Ärztepräsident zur Sterbehilfe "Wo ist der Unterschied zur Euthanasie?"

Das Bundesverfassungsgericht wird das Sterbehilfeverbot in Deutschland voraussichtlich aufweichen. Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery warnt bereits vor einer "Tötung auf Verlangen".

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer: "Prinzipien der medizinischen Praxis"
Monika Skolimowska/ DPA

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer: "Prinzipien der medizinischen Praxis"


Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery spricht sich vehement gegen die Aufweichung des Verbots der geschäftsmäßigen Sterbehilfe aus, nachdem das Bundesverfassungsgericht in ersten Sitzungen über die Regelung verhandelt hat. Wenn man ärztlich assistierten Suizid erlaube, führe das direkt zu einer Tötung auf Verlangen, sagte er dem "Tagesspiegel".

"Wenn wir Sterbehilfe als Ärzte betreiben sollten, müssten wir es qualitätsgesichert und nach allen Prinzipien der guten medizinischen Praxis machen", sagte der Ärztepräsident. "Das würde bedeuten: Sterbewilligen würde das Gift über einen Venenzugang injiziert. Wo ist da dann noch der Unterschied zur Euthanasie?"

"Da werden Gefahren beschworen, die nicht vorhanden sind"

Die Behauptung, dass Palliativmediziner durch das Gesetz Gefahr liefen, sich bei der Gabe von schmerzstillenden Medikamenten strafbar zu machen, sei "Quatsch", sagte Montgomery. "Da werden Gefahren beschworen, die nicht vorhanden sind." Die Regelung richte sich gegen Organisationen, "die sich dadurch finanzieren oder ihre Befriedigung daraus ziehen, anderen Menschen beim Sterben zu helfen".

Schwer kranke Menschen, Ärzte und professionelle Suizidhelfer haben in Karlsruhe Verfassungsbeschwerden gegen Paragraf 217 des Strafgesetzbuchs eingereicht, der seit Ende 2015 die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung unter Strafe stellt. Zuvor war es für schwer kranke Patienten möglich, etwa mithilfe eines Sterbehilfevereins Suizid zu begehen. Die Organisation besorgte die tödlichen Substanzen - der Patient musste sie selbst nehmen oder zumindest den Knopf für eine automatische Spritze betätigen.

Der Bundestag wollte mit dem neuen Straftatbestand verhindern, dass Suizidhilfe-Vereine wie Sterbehilfe Deutschland oder Dignitas aus der Schweiz ihre Angebote für zahlende Mitglieder ausweiten. Der Begriff "geschäftsmäßig" umfasst aber nicht nur kommerzielle Leistungen, sondern auch eine wiederholte unentgeltliche Unterstützung.

Bundesverfassungsgericht: Suizid als Grundrecht

Nach den Verhandlungen des Bundesverfassungsgerichts im April weist vieles darauf hin, dass das Verfassungsgericht das strikte Sterbehilfeverbot kippen wird. Demnach handelt es sich bei einem Suizid um ein Grundrecht, das schwerer wiegen könnte als die Bedenken. Vermutlich werden die Richter der Politik nahelegen, Hilfe zum Suizid davon abhängig zu machen, dass sich jemand hat eingehend beraten lassen oder dass ein Expertengremium den Sterbewilligen begutachtet hat.

Gegner der Sterbehilfe führen als Argumente an, dass der Wille von Menschen mit einem Sterbewunsch häufig durch psychische Erkrankungen getrübt sei, und dass vor allem bei älteren Menschen auch von der Haltung geprägt sein könnte, niemandem zur Last fallen zu wollen - bis hin zur Gefahr, dass Angehörige Druck aufbauen könnten.

