Syphilis, Tripper, Chlamydien Wie SMS gegen Geschlechtskrankheiten helfen sollen

Jährlich erkranken Tausende Menschen in Deutschland an Syphilis, Tripper, Chlamydien oder anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Ein Bochumer Projekt soll es Betroffenen erleichtern, frühere Partner auf die Gefahr hinzuweisen.

DPA

Die Warnung kommt anonym per SMS oder E-Mail. "Ein Freund / eine Freundin von Ihnen hat eine Syphilisinfektion und möchte, dass Sie sich testen und behandeln lassen." Es folgen eine Telefonnummer und der Hinweis: "Vertraulich".

Solche kurzen Botschaften an bisherige Sexpartner können Patienten des Zentrums für sexuelle Gesundheit und Medizin "Walk in Ruhr" in Bochum seit diesem Sommer verschicken. Auf einer Webseite haben sie unterschiedliche Formulierungen zur Auswahl. Wenn gewünscht, kann man Empfänger auch nur vage auf ein "mögliches Gesundheitsrisiko" hinweisen. Das System funktioniert mit einem Passwort, das Patienten des Zentrums bekommen, um einem missbräuchlichen Versand der Warnungen vorzubeugen.

Noch immer ein Stigma

Auch in Zeiten, in denen Sex medial dauerpräsent ist, bleiben sexuell übertragbare Infektionen (STI) mit einem Stigma verbunden. Viele Betroffene trauten sich nicht, über ihre Beschwerden zu sprechen, sagt der Leiter des Zentrums, Norbert Brockmeyer.

Entsprechend wird in Deutschland seit wenigen Jahren wieder vor einer Zunahme von Erkrankungen gewarnt, die man teils schon überwunden glaubte, wie Syphilis und Tripper (Gonorrhoe). Bei Syphilis steigen die Fallzahlen seit 2010 wieder deutlich an, insbesondere in Großstädten wie Berlin und vor allem bei Schwulen. 2015 etwa registrierte das Robert Koch-Institut (RKI) fast 7000 Fälle in Deutschland

Bei Tripper meldet zwar nur noch Sachsen Fallzahlen - "da sieht man, dass die Zahlen schon nach oben schießen, ungebrochen, seit Jahren", sagte die Expertin für sexuell übertragbare Infektionen am RKI, Viviane Bremer. "In ganz Westeuropa ist die Tendenz ähnlich, dass sexuell übertragbare Infektionen wieder eher zunehmen." Sie sagt, es mangele an Bewusstsein für diese Krankheiten, vor allem bei den unter 25-Jährigen. Ausnahme: HIV.

Anzeichen der Krankheiten kennen

Um das Wissen bei Jugendlichen zu erhöhen, soll das Thema nun bundesweit stärker in den Mittelpunkt spezieller Schulstunden rücken, die von Ärzten gehalten werden. Das kündigte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) an. Dabei soll es darum gehen, Anzeichen der Krankheiten zu erkennen.

Insgesamt komme im Schnitt jeder zweite Patient spät mit seinem Problem zum Arzt, also erst, wenn schon ausgeprägte, teils nicht mehr heilbare Krankheitssymptome aufgetreten seien, sagt Nobert Brockmeyer, der auch Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft ist. Die anonymen SMS-Warnungen haben entsprechend auch das Ziel, die hohen Dunkelziffern bei STI zu senken. Mit dem System soll zudem das erneute Übertragen von Geschlechtskrankheiten vom unbehandelten zurück auf den therapierten Partner eingedämmt werden.

"Wir sind sehr daran interessiert, das Angebot auch bundesweit auszubauen", sagt Brockmeyer. Die SMS-Warnungen hält Epidemiologin Bremer für einen "super Ansatz". Oft sei es noch so, dass Frauen beim Gynäkologen behandelt würden, während betroffene Männer keine derartige Anbindung hätten - und erst einmal unbehandelt blieben.

Resistenzen erschweren die Behandlung

Dabei gelten diese Infektionen als gut behandelbar. Aber wie lange noch? Experten sind in Sorge, weil vermehrt Resistenzen gegen gängige Antibiotika beobachtet werden, insbesondere bei der Behandlung von Tripper. "Hier in Deutschland hatten wir bisher nur Einzelfälle", sagte Viviane Bremer. Verbreiteter seien die Resistenzen in Ostasien - bislang.

In geringerem Maß werden Resistenzentwicklungen auch bei Syphilis und Chlamydien beobachtet. Letztere gelten unter jungen Frauen und Männern als weitverbreitet, auch weil die Bakterieninfektion oftmals weitgehend symptomfrei verläuft. Unbehandelt können in manchen Fällen Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten die Folge sein.

Es ist nicht die einzige, sexuell übertragbare Infektion, die schwerwiegende Folgen haben kann. "Wir sehen mehr Karzinome, die durch Humane Papillomviren (HPV) ausgelöst wurden", sagt Brockmeyer. "Da müssen wir aktiver werden." Die Impfquoten bei Mädchen in Deutschland lägen mit gut 30 Prozent viel zu niedrig, auch im internationalen Vergleich. Die HPV-Impfung wird vor dem ersten Sex empfohlen und kann das Risiko für Gebärmutterhalskrebs verringern.

Grundsätzlich sei die Hürde, Geschlechtskrankheiten anzusprechen, für Frauen noch höher als für Männer, betont Brockmeyer. Sexuell übertragbare Infektionen würden bei ihnen gesellschaftlich weniger toleriert, Frauen hätten große Angst um ihren Ruf.

Wachsende Hemmschwelle

Bei Jugendlichen beobachtet der Experte sogar eher eine wachsende Hemmschwelle, über Geschlechtskrankheiten zu sprechen. Pornos seien zwar leicht schon für Zwölfjährige verfügbar - die Filme sorgten aber für verzerrte Maßstäbe die eigenen Geschlechtsorgane betreffend. Wer ohnehin mit dem eigenen Körper hadere, wolle im Falle eines Problems nicht auch noch mit dem Arzt darüber sprechen, so die Erfahrung.

Eine womöglich erfreuliche Entwicklung gibt es auch: Entgegen dem zunehmenden Trend bei sexuell übertragbaren Infektionen zeigte sich bei HIV im vergangenen Jahr mit rund 3400 Neudiagnosen ein leichter Rückgang im Vergleich zu den Vorjahren. Viviane Bremer sagt: "Wir wissen noch nicht, ob das tatsächlich ein neuer Trend ist - aber vielleicht ist es ja der Anfang einer Besserung."

Gisela Gross, dpa/wbr

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