Pläne der Regierung Kassenärzte wehren sich gegen zentrale Terminvergabe

Ob Orthopäde, Internist oder Dermatologe: Wer zum Facharzt muss, wartet laut einer Umfrage teils mehr als drei Wochen auf einen Termin. Die Regierung plant deshalb eine zentrale Servicestelle. Die Kassenärzte halten davon nichts.
Patient in einer Facharztpraxis für Chirurgie: Kassenpatienten müssen oft länger warten als Privatversicherte

Patient in einer Facharztpraxis für Chirurgie: Kassenpatienten müssen oft länger warten als Privatversicherte

Foto: Patrick Seeger/ dpa

Berlin - Jeder fünfte deutsche Patient (20 Prozent) wartet ein bis drei Wochen auf einen Termin beim Facharzt. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) , die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Demnach muss sich ein knappes Viertel der Befragten sogar länger als drei Wochen (24 Prozent) bis zu einem Termin beim Facharzt gedulden.

Um diese Wartezeiten künftig zu verkürzen, plant die Regierung die Einrichtung einer zentralen Terminservicestelle. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will noch in diesem Jahr einen Gesetzesentwurf vorlegen. Doch der Widerstand an den Plänen wächst: "Wir lehnen eine zentrale Lösung ab, da diese nicht nur die Arztfreiheit aufhebt, sondern auch dem Wunsch vieler Patienten entgegenläuft", erklärte Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Gleichwohl räumte er ein, dass man über neue Steuerungsmöglichkeiten nachdenken müsse: Es zeige sich, dass der ungesteuerte Zugang zu den Praxen dazu führe, dass es bei besonders stark nachgefragten Ärzten lange Wartezeiten gebe. Die KBV ist die bundesweite Vertretung der niedergelassenen Ärzte und handelt auch Honorarregelungen mit den Krankenkassen aus.

Nur 30 Prozent der Versicherten glauben an einen positiven Effekt

Das Gesundheitsministerium (BMG) dagegen will an den Terminservicestellen festhalten. Die genaue Ausgestaltung sei noch offen, sagte eine Sprecherin des BMG. Es gehe grundsätzlich darum, die ärztliche Versorgung zu verbessern. Schon jetzt böten manche größeren Krankenkassen den Patienten Hilfe bei Terminschwierigkeiten an.

Nach der aktuellen Umfrage, die jährlich von der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag der KBV durchgeführt wird, haben 36 Prozent der Versicherten von den geplanten Terminservicestellen gehört. Zwei Drittel der Befragten fänden eine solche zentrale Vergabestelle gut, jedoch glaubten nur 30 Prozent, dass sich damit Wartezeiten verkürzen ließen.

"Immerhin 72 Prozent der Befragten sagen, dass sie nicht zu irgendeinem, sondern zu ihrem Wunscharzt möchten. Eine zentrale Terminservicestelle kann solche Wünsche jedoch nicht berücksichtigen", sagte Gassen. Die Forschungsgruppe befragte vom 22. April bis zum 20. Mai insgesamt 6087 Bürger.

Allerdings, so lautet eines der Hauptargumente von Befürwortern der zentralen Terminvergabestelle, warten Kassenpatienten in der Regel deutlich länger auf einen Facharzttermin als Privatversicherte. Das zeigt auch die aktuelle KBV-Umfrage: Demnach bekam rund die Hälfte der Befragten, die bei einer privaten Kasse versichert sind, innerhalb von drei Tagen einen Facharzttermin. Bei den GKV-Versicherten war es dagegen weniger als ein Drittel.

Dagegen will die gesetzliche Krankenkasse Barmer GEK vorgehen und verlangt ein Ende dieser Bevorzugung. "Wir haben hier ein Problem, und die Ärztefunktionäre müssen es lösen", sagte Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK. Ihre Skepsis gegenüber dem Vorhaben der Regierung, eine Terminvergabe innerhalb von vier Wochen vorzuschreiben, sollten die Ärztevertreter aufgeben.

Mangelhafte Facharztversorgung in der Pflege

Auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, erklärte, insbesondere für die Pflegebedürftigen und die 700.000 Bewohner von Pflegeheimen müsse die zentrale Terminvergabe kommen. "Die Facharztversorgung ist hier mangelhaft."

Im Gegensatz dazu erklärte der NAV-Virchow-Bund, ein Fachverband der niedergelassenen Ärzte: "Die Politik sollte Abstand von den geplanten Terminservicestellen nehmen, da sich weder Ärzte noch Patienten davon eine Verkürzung von Wartezeiten, so sie denn bestehen, versprechen." Ihr Bundesvorsitzender Dirk Heinrich argumentierte, die aktuellen Wartezeiten schienen die Patienten weniger zu stören, würden aber von der Politik zu einem Problem hochstilisiert.

Der KBV-Umfrage zufolge haben die Versicherten zumindest subjektiv mit der Terminvergabe der Mediziner kaum Probleme. Nur einem von zehn Patienten dauerte es demnach zu lange, bis er einen gewünschten Termin bei seinem Arzt erhielt.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Maria Klein-Schmeink, sieht in den Terminservicestellen ebenfalls keine Lösung. "Sie sind bürokratisch und schränken die freie Arztwahl ein." Solange sich für die Behandlung von Privatversicherten weitaus höhere Honorare erzielen ließen, werde sich an der Ungleichbehandlung auch nichts ändern. "Nur durch eine Bürgerversicherung wird die Benachteiligung von gesetzlich Versicherten beendet."

cib/dpa/AFP
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