Ein rätselhafter Patient Atemnot nach Handverletzung

Eine Fehleinschätzung bringt einen Japaner in Lebensgefahr: Nach einem Unfall, bei dem der 49-Jährige ein Fingerglied verliert, versorgen die Chirurgen ihren Patienten nach fast allen Regeln ihrer Kunst - zwei Wochen später ringt er mit dem Tod. Was hatten die Ärzte übersehen?

Anatomie der Hand (Illustration): Lebensgefährliche Toxine durch Infektion
Corbis

Anatomie der Hand (Illustration): Lebensgefährliche Toxine durch Infektion

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Für die Handchirurgen im japanischen Omura sieht der Unfall nach Routinearbeit aus: Ein 49-Jähriger hat sich bei der Arbeit die rechte Hand zwischen einem Gaszylinder und dem Betonboden gequetscht. Das Endglied seines Mittelfingers wurde dabei abgetrennt, der Ringfinger ist gebrochen. Weil der Mann Handschuhe getragen hat, sieht die Wunde aber sauber aus. Ein Krankenwagen bringt den Verletzten mitsamt dem amputierten Glied ins National Nagasaki Medical Center.

Die plastischen Chirurgen, die über ihren Patienten im "Medical Journal of Case Reports" berichten, beginnen dort sofort mit dem, was in einem solchen Fall ihr medizinischer Standard ist: Sie betäuben die Nerven in der rechten Achselhöhle des Mannes und können so die Wunde mit viel steriler Flüssigkeit reinigen und kleine Teile der verletzten Haut abtrennen. Dabei gehen sie besonders vorsichtig vor, um die winzigen Blutgefäße und Nerven nicht noch weiter zu schädigen.

Obwohl Haut und Muskeln des amputierten Fingergliedes gequetscht sind und der Knochen teilweise zertrümmert ist, entscheiden sich die Ärzte dazu, es wieder anzunähen: Das Gelenk wird neu fixiert, die Venen und Arterien mit den Gefäßen in dem abgetrennten Fingerstück verbunden. Den Bruch im rechten Ringfinger richten die Chirurgen mit einer Metallschiene.

Nach der Operation geht es dem Patienten gut. Er bleibt zur Beobachtung und für die Wundversorgung im Krankenhaus. Doch die Fingerkuppe des Mittelfingers verfärbt sich langsam schwarz, sie wird nicht ausreichend mit Blut versorgt. Deshalb entscheiden sich die Mediziner nach zwei Wochen zu einem weiteren chirurgischen Eingriff: In einem sogenannten Schwenklappen verlegen sie ein Stück einer Arterie auf die Fingerkuppe, so dass diese wieder neu durchblutet wird.

Ein fataler Fehler

Sechs Tage später beginnt für den Mann eine Krankheitsodyssee, mit der niemand gerechnet hatte: Er klagt über zunehmende Rückenschmerzen, bekommt Muskelkrämpfe und kann seinen Kiefer kaum noch öffnen. Die Ärzte sind alarmiert. Sie inspizieren die Wunde rund um den neu verlegten Hautlappen - eine weißliche Flüssigkeit tritt aus. Sofort öffnen sie die Wunde und spülen sie mit steriler Flüssigkeit. Obwohl sie in der Wunde keine Keime finden, sind sie sich sicher: Der Mann hat Tetanus.

Das auslösende Bakterium Clostridium tetani kommt in der Erde oder in Staub vor und sondert bei einer Infektion lebensgefährliche Toxine ab. Weil die Ärzte die Wunde für sauber hielten, hatten sie ihrem Patienten nicht die normalerweise übliche sogenannte Simultanimpfung bestehend aus abgeschwächten Toxinen und Antikörpern gegeben - ein fataler Fehler. In ihrem Artikel schreiben sie: "Die Gabe der Toxine und der Antikörper hätten erfolgen müssen aufgrund der Annahme, dass der Mann keine Basisimmunität gegen Tetanus hat." Bei geimpften Personen hält die Schutzwirkung rund zehn Jahre an - in vielen Teilen der Welt, so auch in Japan, sind Menschen über 40 daher immer seltener geschützt.

Tetanus ist eine lebensgefährliche Erkrankung, die ohne Behandlung zur Erstickung führt. Auch dem 49-Jährigen geht es immer schlechter. Schon leichter Lichteinfall und die Reinigung der Wunde lösen bei ihm schwere Krämpfe aus. Er muss intubiert werden. Zehn Tage lang kämpft er mit Anfällen. Dann erholt sich sein Körper langsam.

Die Ärzte können seine Medikamente reduzieren, er kann wieder allein atmen. Zwölf Wochen nach dem Unfall kann der Mann gesund wieder nach Hause gehen, seine Wunden sind gut verheilt. Zurück bleiben aber die nach dem Unfall leicht gekrümmten Finger - aufgrund der schweren Tetanus-Erkrankung war eine frühe, gezielte Rehabilitation seiner Finger nicht möglich.

IMPFEN: DIE EMPFEHLUNGEN IM ÜBERBLICK
Impfen
Die Grundimmunisierung gegen Infektionskrankheiten beginnt bei Säuglingen bereits im zweiten Lebensmonat. Lebenslang sollten Eltern und Kinderarzt, später dann Patient und Hausarzt, darauf achten, dass der Impfschutz ausreicht. Impfungen schützen vor allem die Menschen, deren Immunsystem am wenigsten mit Infektionskrankheiten umgehen kann: Kleinkinder, Immungeschwächte und alte Menschen.
Mumps
Wer in Gesundheitsberufen, in Gemeinschaftseinrichtungen oder in Ausbildungseinrichtungen für junge Erwachsene arbeitet, nach 1970 geboren ist und nicht weiß, ob er gegen Mumps geimpft wurde oder nur einmal in der Kindheit geimpft worden ist, der sollte noch einmal geimpft werden. Außerdem jeder, der mit einem Mumpskranken Kontakt hatte und nicht oder nur einmal in der Kindheit geimpft wurde. Dann sollte es schnell gehen: Drei Tage nach dem Kontakt wäre eine Impfung wünschenswert.
Hirnhautentzündung
Zum Schutz vor einer sogenannten Meningitis wird gegen Meningokokken C-Bakterien geimpft. Dafür gibt es im zweiten Lebensjahr einmal eine Impfdosis. Fehlt diese, sollte sie bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden.

