Studien zur Sterbehilfe Warum Menschen sich den Tod wünschen

Für die einen ist die Sterbehilfe ein Akt der Nächstenliebe, für die anderen ein Sakrileg. Zwei aktuelle Studien versuchen zu erfassen, was ihre Liberalisierung tatsächlich bedeutet.
Mensch an Maschine: Für viele von uns ein Alptraum, den wir weder uns noch anderen zumuten wollen

Mensch an Maschine: Für viele von uns ein Alptraum, den wir weder uns noch anderen zumuten wollen

Foto: Ian Waldie/ Getty Images

Nichts ist uns so sicher wie der Tod. Irgendwann muss man sich als Betroffener oder Angehöriger damit befassen. Die wenigsten von uns denken dann gern darüber nach, wann und wie sie sterben möchten. Doch die meisten von uns haben zumindest eine sehr konkrete Vorstellung davon, wie sie nicht sterben wollen.

Niemand will leiden, dahinsiechen oder ohne Bewusstsein nur noch von Maschinen am Leben gehalten werden. Das aber lässt sich nicht immer verhindern, wenn man selbst nicht eingreifen kann, will oder darf.

Ob Hilfe beim Sterben statthaft ist oder sein sollte, ist aufgrund des mörderischen Missbrauchs der Sterbehilfe in Nazi-Zeiten vor allem in Deutschland stark umstritten: An kaum einem Thema scheiden sich die Geister hier so sehr wie an der Euthanasie.

Das gilt vor allem für die sogenannte aktive Sterbehilfe, die absichtliche Herbeiführung des Todes. Wenn so etwas erlaubt wird, warnen Mahner, könnten Gebrechliche und Kosten verursachende Menschen regelrecht "aussortiert" werden. Die Schwächsten könnten unter Druck geraten, sich selbst aufzugeben.

Aber ist das tatsächlich so?

Zwei aktuelle Studien aus den Niederlanden und Belgien, wo aktive Sterbehilfe seit 2002 legalisiert ist, versuchen im Fachblatt "JAMA Internal Medicine" diese Frage zu beantworten.

Sie suchten nach konkreten Zahlen:

  • Wie viele Menschen verlangen nach Sterbehilfe und warum?
  • Wie vielen wird sie gewährt?
  • Verändert sich das?
  • Gehen spezialisierte "Sterbeärzte" anders mit Todeswünschen um als andere Mediziner?

Niederlande: Die Statistiken der "Levenseindekliniek"

Im Jahr 2012 entstand in den Niederlanden die Stiftung Levenseindekliniek  ("Lebensendeklinik") als Angebot für Sterbewillige, deren Wunsch von anderen Ärzten abgelehnt wurde, und für Ärzte, die selbst nicht aktiv Euthanasie leisten wollen. Obwohl legal, ist sie auch in den Niederlanden nicht unumstritten: Zu bereitwillig, kritisieren manche, helfe die Stiftung auch Menschen, denen noch anders geholfen werden könnte.

Die "Klinik" ist genau genommen ein Netzwerk von Sterbehelfern. Marianne C. Snijdewind vom Uniklinikum Amsterdam bekam Gelegenheit, die Sterbewünsche, die zwischen März 2012 und März 2013 an die Stiftung gerichtet wurden, zu analysieren. Sie wollte wissen: Wie geht die Organisation mit Sterbewünschen um? 

Was sie fand:

  • 645 Menschen baten um Sterbehilfe,
  • 162 Bitten wurde stattgegeben,
  • 300 wurden abgelehnt,
  • 124 Patienten starben, bevor eine Entscheidung fiel,
  • 59 Patienten zogen ihre Bitte zurück.

Und so ging die Levenseindekliniek mit verschiedenen Sterbewunsch-Begründungen um:

  • 38 Prozent der Anträge von Menschen mit degenerierenden kognitiven Fähigkeiten (Demenz, Alzheimer u.a.) wurden angenommen,
  • 33 Prozent der Anträge von Patienten mit stark unangenehmen oder schmerzhaften Krankheiten ohne Heilungschance wurden angenommen,
  • 28 Prozent der Anträge von "Lebensmüden" waren erfolgreich,
  • 5 Prozent der Anträge von Patienten, die an psychischen Erkrankungen litten, wurden angenommen.

