US-Studie Bei bestimmten Herzerkrankungen sind OPs oft überflüssig

Viele Herzerkrankungen werden mit Operationen behandelt - etwa mit Bypässen. Forscher haben jetzt herausgefunden: Oft helfen Medikamente genauso gut wie invasive Verfahren.

Ärzte bei operativem Eingriff (Symbolbild): Eine Bypass-OP wird meist am offenen Herzen durchgeführt
Manfred Weis/ Westend61/ Getty Images

Ärzte bei operativem Eingriff (Symbolbild): Eine Bypass-OP wird meist am offenen Herzen durchgeführt

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Stent-Einlagen oder Bypass-OPs gehören zu den häufigsten invasiven Verfahren, um Erkrankungen der Herzkranzgefäße zu behandeln. Doch ob sie immer nötig sind, ist unklar.

US-amerikanische Forscher haben nun in einer groß angelegten Studie herausgefunden, dass Patienten mit stabilen koronaren Herzerkrankungen oft gar nicht von den Eingriffen profitieren: Eine medikamentöse Therapie und allgemeine Anpassungen des Lebensstils können für sie genauso effektiv sein wie operative Maßnahmen.

Engstellen in einem oder mehreren Herzkranzgefäßen entstehen häufig durch Arteriosklerose und können zu Sauerstoffmangel in Teilen des Herzens führen. Mediziner sprechen von koronaren oder ischämischen Herzkrankheiten (KHK). Diese gehören in Deutschland zu den häufigsten Todesursachen. Gefährliche Folgen sind außerdem Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche oder ein Infarkt.

Neben Vorbeugung durch gesunde Ernährung, Verzicht auf Zigaretten und ausreichend Bewegung können Medikamente helfen, die die Blutgefäße erweitern und die Sauerstoffnutzung verbessern. Auch die effektive Behandlung eines Bluthochdrucks oder eines Diabetes mellitus gehören zu einer umfassenden Therapie.

Neben diesen Behandlungsmöglichkeiten können die Gefäße auch durch das Einsetzen von Stents offengehalten werden. Stents sind kleine Gitterschläuche, die über einen Herzkatheter in die verengten Herzkranzgefäße gelegt werden. Neuere beschichtete Stents geben zudem Medikamente ab, die verhindern sollen, dass die Gefäße wieder zuwuchern. Ihr Nutzen ist umstritten, da sich Patienten häufig nach der Intervention einem erneuten Eingriff unterziehen müssen. Bei einer Bypass-OP am offenen Herzen werden ein oder mehrere Kranzgefäße durch Venen aus den Beinen oder Arterien aus der Brustwand ersetzt (Lesen Sie hier mehr zur Kritik an Stents).

Bei Brustschmerzen können Stents helfen

Die International Study of Comparative Health Effectiveness With Medical and Invasive Approaches (ISCHEMIA), die vom NYU Langone Health Center in New York finanziert wurde, kam nun zu folgenden Ergebnissen:

  • Stents oder Bypass-OPs schützen nicht besser vor Herzinfarkten oder Todesfällen durch Herzstillstand als Medikamente.
  • Die Eingriffe verschaffen Patienten mit Brustschmerzen jedoch nachweislich Linderung.
  • Bei Menschen ohne Brustschmerzen haben sie keinen Vorteil gegenüber einer medikamentösen Therapie.

An der Studie nahmen 5179 Menschen teil, die unter verengten Arterien litten, sich jedoch nicht in einer gesundheitlichen Notsituation befanden. Jeder fünfte von ihnen klagte über regelmäßige Brustschmerzen. Die Behandlungsmethoden der Patienten wurden per Zufallsprinzip ausgewählt: eine alleinige medikamentöse Therapie, das Einsetzen von Stents oder eine Bypass-OP.

145 Patienten mit Stent oder Bypass starben, 276 von ihnen erlitten einen Herzinfarkt. Von den Patienten, die lediglich Medikamente einnahmen, starben 144 und 314 erlitten einen Herzinfarkt. Die Forscher, die ihre Ergebnisse bei einem Treffen der American Heart Association am Wochenende vorstellten, schließen daraus, dass es auf mehrere Jahre betrachtet bei stabilen koronaren Herzkrankheiten keinen großen Unterschied zwischen invasiven und medikamentösen Therapien gibt - außer bezüglich der Linderung der Brustschmerzen.

Frühere Studien lückenhaft

Die Ergebnisse scheinen auch Ärzte überzeugt zu haben: "Die Studienergebnisse werden unser klinisches Denken verändern", sagte Alice Jacobs, Kardiologin an der Boston-Universität, der "New York Times".

Schon lange wird kontrovers diskutiert, ob die Stent-Implantation für Patienten mit stabiler koronarer Herzkrankheit im Vergleich zur medikamentösen Therapie die bessere Lösung ist. 2007 hatte eine Studie bereits nahegelegt, dass Stents nicht wirksamer sind als Herz-Medikamente. Daraufhin war jedoch nur eine Debatte um die richtige Verwendung von Stents entbrannt - die Studie wurde von Ärzten für nicht schlüssig gehalten und das Studiendesign für fehlerhaft befunden.

