Umstrittener Test für Senioren Wie bald sterbe ich?

Mit zwölf Fragen soll ein Test die Frage beantworten, wie lange ältere Menschen noch zu leben haben. US-Wissenschaftler wollen so abwägen, für wen sich Vorsorgemaßnahmen noch lohnen - und für wen nicht. Deutsche Ärzte sind empört.
Senioren im Park: "Wie sinnvoll ist ein Sterblichkeitsindex?"

Senioren im Park: "Wie sinnvoll ist ein Sterblichkeitsindex?"

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Der Test, den US-Mediziner jetzt vorgestellt haben und der bei deutschen Ärzten auf harsche Kritik stößt, funktioniert wie jede Checkliste: Zwölf Fragen müssen beantwortet werden, Fachwissen ist nicht nötig. Männlich oder weiblich? Männer bekommen zwei Punkte. Raucher? Noch einer. Diabetiker? Wieder ein Punkt. Einmal um den Block gehen funktioniert nicht mehr so gut? Noch einmal zwei Punkte. Maximal erreichbar sind 26 Punkte - und wer diesen Jackpot knackt, der überlebt das Jahr 2023 mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht mehr.

Das klingt makaber. Gedacht ist es als Versuch von US-Medizinern, mit Hilfe eines einfachen Tests die Sterbenswahrscheinlichkeit von älteren Menschen für die nächsten zehn Jahre zu ermitteln. Das Ziel: "Eine Kosten-Nutzen-Analyse, um zu klären, welcher Patient von welchem Eingriff profitieren könnte", erklärt Studienleiterin Marisa Cruz von der University of California in San Francisco. Für ihren Test haben die Wissenschaftler um Cruz die Daten von mehr als 20.000 US-Bürgern über 50 Jahren ausgewertet, die zwischen 1998 und 2008 zu ihrer Gesundheit befragt worden waren.

"Neue Richtlinien raten dazu, die Lebenserwartung des Patienten in die Therapieentscheidung einzubeziehen, wenn es etwa um langfristige Vorsorgemaßnahmen wie Darmkrebs oder Diabetes geht", schreiben die Autoren im Fachmagazin "Jama" , wo sie ihren Test kürzlich veröffentlicht haben. Für junge Menschen sei der Test nicht geeignet, erst ab 60 Jahren stimme die Prognose, so die Ärzte. "Jede Vorsorgeuntersuchung und jeder klinische Eingriff ist für diese Menschen riskant", so Cruz. "Einen Eingriff sollte man nur bei den Patienten auszuführen, denen er nutzt."

"Das ist Hokuspokus"

Deutsche Mediziner reagieren verhalten auf den "10-Year Mortality Index for Older Adults": "Ich finde diesen Test und die Studie, auf der er beruht, ethisch bedenklich und würde sehr vorsichtig damit umgehen. Wenn eine Auswertung von nur zwölf Fragen darüber entscheidet, ob dem Patienten eine medizinische Behandlung widerfährt oder nicht, ist das sehr diskriminierend", sagt der Forschungskoordinator des Leibniz-Instituts für Altersforschung, Wilfried Briest, zu SPIEGEL ONLINE. "Am Testende werde ich mit einem Wert konfrontiert, der mir beispielsweise eine Lebenserwartung von vier Jahren verspricht. Und was mache ich dann damit?"

Deutliche Worte findet der Internist Stefan Schreiber vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. "In dem Test finden sich viele Parameter für eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit. Hiermit macht man es sich zu einfach, das ist Hokuspokus. Hier wird lediglich vorhergesagt, dass der, dem es bereits schlecht geht, auch kürzer lebt - worum es wirklich geht, ist die Lebenserwartung in weitem Vorfeld von Erkrankungen abzuschätzen. Das ist ärztliche Grunderfahrung, nur als Index verkauft, daran finde ich nichts Spektakuläres", urteilt Schneider.

Der US-Test dürfte es denn auch schwer haben, sich in Deutschland durchzusetzen. Hausärztin Kristina Saamer aus dem Rheinland betreut in ihrer Praxis in jedem Vierteljahr über 2000 Patienten. Sie fühlt sich von dem US-Sterblichkeitstest an Risikorechner erinnert, die den Patienten für einzelne Krankheiten vor Augen führen können, wie selbst leichte Veränderungen des eigenen Verhaltens sich positiv auf die Gesundheit auswirken. "Ich habe bei dem neuen Test das Gefühl, dass man Altbekanntes miteinander vermischt hat", sagt Saamer. Dem Patienten könnte mit gezielten Hinweisen, wie er selbst in machbaren Schritten seine Gesundheit fördern kann, mehr geholfen sein, als mit einer Prozentzahl zum eigenen Zehnjahresüberleben.