Das scheint die Befürchtungen von Sterbehilfe-Gegnern zu bestätigen. Ein Blick auf die totalen Zahlen relativiert das Bild jedoch deutlich: Da stehen 113 Todkranke 21 Dementen, 11 Lebensmüden und 6 psychisch Kranken gegenüber.

Die oft als problematisch diskutierten Fälle sind damit deutlich in der Minderzahl - allerdings folgten die Sterbehelfer auch solchen Bitten. Sie zeigten dabei eine höhere Bereitschaft als andere Mediziner, auch Menschen beim Suizid zu helfen, die ihren Sterbewunsch anders als mit starkem physischem Leiden begründeten.

Zugleich aber schlossen sie sich in der Mehrzahl der Fälle den Entscheidungen von Ärzten an, die die Sterbewünsche zuvor abgelehnt hatten. Die Studie kommt so zu einem ambivalenten Fazit: Manche Befürchtungen wurden bestätigt, andere entkräftet.

Belgien: Veränderungen bei Sterbehilfe-Wünschen

In Belgien suchten Sigrid Dierickx und ihre Koautoren nach Antworten auf die Frage, wie sich die Nachfrage nach Sterbehilfe entwickelt.  Die Forscher erfassten die Euthanasieraten in 6871 Todesfällen in Flandern in der Zeit von Januar bis Juni 2013. Zum Vergleich zogen sie eine parallel aufgebaute Befragung aus dem Jahr 2007 heran.

Das Resultat: Von 2007 auf 2013 stieg nicht nur die Zahl der Euthanasiewünsche (von 3,4 auf 5,9 Prozent der untersuchten Fälle), sondern auch die Genehmigungsquote (von 55 auf 77 Prozent). In Belgien wurde es also messbar üblicher, um Euthanasie zu bitten, und erheblich wahrscheinlicher, dass diesem Wunsch stattgegeben wurde. So stieg der Euthanasie-Anteil an der Gesamtzahl der Todesfälle von 1,9 Prozent auf 4,6 Prozent.

Als wichtigste Gründe für die Bewilligung eines Euthanasie-Wunsches gaben Ärzte an:

  • den Wunsch des Patienten (88 Prozent),
  • physisches oder psychisches Leiden (87 Prozent),
  • Aussichtslosigkeit in der Therapie des Leidens (78 Prozent).

Die hohen Prozentzahlen in allen Kategorien zeigen, dass der Entscheidung in der Regel eine Kombination dieser Kriterien zugrunde liegt.

Doch auch hier entdecken die Forscher bedenkliche Trends. "Obwohl die höchste Euthanasierate nach wie vor bei Krebspatienten, solchen mit höherer Schulbildung oder Universitätsabschluss und solchen, die vor dem 80. Lebensjahr sterben, liegt", heißt es im Fazit der Autoren, "gibt es eine wachsende Zahl von Sterbewünschen von Patienten mit anderen Krankheiten, solchen über 80 Jahre und Patienten, die in Altenwohnheimen leben."

Deren Zahl stieg besonders stark: Die Nachfrage seitens der Altenheimbewohner stieg um das Fünffache, die Bewilligungsquote solcher Anträge von 23 Prozent auf 68 Prozent. Alter und Versorgungsbedürftigkeit werden in Belgien zur zunehmend akzeptierten Begründung für Sterbehilfe: 2,7 Prozent der Todesfälle in Altenheimen sind demnach Sterbehilfe-Fälle, also weniger als in der Gesamtbevölkerung.

Man kann das als Bestätigung für die Befürchtungen der Sterbehilfe-Kritiker lesen. Möglich ist aber auch, dass es nur die zunehmende Akzeptanz in der Bevölkerung spiegelt - bis hinein in bildungsfernere und auch konservative Schichten.

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