Dolmetscher für Migranten "Ärzte sollten keine Bilder malen müssen"

Manche afrikanische Einwanderer in Spanien können erst einmal weder Spanisch noch Englisch. Ein Projekt hilft mit Dolmetschern - und Aufklärung über HIV, Tuberkulose und andere Krankheiten.

Arzt López-Vélez mit Dolmetscher und Vermittler Serge Hoys und einem Patienten
Victor Sainz

Arzt López-Vélez mit Dolmetscher und Vermittler Serge Hoys und einem Patienten

Von "El Pais"-Autorin Patricia Peiró


In vielen afrikanischen Ländern müssen Patienten fast alle medizinischen Diagnosen und Therapien selbst bezahlen. Aus diesem Grund sind manche Einwanderer in Spanien durchaus skeptisch, wenn ihnen plötzlich kostenfreie Untersuchungen angeboten werden. Sie fragen sich möglicherweise, ob der Arzt ihnen Blut abnimmt, um es auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Sprechen Arzt und Patient nicht einmal dieselbe Sprache, lassen sich solche Missverständnisse schwer auflösen - und auch alle wichtigen medizinischen Fragen lassen sich kaum klären.

Das Projekt "Salud Entre Culturas" leistet hier mit Dolmetschern wichtige Hilfe. Es wurde 2006 in der Abteilung für Tropenkrankheiten des Ramón y Cajal Krankenhauses in Madrid ins Leben gerufen. "Salud Entre Culturas" will Menschen einen Zugang zur Gesundheitsversorgung ermöglichen, die keine Spanischkenntnisse und nur begrenzte Englisch- und Französischkenntnisse haben. Das sind in Spanien vor allem Männer, die aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara stammen. Das Programm ist aber für alle zugänglich.

Sprachbarrieren und Kulturunterschiede überwinden

Es geht darum, Sprachbarrieren und Kulturunterschiede zu überwinden. "Viele wissen nicht, was Hepatitis ist. Manche denken, Malaria wird über Wasser übertragen oder dass Aids nicht existiert", sagt Rogelio López-Vélez, der das Programm leitet.

Im Team sind fünf professionelle Mitarbeiter sowie einige Assistenten. Dolmetscher nehmen an Untersuchungen mit Migranten teil, die nur bestimmte afrikanische Sprachen beherrschen. Bis zu 30 verschiedene afrikanische Sprachen, sowie Rumänisch, Russisch und Arabisch wurden schon in der Einrichtung gesprochen.

Die meisten Einwanderer stammen aus Kamerun, der Elfenbeinküste, Guinea, der Ukraine und neuerdings auch aus Syrien.

Der 25-jährige Suleiman aus Guinea ging zusammen mit zwei Freunden zu seinem ersten Arzttermin in Spanien. "Wir machten uns Sorgen, ob man uns verstehen würde und eine Diagnose gestellt werden könnte", erinnert er sich. "Im Nachhinein sind wir sehr dankbar für die Dolmetscher. Ohne sie wäre es extrem schwierig gewesen." Bald wollen sie ohne Dolmetscher auskommen: Spanischlernen ist ihre oberste Priorität.

  • Dieser Text ist Teil des Projekts "Rethink Health". Dabei veröffentlichen fünf Redaktionen weltweit über einen Zeitraum von drei Wochen im Oktober Texte zum Thema Gesundheit. Zum Beispiel zur Frage, wie wir angesichts einer sich rasant ändernden Welt gesund bleiben können, wie diese neue Welt aber auch neue Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung bietet. Die teilnehmenden Medien sind "Der Spiegel", "El País", "The Sunday Times", "The Nation" und "The Hindu".

"Salud Entre Culturas" entstand während der Cayuco-Migrationskrise 2006, bei der 39.180 Menschen in kleinen Fischerbooten die Überfahrt in Richtung kanarische Inseln versuchten. Seither wurden mehr als 5700 Migranten behandelt, knapp 10.000 nahmen an Workshops teil, die für Themen wie Tuberkulose, HIV und Sexualerziehung sensibilisieren sollen. Im Jahr 2017 machte der Gesundheitsrat von Madrid das Programm offiziell und erkannte die Bedeutung von Kultur- und Sprachmittlern an.

Die Aufklärung funktioniert

Wie sehr sich die Einstellung der Menschen durch die Workshops ändert, wurde zum Teil schon analysiert. Demnach erkannten etwa zu Beginn nur 47 Prozent der Teilnehmer die Existenz von Aids an, am Ende der Workshops lag der Anteil bei 95 Prozent.

Im Rahmen des Projekts wurden auch mehrere Afrikaner ausgebildet, um Gesundheitsthemen zu vermitteln. Einer von ihnen ist Serge Hoys aus Kamerun. "In Kamerun gibt es mehr als 187 offizielle Dialekte", erklärt er. "Stellen Sie sich vor, mit Menschen zu kommunizieren, die nur diese Sprachen sprechen."

Die Bedingungen, unter denen Menschen aus Subsahara-Afrika hier ankommen, seien hart. "Manche von ihnen waren noch nie in einer Arztpraxis, einem Krankenhaus, wurden noch nie gegen Grippe geimpft. Wir dürfen das nie vergessen", betont er. "Wir setzen uns dafür ein, dass Dolmetscher Teil des öffentlichen Gesundheitssystems werden. Ärzte sollten für ihre Patienten keine Bilder malen müssen."



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.