Die Stiko empfiehlt außerdem, einen sogenannten viervalenten Impfstoff gegen bestimmte Meningokokken-Stämme (Typen A, C, W-135 und Y) bei Risikopatienten und Reisenden in Länder mit besonders hohem Infektionsrisiko anzuwenden. Der Impfstoff wird jetzt auch für Kinder ab einem Jahr empfohlen.
Windpocken
Auslöser der Windpocken sind Varizellen. Gegen sie gibt es zwischen dem elften und 14. Lebensmonat eine Impfung, entweder gemeinsam mit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung oder frühestens vier Wochen danach.

Die Stiko empfiehlt, die gleichzeitige Impfung gegen Varizellen und Masern, Mumps und Röteln mit zwei verschiedenen Impfstoffen an verschiedenen Körperteilen vorzunehmen. Verwendet man einen Impfstoff, der alle vier Komponenten auf einmal enthält, steigt nämlich das Risiko für Fieberkrämpfe fünf bis zwölf Tage nach der Gabe leicht an.

Die Vorsichtsmaßnahme gilt aber nur für die erste Impfung, bei der zweiten im Alter von 15 bis 23 Monaten kann der Vierfachwirkstoff verwendet werden.

Sind Kinder oder Jugendliche nur einmal geimpft worden, sollten sie noch einmal geimpft werden.
FSME
Für die Menschen, die wegen beruflicher Risiken gegen Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) geimpft werden sollten, ist 2012 ein neues Risikogebiet hinzugekommen, der Saar-Pfalz-Kreis im Saarland.
Nachholimpfungen
Erwachsene sollten nachgeimpft werden, wenn ihr Impfschutz gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten oder Kinderlähmung nicht ausreicht. Muss sowieso gegen Tetanus geimpft werden, etwa bei einer Verletzung, sollte gleich der Kombinationsimpfstoff gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten verwendet werden.

Wer nach 1970 geboren wurde und in der Kindheit nur einmal gegen Masern geimpft worden ist oder nicht mehr weiß, ob er geimpft wurde, der sollte noch einmal geimpft werden - am besten gegen Masern, Mumps und Röteln gleichzeitig.
Impfkalender
Den Stiko-Impfkalender gibt es jetzt in 15 Sprachen, die Dokumente sind beim Robert Koch-Institut abrufbar.

Quelle: Robert Koch-Institut (RKI) und Ständige Impfkommission beim RKI, Stand: 30. Juli 2012.



insgesamt 27 Beiträge
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bert1966 28.10.2012
1. Woher stammt dieser
Aus dem japanischen Pendant der Bäckerblume ? Hier in Deutschland wären die behandelnden Chirurgen bereits wegen schwerem fahrlässigen Behandlungsfehler verklagt und auch verurteilt worden.
bernardmarx 28.10.2012
2. Langsam muss ich mich den vielen Kritikern dieser Artikelserie anschließen
So klingt es rätselhaft: "Atemnot nach Handverletzung" Und so klingt es ganz offensichtlich: "Wundstarrkrampf nach Arbeitsunfall mit blutender Wunde" Das einzig rätselhafte an der Artikelserie sind also die Überschriften und die offensichtiche Pfuscherei und Ahnungslosigkeit der Ärzte weltweit.
Ist das wirklich so? 28.10.2012
3. So langsam..
sind diese Artikel wirklich nur noch albern. An einer vergessenen Tetanusprophylaxe ist nun wirklich gar nichts rätselhaft, es handelt sich schlicht und einfach um einen Kunstfehler. Jeder Medizinstudent muss im Examen wissen, dass man bei einer Wunde - auch wenn sie sauber aussieht - den Impfstatus erheben und gegebenenfalls nachimpfen muss.
segeln10 28.10.2012
4. Ein klarer Kunstfehler
jeder Medizinstudent würde beim Examen durchfallen,würde er die Simultanimpfung vergessen zu erwähnen. Dennoch halte ich die Serie für gut. Da es normalerweise Usus ist,die Simultanimpfung zu machen,ist dieser Fall dennoch zuerst rätselhaft,denn wer denkt schon daran,dass eine üblicherweise vorgenommene Impfung vergessen wurde.
panteroo 28.10.2012
5. Fehlerpublik machen heisst den anderen helfen!
An all die klugen Schreiber, die sich darauf beschränken, hier den Kunstfehler entdeckt zu haben: Der Sinn der Veröffentlichung liegt daran, die anderen Kollegen zu warnen, nicht den gleichen Fehler zu machen. Wer sich hier im Kommentarbereich über den Originalartikel, der in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht wurde, aufregt, soll lieber "Bild" lesen, denn er hat keine Ahnung davon, wie wichtig es ist von den Fehlern der anderen zu lernen. Und man kann nur von Fehlern lernen, wenn sie publik gemacht werden (Transparenz). Danke an die Originalautoren und schade, dass SPON es verpasst hat, darauf hinzuweisen, dass diese Art des Umgangs mit Komplikationen (und die gibt es überall) vorbildlich ist...
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