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13. März 2019, 15:26 Uhr

Krankes Kind von Impfgegnern

Tetanus-Behandlung kostet mehr als 800.000 Dollar

47 Tage lag ein Junge mit Tetanus auf der Intensivstation, seine Behandlung kostete mehr als 800.000 Dollar. Trotzdem wollen seine Eltern ihn weiter nicht impfen lassen.

Ein Sechsjähriger ist in den USA an Tetanus erkrankt, nachdem seine Eltern Impfungen abgelehnt hatten. Mehrere Wochen lang lag der Junge auf der Intensivstation, die Behandlungskosten summierten sich auf mehr als 800.000 Dollar. Zum Vergleich: Eine Tetanus-Impfdosis kostet zwischen 18 und 31 Dollar. Dennoch weigern sich die Eltern weiterhin, den Jungen gegen diese und weitere Krankheiten impfen zu lassen, berichten die US-Gesundheitsbehörden CDC.

Bei Tetanus handelt es sich um eine Erkrankung von Nerven und Muskeln, die durch das Gift des Bakteriums Clostridium Tetani ausgelöst wird. Sporen des Erregers kommen in der Erde vor, sie können über Wunden in den Körper eindringen. In der Regel führen die Bakterien innerhalb von rund einer Woche zu Beschwerden. Ohne Behandlung ist die Erkrankung lebensgefährlich, Betroffene können ersticken.

Der Sechsjährige in den USA erkrankte, nachdem er sich beim Spielen auf einem Bauernhof eine Platzwunde an der Stirn zugezogen hatte. Statt ihn zum Arzt zu bringen, säuberten die Angehörigen die Wunde selbst und nähten sie. Sechs Tage später entwickelte der Junge Krämpfe, er konnte seinen Mund nicht mehr richtig öffnen, um zu trinken, Hals und Nacken waren steif. Schließlich stockte auch noch die Atmung.

Wunsch zu trinken - doch er kann den Mund nicht öffnen

Ärzte brachten den Jungen per Hubschrauber in die Kinderklinik, wo er wochenlang künstlich beatmet werden musste. Da Reize seine Krämpfe verstärkten, lag der Sechsjährige in einem abgedunkelten Raum auf der Intensivstation, Ohrstöpsel dämpften Geräusche. Trotzdem entwickelte er starke Muskelkrämpfe, Schmerzen, Bluthochdruck, Herzrasen und Fieber von mehr als 40 Grad Celsius.

Erst nach mehr als sechs Wochen konnten die Ärzte die künstliche Beatmung beenden und den Jungen auf eine normale Station verlegen. 57 Tage nach seiner Einlieferung im Krankenhaus entließen die Ärzte den Jungen in eine Reha-Einrichtung, wo er weitere 17 Tage verbrachte. Dank der Behandlung endete die Infektion für den Jungen positiv: Einen Monat nach seiner Ankunft zu Hause konnte er wieder rennen und Fahrrad fahren.

Die Therapie der eigentlich vermeidbaren Erkrankung hatte jedoch ihren Preis. Neben den Qualen, die das Kind durchstehen musste, verursachte sie Krankenhauskosten in Höhe von 811.929 US-Dollar (umgerechnet rund 720.000 Euro). Damit war die Behandlung rund 72-mal teurer als ein durchschnittlicher Aufenthalt in einer US-Kinderklinik, berichten die US-Gesundheitsbehörden. Hinzu kommen Kosten für den Transport im Hubschrauber, die Reha und die anschließende ambulante Betreuung.

Wer die Ausgaben trägt, lässt der Bericht offen. In den USA ist es zumindest möglich, dass der Junge nicht ausreichend krankenversichert war und die Eltern das Geld selbst aufbringen müssen.

Kaum noch Tetanus-Fälle in Deutschland

Der Sechsjährige ist dem Bericht zufolge das erste Kind, das innerhalb von rund 30 Jahren in Oregon an Tetanus erkrankt ist. Auch in Deutschland haben Impfungen und Wundbehandlungen die Krankheitsfälle stark minimiert. Dem Robert Koch-Institut zufolge kommt es jährlich noch zu rund 15 Erkrankungen, die meisten Betroffenen sind ältere Erwachsene. Sie haben häufig keinen Impfschutz mehr.

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Für einen Schutz vor Tetanus sind mehrere Impfdosen notwendig. Bei Erwachsenen hält die Wirkung rund zehn Jahre an. Bei Kindern wird die erste Auffrischimpfung bereits vor der Einschulung empfohlen, eine weitere im Alter von neun bis 17 Jahren. Laut den aktuellsten Zahlen aus Deutschland waren 2016 knapp 95 Prozent der Kinder bei ihrer Einschulung gegen Tetanus geimpft.

irb

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