Ein rätselhafter Patient Dunkles Jucken

Plötzlich beginnen einige ältere Tattoos eines 39-Jährigen zu jucken. Er wird fiebrig und fühlt sich abgeschlagen. Nach zahlreichen Tests vermuten die Ärzte: Der Auslöser sitzt an ganz anderer Stelle.

Tätowierter Mann (Symbolbild)
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Tätowierter Mann (Symbolbild)

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Der Mann trägt viele Tattoos, sie verzieren Oberkörper, Arme und Beine des 39-Jährigen. Doch nun jucken plötzlich einige der Tätowierungen. Ein paar Wochen lang unternimmt er deswegen nichts. Dann aber fühlt er sich abgeschlagen, hat grippeähnliche Symptome und Fieber. Abends geht es ihm besonders schlecht.

Nachdem sich mehrere Tage lang keine Besserung einstellt, sucht der Niederländer im April 2015 ärztlichen Rat. Die Mediziner notieren, dass nur einige ältere, schwarze Tattoos beziehungsweise schwarze Bereiche von Tätowierungen an Armen und Beinen betroffen sind. Neuere sowie bunte Tattoos dagegen jucken nicht und sehen auch nicht entzündet aus.

Bei den betroffenen Tattoos entdecken die Ärzte Knötchen unter der Haut, die sich zudem verhärtet hat. Die Haut ist warm, der umliegende Bereich leicht gerötet, wie die Ärzte im Fachblatt "Contact Dermatitis" berichten. Der Wert des C-reaktiven Proteins im Blut ist leicht erhöht, was unter anderem auf eine Entzündung deuten kann. Ansonsten sind die Blutwerte im normalen Bereich, das gilt auch für den Leberstoffwechsel. Ein Röntgenbild des Brustkorbs zeigt nichts Auffälliges. Die Mediziner schließen einige Krankheiten, wie etwa die sogenannte Sarkoidose, aus, berichtet ein internationales Team um Christa de Cuyper vom Krankenhaus AZ Sint-Jan im belgischen Brügge.

Die Ärzte entnehmen dem Patienten an einer betroffenen Stelle eine Hautprobe. Darin entdecken sie viele eingewanderte Immunzellen. Außerdem liegt eine sogenannte Parakeratose vor: Die Verhornung der Haut ist gestört.

Warum jetzt?

Offensichtlich reagiert seine Körperabwehr auf die schwarze Farbe. Aber warum nur auf diese? Und warum erst jetzt, viele Jahre nach dem Stechen der Tattoos? Die Mediziner haben zwar einen Verdacht, aber noch keine definitive Antwort.

Immerhin können sie dem Patienten helfen. Er erhält zunächst für vier Tage eine höhere Dosis Prednison, der Wirkstoff dämpft das Immunsystem. Die Behandlung schlägt an, die grippeähnlichen Symptome, seine Abgeschlagenheit und das Fieber verschwinden. Anschließend senken die Ärzte die Dosis schrittweise. Absetzen kann er das Mittel jedoch nicht. Wann immer er es versucht, kehren die Symptome zurück.

Der Mann hat nicht nur mit juckenden Tattoos zu kämpfen. Seit Langem leidet er unter Rückenschmerzen. Er wurde bereits zweimal an der Wirbelsäule operiert, ein Jahr sowie 2,5 Jahre vor dem Beginn der nun vorliegenden Beschwerden. Dabei erhielt er im Bereich der unteren Wirbelsäule zwei Implantate, sogenannte Cages. Sie bestehen aus Kunststoff, sind allerdings mit Metallschrauben befestigt. In letzter Zeit nehmen die Schmerzen wieder zu.

Im September führen die Ärzte einen Allergietest durch, bei dem sie die möglichen Allergieauslöser zwei Tage auf der Haut des Mannes belassen. Die schwarze Farbe der älteren Tattoos können sie leider nicht auftreiben. Aber sie prüfen unter anderem die Reaktion auf die im Rücken implantierten Materialien. An Tag zwei und vier zeigt sich keinerlei Ausschlag. Erst am sechsten Tag reagiert eine der Stellen - doch da können die Ärzte nicht mehr zuordnen, welches Material dort lag.

Die Beschwerden verschwinden

Im Oktober 2015 entfernt ein Chirurg die aus Metall bestehenden Implantatteile. Und binnen einer Woche verschwinden alle Beschwerden an den schwarzen Tattoos.

Als die Mediziner im Dezember noch einen Allergietest vornehmen, ist das Ergebnis eindeutig: Eine Lösung, in der eine der implantierten Schrauben lag, löst zwar keine Reaktion aus, als sie auf ein nicht-tätowiertes Hautstück aufgetragen wird. Aber auf einem der vorab betroffenen Tattoos kommt es nach dem Auftragen der Flüssigkeit wieder zu einer heftigen Reaktion: Es juckt und schwillt an - und auch alle anderen schwarzen Tattoos entzünden sich. Der Patient wird sogar erneut fiebrig und braucht eine Woche, um sich vollständig von diesem Test zu erholen.

Im Nachgang führen die Mediziner weitere Analysen durch, um den Auslöser ausfindig zu machen - auch der Patient selbst ist sehr daran interessiert, die Ursache zu erfahren. So lassen sie die chemische Zusammensetzung von drei Hautproben (nicht tätowiert, tätowiert, tätowiert und entzündet) sowie der entfernten Schrauben per Massenspektrometrie ermitteln. Eine entzündete Hautprobe schicken sie für weitere Untersuchungen zur European Synchrotron Radiation Facility in Grenoble, am deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wird ebenfalls eine Probe genauer untersucht.

