Suizidgedanken Was Betroffene und Angehörige tun können

In Deutschland nehmen sich jedes Jahr fast zehntausend Menschen das Leben, ein Großteil von ihnen sind Männer. Dabei leiden die meisten Betroffenen unter Krankheiten, die sich behandeln ließen.

Vielen Menschen mit Suizidgedanken kann geholfen werden
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Vielen Menschen mit Suizidgedanken kann geholfen werden


Zwar geht die Zahl immer weiter zurück, trotzdem sind Suizide in Deutschland noch immer ein großes gesellschaftliches und gesundheitliches Problem. 2017 nahmen sich laut Statistischem Bundesamt 9241 Menschen das Leben - mehr als 25 pro Tag. Knapp 7000 von ihnen waren Männer, 2250 Frauen.

Damit sterben ungefähr so viele Menschen durch einen Suizid wie durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und den Missbrauch illegaler Drogen zusammen. Noch deutlich höher liegt die Zahl der Menschen, die versuchen, sich das Leben zu nehmen.

Dabei kann Menschen mit Suizidgedanken geholfen werden, auch wenn viele dies in der Situation selbst nicht erkennen können. Die wichtigsten Informationen für Betroffene und ihre Angehörigen am Welttag der Suizidprävention.

Wie gut kann Menschen geholfen werden, die Suizidgedanken haben?

Hilfsangebote können Suizide verhindern. "Im Vordergrund steht häufig nicht der Wunsch zu sterben, sondern die Vorstellung, so wie bisher nicht weiterleben zu können", sagt Psychiaterin Christiane Schlang, die an der Universität Frankfurt zum Thema Suizidprävention forscht.

Mehr als 90 Prozent der Menschen, die einen Suizid begehen, leiden unter einer eigentlich behandelbaren Erkrankung. Gerade bei Menschen mit psychischen Vorerkrankungen sei der Weg in den Suizid keine rationale Entscheidung, sondern ein Symptom der Erkrankung, sagt Schlang. Hilfe sei daher möglich. So sind Suizidgedanken etwa ein sehr häufiges Symptom einer Depression.

Welche Anzeichen für einen Suizid gibt es?

Oft gibt es Anzeichen, dass sich jemand über einen Suizid Gedanken macht. Zwar kündigten die wenigsten ihre Absichten offen an, so Schlang. Viele geben aber indirekte Hinweise, äußern zum Beispiel Gefühle von Hoffnungslosigkeit, sagen Sätze wie: "Es hat ja alles keinen Sinn mehr" oder "Irgendwann muss auch mal Schluss sein".

Zum Teil ordnen Betroffene der Deutschen Depressionshilfe zufolge auch ihre Angelegenheit, verschenken zum Beispiel ihre Wertgegenstände oder verabschieden sich von nahestehenden Menschen.

Trotzdem ist es nicht möglich, einen Suizid genau vorherzusehen. Manche Betroffene handelten auch aus einem Impuls heraus, dann gebe es überhaupt keine äußeren Anzeichen, sagt Schlang. Und wer fest zum Suizid entschlossen sei, wirke oft ruhiger, gefestigter und weniger verzweifelt. Mitmenschen könnten dann zu dem trügerischen Schluss kommen, es gehe wieder aufwärts.

Was können Angehörige tun?

Wichtig ist, Anzeichen oder Andeutungen ernst zu nehmen und Betroffene darauf anzusprechen. Manche Angehörige scheuen das, weil sie vermuten, dass die Frage nach dem Gefühlszustand die Betroffenen in ihren Suizidabsichten bestärken könnte. Das sei nicht der Fall, sagt Schlang: "Im Gegenteil, viele Betroffene verspüren ein Gefühl der Erleichterung, wenn sie über ihre Gedanken und Gefühle sprechen können. Sie wissen dann, dass sie nicht allein sind."

Wie sollten Angehörige auf Betroffene zugehen?

"Man sollte aufmerksam zuhören: fragen statt sagen", rät Schlang. Sinnvoll sei, die Formulierungen des Betroffenen aufzugreifen und beispielsweise zu sagen: "Du hast geäußert, dass du keinen Ausweg mehr siehst, das macht mir Sorgen."

Daneben empfiehlt sie, Betroffene zu fragen, wie akut sie ihren Handlungsdruck empfinden. Mit Fragen wie "Kannst du dir noch ein bisschen Zeit geben, um einen anderen Ausweg aus der Krise zu finden?" könnten Angehörige signalisieren, dass sie der Überzeugung sind, dass es eine andere Lösung als die Selbsttötung gibt, und Betroffene dazu bewegen, ihre Absichten zu überdenken.

Äußerst wichtig ist außerdem, Betroffene zu motivieren, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen - auch wenn das oft eine große Herausforderung ist. Im Zweifel sollten Angehörige auch Verantwortung übernehmen und Betroffene zum Arzt oder in eine Klinik begleiten, rät die Deutsche Depressionshilfe.

Welche Hilfsangebote gibt es?

Wer an Suizid denkt oder glaubt, jemanden zu kennen, sollte sich schnell Hilfe suchen. Es gibt ein breites Angebot an Hilfen, das von ambulanten Angeboten und anonymer Beratung per Telefon oder online bis hin zu stationären Therapien reicht. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention hat folgende Hilfsangebote zusammengestellt:

  • Telefonseelsorge: Unter den Telefonnummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 können Betroffene und deren Angehörige rund um die Uhr anonym Hilfe suchen - kostenfrei und bundesweit. Die Telefonseelsorge bietet auch Unterstützung per E-Mail und Chat sowie im persönlichen Gespräch über ihre derzeit 27 Beratungsstellen.
  • Sozialpsychiatrische Dienste: In jeder Stadt und Gemeinde können sich Hilfesuchende an einen Sozialpsychiatrischen Dienst wenden. Die Mitarbeiter beraten und vermitteln bei Bedarf weitere Hilfe. Die Dienste sind meist den Gesundheitsämtern zugeordnet. Kontaktdaten wie Adresse und Telefonnummer erhält man über das kommunale Amt.
  • Deutscher Kinderschutzbund: Der DKSB betreibt zwei kostenlose und bundesweit erreichbare Hotlines: das Elterntelefon unter 0800/111 0 550 sowie das Kinder- und Jugendtelefon unter 0800/111 0 333. Zu festgelegten Zeiten beraten Mitarbeiter Eltern und Nachwuchs zu Sorgen aller Art.
  • Deutschen Depressionshilfe: Über die Webseite kann man je nach Ort nach Krisendiensten und Beratungsstellen suchen. In Notfällen sollte man jedoch immer den Notruf unter 112 anwählen.

Was ist, wenn jemand partout Hilfe verweigert und Angehörige Angst haben, dass die Person akut gefährdet ist?

"Wenn ein Mensch unmittelbar von Suizid bedroht ist, er aber in keiner Weise mehr über ein Gespräch erreichbar ist und nicht bereit ist, gemeinsam Hilfe aufzusuchen, so sollte zu seinem Schutz der Notarzt verständigt werden", schreibt die Deutsche Depressionshilfe. Der Betroffene sollte bis zum Eintreffen des Arztes nicht allein gelassen werden.

irb/AFP/dpa

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