Hamburger Studie Sogar ein milder Covid-Verlauf kann sich auf die Organe auswirken

Herz, Nieren, Lunge: Auch ein milder Covid-Verlauf kann offenbar Organfunktionen mittelfristig beeinträchtigen. Hamburger Forscher empfehlen eine Abklärung sechs bis neun Monate nach der Infektion.
Foto: Narcisa Palici / 500px / Getty Images

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Gut 6,5 Millionen Menschen in Deutschland werden offiziell als von Covid-19 genesen gezählt . Der größte Teil von ihnen hatte einen milden bis moderaten Verlauf der Erkrankung, also keine schwere Lungenentzündung. Dennoch kann die Infektion offenbar mittelfristige Spuren an Organen hinterlassen, wie eine in Hamburg durchgeführte und im »European Heart Journal«  veröffentlichte Studie zeigt. Dass Sars-CoV-2 nicht nur die Atemwege befällt, sondern viele Organe angreifen kann, ist schon länger bekannt.

Die Forschenden des Universitätsklinikums Eppendorf um Raphael Twerenbold und Stefan Blankenberg haben deshalb bei 443 Menschen mit nachgewiesener Sars-CoV-2-Infektion Herz, Blutgefäße, Lunge, Nieren und Gehirn rund zehn Monate später mit aufwendigen Tests untersucht und die Werte mit jenen von 1328 Menschen verglichen, die sich nicht mit dem Virus infiziert hatten.

Die zentralen Ergebnisse:

  • Das Lungenvolumen der Genesenen war im Vergleich um etwa drei Prozent reduziert und der Atemwiderstand war bei ihnen leicht erhöht.

  • Die Pumpkraft des Herzens war bei den Genesenen um ein bis zwei Prozent niedriger. Gleichzeitig war ein Blutwert erhöht, der anzeigt, dass das Herz belastet ist.

  • Bei den Genesenen gab es zwei- bis dreifach häufiger Anzeichen einer zurückliegenden Beinvenenthrombose, also eines Blutgerinnsels.

  • Die Nierenfunktion der Genesenen war etwa zwei Prozent niedriger als bei den Teilnehmenden der Kontrollgruppe.

  • Keinen Unterschied gab es bei den Tests zur Hirnfunktion, auch die Lebensqualität war bei den Genesenen nicht beeinträchtigt.

»Wir sehen geringfügige Schäden, ich würde von Spuren sprechen«, sagt Raphael Twerenbold vom Herz- und Gefäßzentrum des UKE. »Es kann sein, dass sich die Betroffenen gut fühlen und davon nichts bemerken. Wir wissen aber, dass etwa eine Abnahme der Pumpkraft des Herzens bereits um ein Prozent langfristig mit einer leicht schlechteren Prognose sowie einem erhöhten Risiko für eine Herzschwäche einhergehen kann, sofern sich im weiteren Verlauf keine vollständige Normalisierung zeigt.«

»Absolut kein Grund zur Panik«

Auch schon eine gering verschlechterte Nierenfunktion kann langfristig gesehen zu Problemen führen. Die Studienautoren und -autorinnen plädieren daher für eine systematische Nachkontrolle von Herz und Niere nach einer Covid-Erkrankung. Bei der Lunge raten sie nur bei Symptomen zu einer Abklärung.

»Es besteht absolut kein Grund zur Panik oder allgemeinen Verunsicherung. Wir empfehlen basierend auf den neuen Erkenntnissen vielmehr ein besonnenes, aber systematisches Vorgehen, idealerweise sechs bis neun Monate nach einer Sars-CoV-2 Infektion, zum Beispiel im Rahmen der nächsten Jahreskontrolle«, sagt Twerenbold. »Sollten spezifische Beschwerden wie anhaltende Atemnot bestehen, ist eine frühere Abklärung natürlich sinnvoll, bei Beschwerdefreiheit glauben wir jedoch, dass sechs bis neun Monate nach einer Infektion die Funktionen der Organsysteme wieder weitgehend in Balance sein sollten.«

Ziel sei dabei nicht, die Menschen zu identifizieren, bei denen es nur minimale Veränderungen gebe, sondern etwa jene, deren Herzpumpkraft um mindestens zehn Prozent gesunken sei, um dann gezielt eine Therapie zu starten.

Untersucht wurden im Rahmen der Studie 443 Menschen im Alter von 45 bis 74 Jahren, die im Jahr 2020 mit Sars-CoV-2 infiziert waren, was durch einen positiven PCR-Test nachgewiesen sein musste. Knapp 60 Prozent hatten einen milden Verlauf. Nur 31 von ihnen mussten im Krankenhaus, aber nicht auf der Intensivstation, behandelt werden. Die Kontrollgruppe bestand aus 1328 Menschen, die an der Hamburg City Health Study teilnehmen, einer großen Langzeitstudie in der Hansestadt. Sie wurden so ausgewählt, dass sie möglichst gut zu den 443 passten, unter anderem mit Blick auf Alter, Geschlecht, sozioökonomischen Status und Vorerkrankungen. Deren Untersuchungen waren kurz vor der Coronapandemie durchgeführt worden, sodass diese Teilnehmenden zum Zeitpunkt der Datenerhebung sicher noch nicht Covid-19 durchgemacht hatten.

Aufgrund der gesetzten Altersspanne sagt die Studie nichts darüber aus, welche Folgen ein milder oder moderater Covid-Verlauf bei Kindern, Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen haben kann. Auch über die neuen Coronavirus-Varianten oder den Nutzen der Impfstoffe kann die Studie nicht informieren, da die Teilnehmenden ja 2020 erkrankt waren, also vor Beginn der Impfkampagne und der Verbreitung von Alpha, Delta und Omikron. Und da die Teilnehmenden milde und moderate Covid-Verläufe hatte, lässt sich aus den Daten auch nicht ableiten, wie es Menschen nach einem schweren oder kritischen Covid-Verlauf geht.

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