Stuhltransplantation Der Bakteriencocktail muss stimmen

Bei einer Stuhltransplantation siedeln sich die Bakterien eines gesunden Spenders im Darm eines kranken Empfängers an, um etwa chronischen Durchfall zu bekämpfen. Die Mikroben der beiden sollten möglichst ähnlich sein.

Im Darm leben etwa hundert Billionen Bakterien
imago/ Science Photo Library

Im Darm leben etwa hundert Billionen Bakterien


Bei Stuhltransplantationen sollten Spender und Empfänger besser aufeinander abgestimmt werden, um die Wirkung zu verstärken. Darauf deutet eine Studie hin, in der ein Forscherteam die Darmflora der Empfänger nach dem Eingriff mehrfach analysierte. Jene Bakterienstämme, die bereits vorher im Darm des Empfängers lebten, siedeln sich demnach in den Monaten nach dem Eingriff besser an.

Die Kompatibilität zwischen Spender und Empfänger sei wichtiger als bisher angenommen, folgert das Team um Peer Bork vom European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg im Fachblatt "Science".

Gesunde Bakterien gestärkt

Bei Stuhltransplantationen werden Fäkalien eines gesunden Menschen in den Darm eines Menschen gebracht, bei dem sich krankmachende Bakterien verbreitet haben. Ziel ist, dass die gesunde Mikrobengemeinschaft die kranke wieder verdrängt. Bei wiederkehrenden Infektionen mit dem Darmkeim Clostridium difficile, der lebensbedrohliche Durchfallerkrankungen hervorrufen kann, liege die Erfolgsrate bei über 90 Prozent, schreibt das Team. Bei anderen Problemen wie etwa der entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa sei das Verfahren dagegen weniger wirksam.

In der Studie analysierten die Mediziner drei Monate lang, wie sich die Darmflora nach einer Stuhltransplantation verändert. Dabei beobachteten sie nicht nur, wie sich Bakterienarten entwickelten, sondern unterschieden auch zwischen den verschiedenen Stämmen einer Art. Insgesamt untersuchten sie 55 Proben von zehn Patienten. Die Empfänger hatten in den Monaten vor und nach dem Eingriff keine Antibiotika genommen, da diese die Darmflora mit angreifen. Zum Vergleich nutzten sie Daten von 48 gesunden Menschen.

Resultat: Nach der Operation siedelten sich im Darm der Patienten jene Mikrobenstämme am besten an, die bereits vorher dort lebten. Daher könne man die Erfolgchance des Eingriffs steigern, wenn man Spender und Empfänger besser aufeinander abstimme. Dabei geht es nicht nur um die Arten, sondern auch um die jeweiligen Stämme. Die Kompatibilität der Mikrobiome könne effizientere Therapien ermöglichen - etwa für Patienten mit einem anderen Befund als einer Infektion mit C. difficile, zitiert eine Mitteilung des EMBL Willem de Vos von der Universität Helsinki.

"Ein personalisierter Bakteriencocktail"

Das derzeit von Stuhlbanken angebotene Einheitsmodell sei klinisch vermutlich nicht angemessen, schreibt das Team. "Letztendlich besteht das Ziel darin, eine Stuhltransplantation in Form einer Pille zu entwickeln", sagt Erstautorin Simone Li vom EMBL. "Unsere Arbeit zeigt, dass es sich dabei höchstwahrscheinlich eher um einen personalisierten Bakteriencocktail handeln wird als um eine Patentlösung für alle."

In der Regel kommt es nach einer Stuhltransplantation nur kurzzeitig zu Verdauungsproblemen wie Durchfall, Magenkrämpfen oder Blähungen. Trotzdem bleibt immer eine gewisse Unsicherheit. Erst nach und nach begreifen Forscher, wie sehr Darmbakterien den Körper beeinflussen, vom Immunsystem bis zur Psyche. Welche langfristigen Folgen hat es, in dieses System so stark einzugreifen?

Ein Bericht etwa beschreibt den Fall einer Frau, die nach der Stuhltransplantation übergewichtig wurde. Forscher hoffen, auf die Frage bald auch in einem größeren Rahmen Antworten zu finden. Erste Studien sind dabei, ihre Patienten nicht nur drei Monate, sondern zehn Jahre nach der Transplantation zu begleiten.

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irb/dpa



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