"Tatort"-Faktencheck Wie unausweichlich ist der Gifttod?

Weil ein Polizist im Weimar-"Tatort" Gift geschluckt hat und es kein Gegenmittel gibt, muss er sterben. Sagt die Rechtsmedizinerin. Stimmt das? Ein toxikologischer Faktencheck.

Die Kommissare und "der scheidende Schupo"
MDR/ Anke Neugebauer

Die Kommissare und "der scheidende Schupo"

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Lupo wird sterben, kein Zweifel, ganz sicher. Denn Ludwig Maria Pohl (gespielt von Arndt Schwering-Sohnrey), ein Schutzpolizist aus Weimar, wurde vergiftet. Er hat Rizin im Blut. "Rizin ist eines der potentesten Gifte der Welt", sagt der Weimarer "Tatort"-Kommissar Lessing (Christian Ulmen) zu seiner Ehefrau und Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner). "Der Biss einer Mamba ist ein Mückenstich dagegen." In spätestens 72 Stunden sei Schluss, ein Gegengift gebe es nicht - da kann man der Tante auch schon mal vorab das Beileid bekunden.

Okay, am Ende kommt es doch anders. Der dahinsiechende Lupo erhebt sich von seinem Totenlager, denn ein Wunder ist geschehen: In seinem Blut schwimmt nicht nur Rizin, sondern auch Antikörper dagegen. "Das ist extrem selten", ruft Rechtsmedizinerin Seelenbinder (Ute Wieckhorst) freudig, und - fast - alle sind wieder glücklich.

Die Frage, wie realistisch der Mordanschlag ist, mag bei der Tschirner/Ulmen-üblichen Portion Humor haarspalterisch klingen - interessant ist sie dennoch. Denn Rizin ist zwar ein gefährliches Gift. Ein paar Details relativieren die ganze Geschichte aber doch.

Ist der Schupo Lupo sicher dem Tode geweiht, weil die Rechtsmedizin Rizin in seinem Blut gefunden hat?

Nicht unbedingt. Zunächst ist es nach Angaben von Toxikologen schon schwierig, Rizin überhaupt im Blut zu finden, wenn es geschluckt wurde. Denn das Protein wird schnell an verschiedene Körperzellen gebunden und dann verstoffwechselt. Selbst bei einer tödlichen Dosis ist das Gift also nicht unbedingt im Serum nachweisbar.

Aufgrund der Konzentration im Blut kann daher auch kein direkter Rückschluss darauf gezogen werden, wie viel der Vergiftete zu sich genommen hat. Wie bei allen gefährlichen Substanzen gilt aber auch bei Rizin: Die Dosis macht das Gift.

Dass Lupo stirbt, ist auch deshalb nicht sicher vorhersagbar, weil der Körper sich bei einer Vergiftung meist selbst versucht zu helfen: Das Toxin löst schweres Erbrechen und blutige Durchfälle aus, die Substanz wird damit aus dem Körper herausgespült. Bei der Analyse von mehr als 876 unbeabsichtigten Vergiftungen durch Rizinverzehr, die bis ins Jahr 1888 zurückging, zählten Toxikologen nur 13 Todesfälle (1,5 Prozent).

Könnte man durch vergifteten Kuchen sterben?

Lupo hat sich gleich zwei Stücke Kuchen, die mit dem Gift versetzt waren, einverleibt. Möglich ist es daher durchaus, dass er daran stirbt. Rizin steckt, so doziert es Kommissar Lessing ganz richtig, in der Samenschale des Wunderbaums, auch Ricinus communis genannt. Die hübschen, braunen Samen sind vermutlich Schuld daran, dass es immer mal wieder bei Kindern zu versehentlichen Vergiftungen kommt, weil sie die Samen verschlucken. Ein tödlicher Ausgang ist aber keinesfalls programmiert.

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Wie sieht es mit den Symptomen aus? Lupo schwitzt und stöhnt, springt dann wieder aus dem Klinikbett, nimmt eine Geisel, gewinnt zwei Nahkämpfe, kriecht am Boden und schlummert schließlich friedlich in seinem Bett.

Typische Symptome einer Rizin-Vergiftung sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchkrämpfe, Koliken bis hin zu Krampfanfällen. Davon ist bei Lupo wenig bis gar nichts zu sehen. Ebenfalls dazu zählen natürlich auch Fieber, Schwitzen und Stöhnen. Friedliches Schlummern ist ohne Schmerzmittel wohl kaum möglich. Und Nahkämpfe würden in der Realität vermutlich anders ausgehen.

Am Ende legt Lupo sich zum Sterben ins Bett. Können Ärzte bei einer Rizin-Vergiftung denn gar nichts tun?

Doch, es gibt sogar eine ganze Reihe von Maßnahmen, die Intensivmediziner im Krankenhaus ergreifen würden. Dazu zählen etwa eine Magenspülung kurz nach der Toxinaufnahme und so früh wie möglich die Gabe von Schmerzmitteln und Aktivkohle, die das Gift aus dem Darm schleusen soll. Weiterhin würden die Elektrolyte überwacht und der Kreislauf stabilisiert werden. So haben es auch die "Tatort"-Macher dargestellt, bevor Lupo, dem im Angesicht des vermeintlich drohenden Todes ziemlich viel egal ist, aus der Klinik flieht.

Und ein Gegengift gibt es nicht?

Bis heute ist weltweit tatsächlich kein Antidot gegen Rizin bekannt. In verschiedenen Labors wird intensiv geforscht, und es gibt schon kleine Erfolge in Tierversuchen. Zugelassen ist aber noch kein Wirkstoff. Antikörper, wie Lupo sie im "Tatort" entwickelt hat, wären Wissenschaftlern eine große Hilfe.

Könnte es denn sein, dass Antikörper Lupo vor dem Tod geschützt haben?

Bis das Immunsystem spezifische, also maßgeschneiderte Antikörper produziert hat, vergehen sieben bis zehn Tage. Diese Möglichkeit scheidet also aus, denn die Rechtsmedizinerin überbringt die frohe Botschaft zum Zeitpunkt des errechneten Todes, also bereits 72 Stunden nach Verzehr des Giftes.

Eine weitere - theoretische - Option wäre, dass Lupo schon einmal in seinem Leben mit Rizin in Kontakt gekommen ist und sein Immunsystem schon damals Antikörper produziert hat. Im Falle eines erneuten Kontaktes sind diese schnell abrufbar. Von einer Erst- und Zweitvergiftung ist im "Tatort" aber keine Rede. Es bleibt wohl dabei: Lupo ist eben ein Wunder.



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