Studie Raucher, die sozialverträglichen Bürger

Kosten Raucher die Allgemeinheit Milliarden, weil sie krank werden? Oder entlastet ihr frühes Ableben die Rentenkassen, so dass die Beitragszahler profitieren? Zwei Forscher haben das für Deutschland ausgerechnet.
Mit Zigarette unterwegs (Archivbild): Raucher sterben im Schnitt elf bis zwölf Jahre früher als Nichtraucher

Mit Zigarette unterwegs (Archivbild): Raucher sterben im Schnitt elf bis zwölf Jahre früher als Nichtraucher

Foto: SPENCER PLATT/ AFP

Rauchen ist ungesund. Die Tabaksteuer soll nicht nur dem Staat Einnahmen bescheren, sondern der hohe Preis von Zigaretten soll Rauchern ihr Laster vermiesen. Das vorweg.

Denn in der Untersuchung zum Thema Rauchen der Wirtschaftswissenschaftler Florian Steidl und Berthold Wigger vom Karlsruher Institut für Technologie steht dieses Detail im Hintergrund. Die beiden haben sich mit Kosten und Ersparnissen beschäftigt, die der Zigarettenkonsum in Deutschland verursacht.

Sie kommen zum Ergebnis, dass Rauchen die Sozialversicherten und Steuerzahler entlastet. "Weitere Tabaksteuererhöhungen lassen sich daher aus bloßer Kostenperspektive schwer rechtfertigen" schreiben sie im "Wirtschaftsdienst" . Zuletzt lagen die Einnahmen durch die Steuer bei rund 14 Milliarden Euro im Jahr, berichten sie.

Steidl und Wigger haben die Nettokosten des Rauchens untersucht, ihren Angaben zufolge ist es die erste Analyse dieser Art für Deutschland.

Vergleich: reale und Nichtraucher-Gesellschaft

Sie verglichen in ihren Modellrechnungen die reale Gesellschaft des Jahres 2011 mit einer, die nur aus Nichtrauchern besteht. Dem Modell zufolge konnten Menschen höchstens 89 Jahre alt werden. Anderen Untersuchungen zufolge sterben Raucher im Schnitt zwölf Jahre früher als lebenslange Nichtraucher, Raucherinnen verlieren durch die Sucht durchschnittlich elf Lebensjahre.

In der realen Gesellschaft rauchen rund 30 Prozent der Männer ab 15 Jahren, 24 Prozent sind Ex-Raucher und 46 Prozent haben nie geraucht. Bei den Frauen sind 21 Prozent Raucherinnen und 15 Prozent haben früher geraucht. 64 Prozent haben es nie.

  • Die Forscher beziffern die sogenannten externen Nettokosten der medizinischen Behandlungen von Raucherkrankheiten auf 65 Milliarden Euro.
  • Dazu kommen 18,5 Milliarden an Erwerbsminderungsrenten und 6,8 Milliarden, die aufgrund des Rauchens dienstunfähige Beamte erhalten.
  • Die Renten und Gelder für verwitwete Partner verursachen Mehrkosten von 67,1 Milliarden.
  • Dem gegenüber stehen Einsparungen von 158,4 Milliarden Euro der Rentenkasse sowie 35,5 Milliarden Euro, die nicht an pensionierte Beamte ausgezahlt werden müssen.
  • Unterm Strich ist die reale Gesellschaft damit um 36,4 Milliarden günstiger als eine nur aus Nichtrauchern bestehende.
  • Dazu kommen noch Tabaksteuereinnahmen von 375,7 Milliarden, die die Raucher laut dem Modell Zeit ihres Lebens zahlen.

Andere Forscher beziffern die jährlichen Kosten des Rauchens in Deutschland teils auf 30 bis 35 Milliarden Euro, teils auf bis zu 90 Milliarden Euro. "Das sind Bruttorechnungen, wir haben Nettoeffekte ermittelt", sagt Wigger. Wenn zum Beispiel ein Raucher mit 70 Jahren dem Lungenkrebs erliege, könne er nicht mehr mit 80 Jahren an Darmkrebs sterben. Und am Ende liege die Mortalität eben bei 100 Prozent und auch die Nichtraucher stürben.

2008 waren niederländische Forscher zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen: Gesunde, schlanke Menschen sind demnach für das Gesundheitssystem letztendlich teurer als Übergewichtige oder Raucher. Doch auch sie wiesen darauf hin, dass finanzielle Aspekte alleine ohnehin nicht das Hauptkriterium bei der Bewertung sein könnten. Das Ziel eines Gesundheitssystems sei nicht, dem Staat Kosten zu ersparen - sondern den Menschen Leid.

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wbr/dpa
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