Ein rätselhafter Patient Stress stoppt Stimme

Beruflicher Stress lässt den Blutdruck einer 56-jährigen Frau regelmäßig in die Höhe schnellen. Gleichzeitig wird sie heiser - eine rätselhafte Kombination. Die Ärzte suchen an den Stimmbändern nach der Ursache. Fündig werden sie allerdings erst an einer anderen Stelle.

Corbis

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Vor kurzem erst war die 56-Jährige beim Hausarzt. Bluthochdruck sagte der, fortan müsse sie täglich eine Tablette schlucken, die ihre Blutgefäße vor Folgeschäden schützen soll. Wenige Wochen später kommt eine störende Heiserkeit hinzu, die immer dann besonders stark wird, wenn sie unter beruflichem Stress leidet. Die Frau sucht Rat bei Ärzten im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus.

Die Mediziner tun sich zunächst schwer, einen Auslöser zu finden - Heiserkeit kann viele Ursachen haben. In etwa einem Drittel aller Fälle nennen Ärzte sie "idiopathisch", was nichts anderes heißt, als dass niemand eine Ahnung hat, woher die Heiserkeit kommt.

Die Stuttgarter Ärzte vermuten einen Zusammenhang zwischen den hohen Blutdruckwerten der Patientin und ihrer Heiserkeit. Sie selbst hat bei sich Spitzenwerte von über 200mmHg gemessen, normal sind Werte bis etwa 130mmHg. Allerdings hat sie keine typischen Beschwerden, die auf eine Herzerkrankung hinweisen würden, etwa Brustschmerzen oder Kurzatmigkeit. Die Ärzte untersuchen sie, hören mit dem Stethoskop aber nichts Ungewöhnliches. Der Blutdruck ist mit 145/80mmHg fast normal, in den Blutwerten finden sie keine Auffälligkeiten. Auch das EKG und eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs sehen normal aus.

Die Internisten schicken die Patientin weiter zum Hals-Nasen-Ohrenarzt. Der untersucht mit einem Spiegel die Stimmbänder der Patienten und findet die Ursache ihrer Heiserkeit: Das linke Stimmband ist gelähmt. Es bewegt sich beim Sprechen nicht mit und verschließt die halbe Luftröhre.

Verschlungene Wege eines wichtigen Nerven

Warum das Stimmband allerdings gelähmt ist, wissen die Ärzte noch nicht - doch sie haben einen Verdacht: Die Stimmbänder werden von einem Nerven versorgt, der im Körper einen ungewöhnlichen Weg zurücklegt: Vom Hals aus kommend schlingt sich der linke Teil des Nerven im Brustkorb kurz hinter dem Herzen einmal um die Hauptschlagader (Aorta) herum, dann erst steigt er wieder in den Hals auf (siehe Grafik). Daher auch der Name: Nervus laryngeus recurrens, der rückläufige Kehlkopfnerv.

Eine Computertomografie (CT) zeigt schließlich, was die Ärzte vermuteten: Die Hauptschlagader der Patientin ist kurz nach dem Ausgang aus dem Herzen stark erweitert, die Wände teilweise eingerissen. Mediziner sprechen von einem Aortenaneurysma. Immer wenn der Blutdruck der Patientin in die Höhe schnellt, drückt die Schlagader den linken Stimmbandnerven ab, der linke Stimmlippe versorgt - die Patientin wird heiser.

Die Frau hat Glück, denn ein Aortenaneurysma kann lebensgefährlich sein: Es kann jahrelang ohne Beschwerden bestehen und ohne Vorwarnung reißen. Häufig kommt dann jede Hilfe zu spät, nur eine risikoreiche Operation kann die Patienten unter Umständen noch retten. Die Stuttgarter Ärzte schicken ihre Patientin zu den Gefäßchirurgen in der gleichen Klinik, wo das geweitete Stück der Hauptschlagader entfernt und durch eine Prothese ersetzt wird. Die Aorta kann dadurch den Nerven nicht mehr strapazieren.

Um ihre Gefäße zu schonen, muss die Patientin weiter blutdrucksenkende Medikamente nehmen, eine Sprachtherapie soll Folgen der zeitweiligen Stimmbandlähmung mildern.



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