Das Verfassungsgericht verkündet die Entscheidung erfahrungsgemäß einige Monate nach der Verhandlung. Mit einem Urteil wird in diesem Jahr gerechnet.

irb/dpa



insgesamt 43 Beiträge
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bstendig 08.05.2019
1. Das ist ein äußerst schwieriges Thema
Natürlich haben wir hier in Deutschlanmd - immer noch geprägt durch die gängige Praxis in der NS-Zeit - unsere Probleme mit Sterbehilfe - ob aktiv oder passiv. Und es gibt sicher gute Gründe,. dagegen zu sein. Auf der anderen Seite habe ic hin der Familie jetzt mehrere Fälle erlebt, wo das Sterben zur Qual wurde - nich nur für die Angehörigen, sondern in erster Linie auch für den Sterbenden. Bei völlig klarem Verstand unmter unsäglichen Schmerzen vom krebs zerfressen zu werden, ist nicht gerade erbaulich. Wenn der Betroffene eigentlich dankbar wäre, wenn er das beenden könnte, wer will es ihm verwehren. Wer erdreistet sich hier zu sagen "Das will ich nicht, das geht mir gegen die Ethik, Moral, Religion oder was auch immer". Ich hoffe, dass das Verfassungsgericht hier im Sinne der Betroffenen die bisherigen Regeln aufweicht. Wohl wissend, dass es sicher auch Mißbrauchsfälle geben kann. Aber die gibt es auch heute schon. Mehr Rechtssicherheit für Ärzte und Angehörige wäre sicher wünschenswert. Und allen, die so vehement dagegen sind, wünsche ich, dass sie weder als Betroffener noch als Angehöriger jemals betroffen sind. es ist nicht Verngügunssteuerpflichtig, glauben Sie mir.
Freidenker10 08.05.2019
2.
Es ist eine bodenlose Frechheit Sterbehilfe mit Euthanasie zu vergleichen! Montgomery sollte sich umgehend bei den Opfern und Nachfahren der Euthanasie Opfern entschuldigen und seinen Mund halten! Auch kann ich es absolut nicht nachvollziehen wie man so grob faulend gegen die Sterbehilfe die ein rein humaner Akt und auf eigenen Wunsch geschieht ins Feld ziehen kann! Für mich hat sich Montgomery vollkommen disqualifiziert!
palla-manfred 08.05.2019
3. Einmal Erlösung bitte - für todkrankes Tier beim Veterinär !?!
- es wird sediert, dann narkotisiert und schliesslich das finale Mittel gespritzt - bis zum Einschlafen habe ich den Kater gestreichelt, dann ging ich raus - Säugetiere dürfen von TierÄrzten "eingeschläfert" werden - den "Kleinen Tod" nennt man aber auch den Schlaf beim Menschen - am Ende der o.g. Prozedur fragte ich, ob ICH nicht bei eigenem, endgültigen Bedarf im Beisein von Anwalt/Notar ebenso "erlöst" werden könnte - ein SÄUGE-Tier bin ich aber auch ?!?
latrodectus67 08.05.2019
4. Geschäftsmässig
Man stelle sich vor, wieviel Umsatz verloren ginge, wenn Todkranke nicht gegen ihren Willen bis zum letzten qualvollen Röcheln mit allen Mitteln am Leben erhalten werden. Und es sind natürlich die Nicht-Betroffenen die den Betroffenen befehlen und gebieten wie sie zu leben haben oder in diesem Falle zu sterben haben. Und gegebenfalls auch mal einfach den Betroffenen für unzurechnungsfähig erklären, ohne das Individuum überhaupt wahrzunehmen oder zu würdigen. Es ist auch ein Geschäft Menschen gegen deren Willen am Leben zu erhalten. Oder sind die Behandlungen und Versorgungen kostenfrei? Nein, q.e.d.
götzvonberlichingen_2 08.05.2019
5. Frechheit
Es ist eine absolute Frechheit das mit Euthanasie zu vergleichen. Schon das das eine freiwillig, das andere erzwungen ist, macht den Unterschied deutlich. Hier wird mal wieder so getan, als ob hier ein paar gelangweilte Menschen um Sterbehilfe betteln. Anscheinend traut man den Menschen nicht zu selber zu entscheiden wann ihr Leben enden soll. Vermutlich müssen die Bedenkenträger erst selber erfahren, wie es ist, qualvoll dahinzusiechen.
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