Nach diesen Analysen vermuten sie, dass eine Immunreaktion auf das Metall Titan die Beschwerden verursacht hat. Es findet sich in Schrauben und Tattoos und bei einem weiteren Allergietest reagiert der Mann auch auf eine Titan-Lösung, während seine Haut beispielsweise auf Nickel - einen häufigen Auslöser von Kontaktallergien - nicht anspricht. Möglicherweise enthielt die alte schwarze Tattoofarbe metallisches Titan, schreiben die Experten im Fallbericht. Es wäre auch denkbar, dass eine Kombination mehrerer Substanzen die heftige Reaktion ausgelöst hat.

"Interessant ist, dass metallische Bestandteile der Schrauben wohl der entscheidende Faktor waren, die Immunzellen so weit anzuregen, dass es zu einer Reaktion in den Tattoos kam" so das Fazit.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
IntelliGenz 03.09.2017
1. als Tätowierer
hätte ich erwartet, daß den Ärzten bekannt ist, daß Titandioxid in Tätowierfarben vorhanden ist. Jede Grundfarbe ist zuerst sehr konzentriert und muss mit Weiß aufgehellt werden- daher ist in jeder Farbe Titandioxid enthalten. Daß jedoch Titandioxid oder Titanmetalle im Tätowierschwarz - auch in alten Tinten - enthalten sein sollen, ist mir neu. Kann gar nicht sein. Als Bodypiercer weiß ich, daß sich manche Titanlegierungen gar nicht so gut im menschlichen Körper verhalten. Besonders die reinen Titanverbindungen reagieren ständig mit Sauerstoff und Flüssigkeiten. Aus diesem Grund ist Piercingschmuck aus titan aus einer speziellen Legierung (Grad 5 ELI) und niemals aus den reineren Formen Grad 1 und Grad 2
widower+2 03.09.2017
2. Etwas unklar
Wäre der Patient nicht tätowiert gewesen, hätte es dann auch Reaktionen gegeben und wenn ja, welche, da nur die schwarz tätowierten Hautareale Reaktionen gezeigt haben?
Lampenluft 04.09.2017
3. Titandioxid eher unwahrscheinlich.
Titandioxid ist medizinisch eher unwahrscheinlich, zumal es als Pigment auch in Tabletten, Zahnpasta, Cremes usw. Im Übrigen gibt es vier unterschiedliche Formen von Titandioxid (gleiche Zusammensetzung, unterschiedlicher Molekülaufbau). Zudem hatten die neueren Tattoos nicht reagiert, daher ist TiO2 medizinisch unrelevant. Vermutlich wurde das Immunsystem des Körpers über die Tattoos primär sensibilisiert (diese waren bis zur Auslösung der Reaktion durch die unbekannte Ti-Verbindung problemlos) und durch den erneuten Kontakt über die Implantate ausgelöst. Hätte der Vorschaden nicht bestanden, dann wären vielleicht die Implantate problemlos gewesen, da die Primärreaktion erst dann statt gefunden hätte.
All Square 04.09.2017
4. Der soziale Rang wird dargestellt
also zumindest bei den Maori. Bei uns ebenfalls, allerdings diametral (wir leben ja auch auf der anderen Seite der Erde). Je mehr Tätowierungen in unserem Kulturkreis sichtbar werden, desto niedriger die soziale Stellung des Trägers. In sofern hält sich mein Mitgefühl mit derart Bemitleidenswerten in engen Grenzen. Ebenso wie sich meine Empathie für Metall-Genadelte nahe gen Null befindet. Auch hier könnten Ärzte den "Opfern" erklären, wie sehr sie ihrem Körper schaden; aber das würde/wird mangels Hirn nicht akzeptiert. Tätowieren müßte in einer aufgeklärten Gesellschaft als Körperverletzungen einen Straftatbestand erfüllen.
isikat 04.09.2017
5. Ich bin fasziniert vom Umfang dieser Untersuchungen
Bei uns hätte man als Kassenpatient überhaupt keine Chance, dass sich irgend jemand überhaupt um die Beschwerden kümmert. Kommt man mit unerträglichen Schmerzen in Rücken, Schultern und Arme ins Krankenhaus, dann wird eine Magenspiegelung gemacht, auch wenn der Magen gar nichts damit zu tun hat. Aber eine Magenspiegelung liegt im finanziellen Rahmen der Fallpauschale. Anschließend noch ein paar Röntgenbilder und ein Sono - das wars, dann wird man heimgeschickt, denn die Fallpauschale gibt nichts mehr her. MRT oder CT wäre zu teuer. Wenn man die Schmerzen nicht erträgt, ist es eben psychosomatisch und man wird fast gezwungen, Psychopharmaka zu schlucken. Das ist keine Vemutung, sondern eine Tatsache. Mir so passiert in Stuttgart. Ein Jahr später wurde ambulant der Grund gefunden. Ein MRT hätte es von vorne herein geklärt und einen sehr langen Leidensweg abgekürzt. Ein Hoch auf das deutsche Gesundheitssystem, eines der besten überhaupt. Dies ist kein Einzelfall. 3 x in verschiedenen Krankenhäusern wegen verschiedener Probleme, dreimal dasselbe Drama. Hausarzt? Beklagt sich nur, er würde an Kassenpatienten nichts verdienen und schiebt einen schnell wieder raus. Großes Blutbild wird nicht mehr gemacht, der Laborbonus wäre sonst in Gefahr. Ich könnte Romane schreiben über unser glorreiches Gesundheitswesen, aber ich habe schon längst resigniert.
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