Leben mit Behinderung Lucas, taub, blind - neugierig

Beim Essen erzählt Lucas vom Schwimmen in der Schule - seine Hände führen die Hände seiner Betreuerin durch den Raum. Der Neunjährige kann weder sehen noch hören, stattdessen erfühlt er seine Welt.

Karl-Josef Hildenbrand/ DPA

Seit seiner Geburt kann Lucas weder sehen noch hören. Wenn andere Kinder nicht zuhören möchten, laufen sie weg oder halten sich die Ohren zu. Bei Lucas ist das anders, für ihn sind die Hände der Schlüssel zur Welt. Mit Handbewegungen beschreiben seine Gesprächspartner Dinge und Tätigkeiten - ähnlich wie bei der Gebärdensprache. Nur dass der Neunjährige die Bewegungen nicht sieht, sondern erfühlt. Möchte er keinen Kontakt, entzieht er seine Hände.

Heute will Lucas zuhören. Der Junge mit dem hellblonden Kurzhaarschnitt wird seit seiner Geburt vom Würzburger Blindeninstitut gefördert. Seit fünf Jahren lebt er in einer Wohneinrichtung, gemeinsam mit vier weiteren Jungen aus Bayern.

Erzieherin Stefanie Tröster führt Lucas in den Wohnraum. Sie geht hinter ihm und hält ihn sanft an beiden Armen. Nach ein paar Schritten löst sich Luca, tastet sich an der Wand entlang und geht allein in die Küche. Tröster bereitet ihm eine Kiste mit Essen vor, die sie gemeinsam zum Tisch tragen.

Um Lucas mitzuteilen, dass er nun essen kann, legt sie ihre Hände unter seine - die Hände des Sprechers liegen beim taktilen Gebärden immer unten - und führt seine Hand zum Mund, die Gebärde für Essen. Danach streicht sie mit ihrer Hand über seine. Lucas versteht: Er soll sich sein Brötchen schmieren.

Lucas gebärdet beim Essen von seinem Tag

Nacheinander nimmt Lucas die Gegenstände aus der Kiste, fühlt die Brottüte und hält sich die Wurstpackung ganz dicht vor sein linkes Auge. "Auf dem linken Auge hat Lucas einen winzigen Sehrest, mit dem er noch Farben wahrnehmen kann", sagt Tröster. Da die Sehkraft weniger als zwei Prozent beträgt, ist er per Definition blind. Auch den orangefarbenen Saft betrachtet Lucas ganz nah. Beim Einschenken hält er seinen Finger im Glas an die Stelle, bis zu der er es füllen möchte. Seine Bewegungen brauchen Zeit, sind aber eingespielt.

Etwa 9000 Taubblinde leben nach Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Taubblinden in Deutschland, der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund spricht von mehr als 370 Taubblinden in Bayern. Wie viele es genau sind, wird statistisch nicht erfasst.

Lucas gebärdet beim Essen von seinem Tag. In der Schule war er beim Schwimmen. An seinen Fingern zählt er ab - noch fünfmal schlafen, dann darf er wieder ins Becken. Lucas' Gebärden sind teils schnell verständlich, wie das "Ja": eine Faust, die wie der Kopf nickt. Teils erschaffen er und seine Betreuer eigene Zeichen.

Jede Person in Lucas' Umfeld bekommt eine Gebärde. Sein Mitbewohner Patrick hat kurze fransige Haare. Die Gebärde für ihn ist Streichen über die Stirn. "Besonders wichtig sind für Lucas Erkennungsarmbänder, an ihnen erfühlt er Personen", sagt Taubblindenassistentin Tabea Sadowski. Sie hat ihrem Schüler einen Großteil des taktilen Gebärdens beigebracht.

Der Körper als Maßeinheit

Ihr Schützling hat ein sogenanntes Cochlea-Implantat, das Audiosignale an das Gehirn überträgt. Seit einem Dreivierteljahr kann Lucas damit etwas hören, aber seine Betreuer sind sich nicht sicher, ob er bereits in der Lage ist, Sprache von anderen Geräuschen zu unterscheiden. Selbst gibt er nur manchmal Laute von sich.

In Lucas' WG haben die Kinder aufgrund ihrer Schwerbehinderung nur wenig Kontakt untereinander - der Neunjährige ist einer von zwei Jungen, die nicht im Rollstuhl sitzen. Alle haben ihr eigenes Zimmer, bei Lucas hängt darin eine Sprossenwand. "Weil wir wissen, dass Lucas trotz seiner Taubblindheit sehr vorsichtig und koordiniert ist, hat er die Sprossenwand bekommen", erklärt Frederik Merkt, Leiter des Jugendwohnens.

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Diese Besonderheit hebt auch Barbara Büchner hervor. Sie trainiert Lucas' Mobilität - übt mit ihm, sich zu orientieren. "Lucas ist sehr neugierig, was ungewöhnlich für taubblinde Kinder ist", sagt sie. Leben ohne die zwei wohl wichtigsten Sinne - Lucas kann das. Er nutzt seinen Körper als Maßeinheit. Auch sein Blindenstock hilft ihm. Lucas misst alles aus.

Den Weg zur Schule kennt der Neunjährige auswendig, sein Gedächtnis ersetzt seine Augen. Zimmer der Lehrer erkennt er an ertastbaren Holzsymbolen an den Türen. Am Anfang sei Lucas nur schwer für den Langstock zu begeistern gewesen, erzählt Büchner. "Wir haben dann ein leuchtendes Laser-Schwert umfunktioniert, das hat ihn fasziniert." Es sind solche kreativen Ideen, die Lucas Lebensqualität geben. Und vor allem seinem Drang gerecht werden, kontinuierlich Neues zu entdecken.

irb/dpa, von Carlotta Sauer



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