Telemedizin Ärzte streiten über Verbot von Online-Diagnosen

Diagnose per Videokonferenz oder E-Mail: Telemedizin soll dem Ärztemangel auf dem Land entgegenwirken. Doch wie gut kann ein ärztliches Online-Urteil sein? Während in Deutschland ein Fernbehandlungsverbot gilt, sind andere Länder liberaler.
Arzt am Computer: Telemedizin soll dem Ärztemangel entgegensteuern

Arzt am Computer: Telemedizin soll dem Ärztemangel entgegensteuern

Foto: Marijan Murat/ dpa

Berlin - Mit Verdacht auf Schlaganfall wird ein Patient in ein Krankenhaus eingeliefert. Er kann seine Arme nicht mehr gleichzeitig bewegen. Während er den rechten ohne Probleme hebt, bleibt der linke liegen. Schlaganfall, urteilt ein Neurologe - ohne den Patienten jemals in natura gesehen oder berührt zu haben. Die Diagnose fällt er per Videokonferenz. Vor Ort assistiert ihm ein Arzt, der auf Schlaganfälle allerdings nicht spezialisiert ist. Nach der Voruntersuchung des Patienten hatte er die Daten an den Neurologen einer größeren Klinik geschickt, der jetzt live zugeschaltet ist.

Was nach Zukunftsmusik klingt, könnte einer der ersten Schritte zur Digitalisierung der Medizin sein. Online Diagnosen stellen und Ärzte per Videochat unterstützen, das könnte nach Meinung von Vertretern der Telemedizin den Mangel an Ärzten in ländlichen Regionen mit lösen. "Wir können dadurch ärztliche Expertise dorthin bringen, wo sie nicht vorhanden ist, aber benötigt wird", sagt Wolfgang Loos von der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin .

Doch Diagnosen aus dem Netz sind unter Ärzten und Kassen umstritten. In Deutschland wäre eine Online-Diagnose von Schlaganfallpatienten ohne den Mediziner vor Ort verboten. Ärzte dürfen keine Diagnosen stellen, ohne einen Patienten jemals unmittelbar behandelt zu haben - das gilt auch für die Telemedizin. So steht es in der Berufsordnung für Ärzte .

Telemedizin in vielen Ländern schon gängige Praxis

In anderen Ländern sind Ferndiagnosen ohne unmittelbaren Patientenkontakt gängige Praxis - und legal. In der Schweiz etwa beraten professionelle Ärzte beim Unternehmen Medgate telefonisch. In manchen Fällen stellen sie auch Rezepte aus. "Wir glauben, dass sich das irgendwann auch in Deutschland durchsetzen wird", sagt Loos.

Ein Aufheben des Fernbehandlungsverbots wird von Ärzten und Krankenkassen kritisch gesehen. "Jeder Patient ist anders", sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Roland Stahl. Der Vorsitzende des Telematik-Ausschusses der Bundesärztekammer (BÄK) , Franz Bartmann, stimmt Stahl zu. "Da, wo ein Arzt mit seinen fünf Sinnen mit einem Patienten in Kontakt treten muss, ist er durch Telemedizin nicht ersetzbar."

Erste Ansätze zum Aufheben des Verbotes gebe es aber auch in Deutschland, sagt Bartmann. Einige kassenärztliche Vereinigungen böten im Notdienst einen Telefonservice an, der bei eindeutiger Beurteilung des Krankheitsbildes schon am Telefon Behandlungsempfehlungen gebe. "Da wird das Fernbehandlungsverbot schon ein wenig relativiert." Ein Modell à la Medgate ist Bartmann zufolge auf Deutschland nicht zur Gänze übertragbar. Das liege auch an den kulturellen Gewohnheiten. "Der Begriff 'Ich geh' mal schnell zum Arzt' wird hier von vielen wörtlich genommen."

Seit Ende Oktober ist außerdem die EU-Richtlinie zur Patientenmobilität vollständig  in Kraft: Damit können sich Versicherte innerhalb der EU in einem anderen EU-Land behandeln lassen. Die Kosten dafür übernimmt die heimische Krankenkasse entsprechend dem Betrag, der für die Behandlung im eigenen Land übernommen wird. Die Richtlinie schreibt zudem fest, dass der am Sitzort des Arztes geltende Rechtsrahmen auch bei der telemedizinischen Behandlung im Ausland anzuwenden ist.

Für Portale wie die umstrittene britische Online-Praxis Dr.Ed, deren Sprechstunden von Tausenden deutschen Patienten besucht wird, ein Fortschritt: Auch im Ausland ausgestellte Rezepte etwa können somit in Deutschland eingelöst werden. Damit sei die Wahlfreiheit der Patienten und somit ihre Rechte gestärkt, schrieb Dr.Ed in einer Pressemitteilung.

"Technisch alles möglich"

Der digitalen Medizin steht aber auch das lahmende Internet auf dem Land im Weg. IT-Experten forderten kürzlich in einer Infratest-Studie, das Netz müsse insgesamt deutlich schneller werden - allem voran in ländlichen Regionen, wo es oft schon an der Mindestgeschwindigkeit scheitert. "Auf dem Land gibt es kein vernünftiges Breitband", sagt Infratest-Geschäftsführer Robert Wieland. Dabei werde die gesundheitliche Versorgung immer stärker über Computer stattfinden. "Das ist im Gesundheitssystem erforderlich, um das System überhaupt noch finanzieren zu können."

Telemediziner Loos sagt, die technischen Voraussetzungen zur Bild- und Datenübertragung seien bereits heute gegeben. "Der Kardiologe oder der Chirurg kommt per Videokonferenz ins Pflegeheim - das ist technisch alles möglich."

Gesetzlich ist die Idee erst abgesichert, wenn eine Studie den Nutzen telemedizinischer Anwendungen klar definiert. Diese Studien sind jedoch langwierig. Das zeigt eine gerade begonnene Untersuchung zur Telemedizin bei Herzinsuffizienzpatienten in Berlin und Brandenburg. Mit ersten Ergebnissen wird erst 2016 gerechnet.

Wann und wie eine Digitalisierung der Medizin auf die Patienten zukommt, ist noch unklar. "Eines ist aber sicher", sagt Bartmann von der BÄK. "Wir können nicht mehr in jedem 800-Seelen-Ort für die medizinische Grundversorgung einen kompletten Arztsitz vorhalten." Ärzte in festen Immobilien werden seiner Meinung nach nicht allein die Lösung sein.

Steffen Trumpf, dpa/cib
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