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14. Oktober 2015, 06:46 Uhr

Gesundheit im Büro

Stehen ist so gefährlich wie Sitzen

Menschen, die viel sitzen, sterben früher - egal wie viel sie sich sonst bewegen, so glaubte man bislang. Doch nun zeigt eine große Studie: Körperliche Aktivität könnte sehr wohl einen wichtigen Schutz bieten. Bei der Büroarbeit zu stehen, gilt aber nicht.

Die Deutschen sitzen zu viel. Daran wird auch diese Studie nichts ändern - und trotzdem stellt sie Grundlegendes infrage.

So deutete bislang viel darauf hin, dass zu langes Sitzen schlecht für die Gesundheit ist - egal, wie viel Sport man sonst macht. Doch laut einer großen Untersuchung stimmt die Sitztheorie so gar nicht.

Melvyn Hillsdon von der University of Exeter und Kollegen haben Daten zu den Lebensgewohnheiten und dem Gesundheitszustand von gut 5100 Londoner Verwaltungsangestellten ausgewertet. Über 16 Jahre hinweg gaben die Probanden in regelmäßigen Abständen an, wie viel Zeit sie pro Woche etwa im Büro, im Auto oder in ihrer Freizeit im Sitzen verbringen.

Bis zum 31. Juli 2014 waren 450 Mitglieder der Gruppe gestorben. Konkret entdeckten die Forscher keinen Zusammenhang zwischen den Sitzgewohnheiten und dem Sterberisiko der Studienteilnehmer. Das führen sie auf eine Besonderheit der Studiengruppe zurück: Mit im Schnitt 43 Minuten am Tag seien die Probanden insgesamt mehr als doppelt so lang zu Fuß unterwegs gewesen wie der Durchschnittsbrite, schreiben sie im "International Journal of Epidemiology".

Demnach könnte Bewegung doch einen Schutz vor den gesundheitlichen Folgen von ständigem langen Sitzen bieten. Andersherum formuliert: "Jede ruhende Position, in der der Energieverbrauch gering ist, könnte schädlich für die Gesundheit sein, sei es Sitzen oder Stehen", sagt Hillsdon.

Zweifel am Nutzen von Stehtischen

Zuvor hatten zahlreiche Studien darauf hingedeutet, dass langes Sitzen das Risiko für Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, Diabetes und manche Krebsformen erhöht und damit Lebensjahre kostet - und das unabhängig davon, wie viel man sich sonst bewegt. Die logische Konsequenz: Forderungen nach mehr hochfahrbaren Tischen und Stehpults in Büros wurden laut, Arbeitnehmer sollen zum Aufstehen animiert werden.

Die aktuellen Ergebnisse riefen nun Zweifel am Nutzen von höhenverstellbaren Tischen hervor, so die Forscher. Ärzte sollten künftig vorsichtig sein, Sitzen unabhängig von Bewegungsmangel als Risikofaktor für einen früheren Tod anzuerkennen.

Gleichzeitig sagt die Studie aber nichts darüber aus, inwiefern Stehtische bei konkreten Leiden, etwa im Rücken, hilfreich sein können. Auch müsse noch geklärt werden, wie genau sich langes Sitzen auf die Stoffwechselprozesse im Körper auswirkt. So hatten kleinere Untersuchungen (etwa hier und hier) gezeigt, dass sich die Art, wie Zucker im Körper verwertet wird, im Sitzen und Stehen oder Gehen unterscheidet.

Fest steht: Wer viel sitzt, sollte seine Position regelmäßig verändern, um einseitige Belastung im Rücken zu vermeiden. Auch Aufstehen, Herumlaufen oder ein paar Treppen zu steigen, kann dabei helfen. Insgesamt gilt: Bewegung, ausgewogene Ernährung und ein normales Körpergewicht bleiben die wichtigsten Voraussetzungen für ein möglichst langes und gesundes Leben.

jme

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