Wirkstoff THC "Cannabis ist kein Wundermedikament"

Wollen Patienten Cannabis als Medikament nutzen, stoßen sie in Deutschland auf große Hürden. Die Neurologin Kirsten Müller-Vahl erklärt, wem THC wirklich helfen kann und warum die Krankenkassen die Kosten übernehmen sollten.
Hanfpflanze: "Es fehlt an großen Studien zur Wirksamkeit"

Hanfpflanze: "Es fehlt an großen Studien zur Wirksamkeit"

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Zur Person
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Kirsten Müller-Vahl ist Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Seit 1994 erforscht die Oberärztin die Behandlung des Tourette-Syndroms mit THC, dem Wirkstoff von Cannabis. Sie ist Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin. Kirsten Müller-Vahl wies als erste in Studien nach, dass Cannabis die Tics bei Tourette-Patienten lindern kann.Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin 

SPIEGEL ONLINE: Frau Müller-Vahl, im Internet geht das Gerücht um, es gebe eine "Cannabis-Verschwörung", ein Kartell aus Politik, Industrie und Wissenschaft wolle mit allen Mitteln die positive Nutzung von Cannabis verhindern. Wurden Sie jemals in Ihrer Cannabis-Forschung behindert?

Müller-Vahl: Es gibt bei der Cannabis-Forschung manchmal Zurückhaltung gegenüber neuen Ideen, aber ich würde nicht sagen, dass es mehr Hemmschuhe gibt als anderswo auch. Die Hemmnisse liegen bei der medizinischen Anwendung.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist der Weg, um in Deutschland an medizinisches Cannabis zu kommen?

Müller-Vahl: Die Patienten müssen eine Ausnahmegenehmigung zur Selbsttherapie mit Cannabis bei der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einholen. Das berechtigt sie dazu, Cannabis in der Apotheke zu kaufen, auf eigene Kosten, weil bislang keine Krankenkasse die Kosten übernimmt. Den Eigenanbau hat das BfArM bislang immer pauschal abgelehnt.

SPIEGEL ONLINE: Dagegen haben die Patienten jetzt geklagt.

Müller-Vahl: Richtig. Das Kölner Gericht hat entschieden, dass es nicht sein kann, dass es ein wirksames Medikament gibt, aber die hohen Kosten dem Patienten den Zugang dazu verwehren. Weil das Gericht nicht die Kassen zur Kostenübernahme verpflichten kann, hat es entschieden, dass das BfArM stattdessen den Weg über den Eigenanbau freimachen soll.

SPIEGEL ONLINE: Das BfArM hat nun Berufung gegen das Urteil eingelegt und begründet das mit medizinischer Qualitätssicherung. Tatsächlich gibt es aus medizinischer Sicht beim Eigenanbau einige Nachteile: Sie können die Dosierung nicht kontrollieren; Rauchen ist nicht besonders gesund. Und die Rauschwirkungen schränken den Patienten ein.

Müller-Vahl: Der beste Weg ist immer eine standardisierte Therapie. Ich hoffe auch, dass wir bald bessere Cannabis-Medikamente haben werden. Aber wenn Sie es mit einem Krebspatienten zu tun haben, der möglicherweise nur noch zwei Jahre zu leben hat - wer will dem Cannabis verwehren mit dem Argument, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht? Bei meinen Tourette-Patienten, die Cannabis womöglich über viele Jahre nehmen, haben Sie jedoch eine andere Situation.

SPIEGEL ONLINE: Beschränken die Rauschwirkungen nicht die Leute in ihrem Alltag?

Müller-Vahl: Das muss nicht sein. Bei vielen tritt bei regelmäßiger Einnahme ein Gewöhnungseffekt ein.

SPIEGEL ONLINE: Kann dieser dann nicht auch die gewünschten Wirkungen einschränken?

Müller-Vahl: Das wissen wir nicht, weil es an Langzeitstudien fehlt. Ich kann nur von den Erfahrungen meiner Tourette-Patienten berichten - manche von ihnen konsumieren seit Jahren Cannabis, die erwünschte Wirkung hat nicht nachgelassen.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt immer, es gebe für diese Leute keine Alternative zu Cannabis. Aber es gibt doch eine Reihe von bewährten Medikamenten zur Behandlung von Übelkeit und Appetitlosigkeit .

Müller-Vahl: Für die Erteilung der Ausnahmegenehmigung brauchen Sie einen ärztlichen Nachweis, dass nichts anderes geholfen hat. Sie können davon ausgehen, dass diese Patienten alles durchprobiert haben, was die Schulmedizin zu bieten hat.

SPIEGEL ONLINE: Daraus kann man aber nicht den Umkehrschluss ziehen, dass Cannabis nun für alle wirksam ist.

Müller-Vahl: Nein. Wie gesagt, es fehlt an großen Studien zur Wirksamkeit. Daher bleiben diese positiven Berichte Einzelfälle. Cannabis ist kein Wundermedikament. Es ist eine Ergänzung unseres therapeutischen Spektrums. Vielen Patienten können wir mit den bewährten Mitteln und Therapien helfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit den vielen anderen vermeintlichen Segnungen von Cannabis aus? Leute behaupten, es könne Krebs und Alzheimer heilen.

Müller-Vahl: Man könnte tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass es gegen alles wirksam ist. Das ist natürlich Unsinn. Letztlich sind es Einzelfälle, die keine Aussagekraft über eine allgemeine Wirksamkeit haben, aber die Basis für neue Indikationen bieten können. Im Gehirn und vielen Organen finden sich Cannabisrezeptoren. Das allein deutet auf ein großes medizinisches Potenzial hin.

SPIEGEL ONLINE: Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin hat eine Petition gestartet. Das Ziel: Die Krankenkassen sollen die Kosten für Cannabis übernehmen. Sie unterstützen das. Wieso?

Müller-Vahl: Weil ich als Ärztin in einem moralischen Dilemma stecke. Ich habe jede Woche Tourette-Patienten in meiner Praxis, die mir sagen, dass kein Medikament ihre Tics lindern kann, aber ein Joint habe ihnen geholfen. Die Patienten wollen nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten und die Kasse zahlt ihnen Cannabismedikamente nicht. Denen kann ich nicht helfen, obwohl ich weiß, dass es ein Mittel gibt. Ich finde, unser Sozialstaat muss hier eine Lösung finden. Besonders absurd finde ich das vor dem Hintergrund, dass die Krankenkassen überhaupt kein Problem damit haben, die Kosten für Tourette-Medikamente zu übernehmen, für die es auch keine Zulassung in Deutschland gibt, wo die Studienlage ebenfalls schlecht ist und die Präparate genauso teuer sind wie Cannabis-Medikamente. Da muss man schon andere Gründe vermuten als nur medizinische.