Insgesamt legen die Ergebnisse der ISCHEMIA-Studie nahe, dass Stents und Bypass-Operationen bei Patienten mit stabilen Herzerkrankungen sparsamer eingesetzt werden sollten. Die Entscheidung zu invasiven Verfahren sollte zudem weniger überstürzt erfolgen. Patienten mit regelmäßigen Brustschmerzen könnten die invasiven Maßnahmen dennoch Linderung verschaffen.


Zusammengefasst: US-amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Operationen bei stabilen koronaren Herzkrankheiten oft überflüssig sind: Eine Vergleichsgruppe, die lediglich mit Medikamenten therapiert wurde, erlitt nicht häufiger einen Herzinfarkt oder starb an der Erkrankung als diejenigen, die Stent-Einlagen oder einen Bypass erhielten. Einzig: Invasive Verfahren können Linderung bei Brustschmerzen verschaffen, die durch Medikamente allein nicht herbeigeführt werden kann. Die Studie unterstreicht damit frühere Studienergebnisse, die jedoch wegen des Studiendesigns von Ärzten angezweifelt wurden.

insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
HerrPeterlein 19.11.2019
1. Umstrittene Studie
Weniger Eingriffe sind oft mehr, viele Eingriffe haben nur einen bedingten Nutzen. Trotzdem halte ich diese Studie für umstritten, bzw. den Inhalt für logisch falsch. In den USA, aber auch Deutschland raten die Ärzte immer zu einer gesunden Lebensweise und verordnen relativ schnell Medikamente, ein operativer Eingriff ist fast immer die letzte Möglichkeit. Jetzt bin ich Raucher, stark übergewichtig und habe schon Schmerzen im Herzen. In diesem Fall werde ich kaum mit ausreichend Bewegung anfangen und dem Rauchen/ungesunder Ernährung aufhören, wenn es bis jetzt noch nicht erfolgt ist. Alleine wegen der Schmerzen meidet man die Bewegung.
xees-ss 19.11.2019
2.
Allein der Hinweis, dass geänderte Lebensumstände wie Nahrung und Bewegung helfen können, ist doch Absurd. Gerade das zuviel an falschem Essen, Alkohol und vielleicht sogar noch Rauchen in Verbindung mit mangelnder Bewegung führen doch überhaupt erst zu Herzbeschwerden! Vermutlich nicht mal 5% der Betroffenen ändern ihre Lebensweise so Radikal, dass es keine OP braucht und nur Medikamente helfen.
aufbali 19.11.2019
3. Dilemma des Gesundheitswesens
Herrlich, ihr Kommentar, @HerrPeterlein! Genau darin liegt doch das Problem (jedes einzelnen Betroffenen und des gesamten Gesundheitssystems). Die überwiegenden Ursachen für Erkrankungen der Herzkranzgefäße sind lebensstil- und umweltabhängig. D.h. jeder Einzelne trägt mit seinem (Fehl-)Verhalten zum gesund bleiben oder krank werden elementar bei. Und die Anreize des Gesundheitssystems für einen gesunden Lebensstil sind nicht ausreichend, um primär Menschen zur rücksichtsvollen, gesunden Lebensweise zu bewegen. Gelänge dies, wären teure Stentbehandlungen oder medikamentöse Therapien obsolet. Damit würde aber auch kein Arzt oder Pharmakonzern Geld verdienen... Übrigens: in der o.g. Studie fehlt natürlich die 3. Vergleichsgruppe: konventionelle Lebensststiltherapie: (etwas) mehr bewegen, gesünder ernähren, weniger Rauchen, Stress reduzieren - Hypothese: dagegen würde 1) jede Intervention allein mit Medikamenten oder OP weniger erfolgreich abschneiden und 2) ein gesunder Lebensstil den Patienten mehr Lebensqualität bringen
Stereo_MCs 19.11.2019
4.
Zitat von HerrPeterleinWeniger Eingriffe sind oft mehr, viele Eingriffe haben nur einen bedingten Nutzen. Trotzdem halte ich diese Studie für umstritten, bzw. den Inhalt für logisch falsch. In den USA, aber auch Deutschland raten die Ärzte immer zu einer gesunden Lebensweise und verordnen relativ schnell Medikamente, ein operativer Eingriff ist fast immer die letzte Möglichkeit. Jetzt bin ich Raucher, stark übergewichtig und habe schon Schmerzen im Herzen. In diesem Fall werde ich kaum mit ausreichend Bewegung anfangen und dem Rauchen/ungesunder Ernährung aufhören, wenn es bis jetzt noch nicht erfolgt ist. Alleine wegen der Schmerzen meidet man die Bewegung.
Schon sensationell, wie sie da vom Mittagstisch aus mal eben eine seriöse Studie der renommiertesten Unis und medizinischen Institutionen der USA New York University Stanford University National Heart, Lung, and Blood Institute (NHLBI) Albany Stratton VA Medical Center Cedars-Sinai Medical Center Columbia University Duke University East Carolina University Emory University Harvard University Massachusetts General Hospital Montreal Heart Institute University of British Columbia University of Missouri, Kansas City Vanderbilt University als "umstritten und falsch" darstellen. Und das mit Begründungen, die einen fassungslos zurücklassen.
zeichenkette 19.11.2019
5. Achtung, es ging da nur um STABILE koronare Herzerkrankungen!
Bei akuten Fällen (also nicht stabil) sieht das wahrscheinlich ganz anders aus.
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