmitgliedern, die sich in den Skiurlaub verabschieden. Denn jeder weiß, dass Skifahren mit Gefahren verbunden ist. Zwar ist das Unfallrisiko auf den Pisten in den vergangenen Jahren gesunken - dank moderner Sicherheitsbindungen, Protektoren und Helme. Doch zugleich berichten Unfallchirurgen über schwere Verletzungen, die es in dieser Form früher nicht gab. Schuld seien zu hohe Geschwindigkeiten und Kunstschnee.

Der Deutsche Skiverband (DSV) geht davon aus, dass 4,2 Millionen Deutsche regelmäßig auf die Ski steigen. Hochgerechnet verletzten sich in der Saison 2015/2016 rund 42.000 Wintersportler so, dass sie eine ärztliche Behandlung brauchten. Dabei stieg die Zahl derer, die im Krankenhaus landeten, im Vergleich zur Vorjahressaison um rund 600 auf 7300. Vor allem Kopf, Hals und Brustkorb sind häufiger betroffen als früher.

Andreas Imhoff vom Münchner Uni-Klinikum Rechts der Isar beobachtet seit Jahren, mit welchen Verletzungen Skifahrer jeden Winter in die Klinik kommen. In der ersten Hälfte der Weihnachtsferien mussten er und seine Kollegen besonders viele schwere Knochenbrüche, Bänderrisse und ausgekugelte Gelenke operieren. Nicht etwa, weil frischer Pulverschnee lockte, sondern gerade weil es bis zum Jahreswechsel nicht geschneit hatte. "Kunstschnee ist ein Problem", sagt der Chefarzt der Abteilung für Sportorthopädie.

Die meisten Verletzungen betreffen Knie, Schulter und Kopf.

Die meisten Verletzungen betreffen Knie, Schulter und Kopf.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Pisten würden platter gewalzt als früher, ohne Hügel und Buckel, damit der immer knappere Schnee länger hält. Gerade die Piste aus Maschinenschnee sei eher hart und schnell, fast wie beim Abfahrtslauf der Profis. Dabei seien darauf keineswegs nur Könner unterwegs.

"Die Verletzten sind eher schlechtere Skifahrer und Anfänger, die leichter stürzen", sagt Imhoff. "Geschwindigkeit ist ein wesentlicher Unfallfaktor." Viele gingen auch völlig untrainiert auf die Piste. "Es wundert mich schon, dass die Leute sich nicht vorbereiten."

Schmale Schneebänder zwischen braunen Hängen

Hinzu kommt, dass warme Winter Skifahrer immer häufiger auf schmale Schneebänder zwischen braunen Bergrücken zwingen. Diese bergen eigene Gefahren - etwa für Zusammenstöße aufgrund des begrenzten Platzes.

Besonders gefährlich wird es zudem, wenn Wintersportler auf den engen Straßen die Kontrolle über Skier oder Snowboard verlieren. "Die Skifahrer schießen über die Piste hinaus und landen im Gelände", sagt Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein (DAV). Dort drohen ohne weiche Schneedecke Kollisionen mit Baumstümpfen und Felsen.

Die Verletzungen sähen manchmal aus wie nach einem Motorradunfall, berichtet Ulrich Steiner, der als Flugrettungsnotarzt in österreichischen Skigebieten arbeitet. Es gebe Schädel-Hirn-Traumata, Wirbelbrüche und innere Verletzungen. "Wenn man die letzten Winter anschaut, in denen man viel auf Kunstschnee unterwegs war, sieht man, dass die Unfälle oft sehr schwer sind."

Carven über die eigenen Verhältnisse

Im vergangenen Jahr etwa holte Steiners Team mit dem Hubschrauber eine 50-jährige Skifahrerin, die am Rand einer zehn Meter breiten Kunstschneepiste eine Böschung hinuntergestürzt war. Diagnose: Gehirnerschütterung, Wirbelkörperfraktur, mehrere Rippenbrüche, Lungenkollaps und Lungenquetschung. Mit ähnlichen Verletzungen brachte Steiner einen Snowboarder ins Krankenhaus, der auf Kunstschnee an einem Baumstumpf verunglückt war. "Das sind nicht die üblichen Skiunfälle wie früher."

Auch Steiner sieht im hohen Tempo auf vollen Pisten Gefahrenmomente. "Mit den taillierten Skiern ist ein schlechter Skifahrer viel schneller mit einem falschen Sicherheitsgefühl unterwegs. Man sieht schon oft, dass jemand mit schlechtem Können über seine Verhältnisse fährt."

Verletzungen oft ohne Fremdeinwirkung

Grundsätzlich zumindest hat die Anzahl der Verletzten in Relation zur Zahl der Skifahrer deutlich abgenommen. "Wir haben heute 50 Prozent weniger Verletzungen als 1980", sagt Andreas König, Sicherheitsexperte beim Deutschen Skiverband (DSV). Zu diesem Ergebnis kommt auch die Auswertungsstelle für Skiunfälle der ARAG Sportversicherung, die seit mehr als 30 Jahren Verletzungen deutscher Skifahrer erfasst.

Das Unfallrisiko sinkt tendenziell seit Jahren - von Entwarnung kann allerdings keine Rede sein.

Das Unfallrisiko sinkt tendenziell seit Jahren - von Entwarnung kann allerdings keine Rede sein.

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Eine österreichweite Analyse  von 7000 Ski- und Snowboardunfällen  geht sogar noch einen Schritt weiter: Demnach hat sich die Zahl der Skiunfälle auf Österreichs Pisten innerhalb von zehn Jahren halbiert. Während es 2002/2003 noch zu durchschnittlich 1,3 Verletzten pro 1000 Skitagen kam, zählten die Forscher 2012/2013 durchschnittlich 0,6 Verletzungen pro 1000 Tage, die Menschen auf Skiern standen.

Die Experten der Universität Innsbruck und des Österreichischen Skiverbundes erklären sich das Ergebnis mit weniger Stürzen, einer verbesserten Skiausrüstung mit kürzeren Skiern, aber auch regelmäßigeren Kontrollen der Bindungen und besser präparierten Pisten.

Die Analyse bestätigt jedoch auch, dass sich die meisten Verletzungen bei hohem Tempo ereigneten. Zu den weiteren Risikofaktoren zählen steile Pisten, weicher Schnee und schlechte Sicht - alles Faktoren, die das Skifahren anstrengender machen.

Skifahrer sollten sich auf den Winterurlaub vorbereiten, raten die Autoren der Studie. Es sei wichtig, im Vorfeld die Beinmuskulatur zu kräftigen. Das Gute: Einen Großteil ihrer Gesundheit haben Wintersportler selbst in der Hand, ergab die Studie aus Österreich. Weit mehr als 80 Prozent der Verletzten stürzten ohne Fremdeinwirkungen. Nur bei sieben (Männer) beziehungsweise acht (Frauen) Prozent kam es zu einer Kollision mit einer anderen Person.

irb/dpa
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