Karies-Behandlung Weniger Bohren könnte besser für die Zähne sein

Karies muss nicht immer radikal behandelt werden. Bei tiefem Befall dürfe ein Rest der Zahnfäule bleiben, sagen Forscher - dies erhöhe sogar die Rettungschancen des Zahns.
Zahnarztbohrer in Patientenmund

Zahnarztbohrer in Patientenmund

Foto: Corbis

Ein bisschen wie Marzipan sieht es aus, weich und bräunlich. Aber es ist nicht süß, sondern eine Volkskrankheit, immer noch. Eine fortgeschrittene Karies ist ungesund für den Zahn und seine Wurzel, deshalb greift der Zahnarzt zum Bohrer. "Drill and fill" heißt das in der englischsprachig dominierten Forschung - bohren und füllen. Aber wie tief bohrt man? Nun sagen Forscher: Bitte nicht mehr so tief.

Das wäre ein deutlicher Kurswechsel, der viele Zahnärzte verunsichert. Denn jahrzehntelang galt die Regel, die schon 1889 der amerikanische Zahnheilkundler Greene Vardiman Black aufgestellt hatte: "extension for prevention", also tiefe Karies gnadenlos entfernen, um ein erneutes Auftreten zu verhindern.

Der Nachteil: Ist die Karies schon weit fortgeschritten, also tief im Dentin  genannten Inneren, kann es sein, dass der Zahnarzt beim Säubern die Pulpa  eröffnet. So nennen Fachleute eine Verletzung des weichen Gewebes im Innern, das neben Blut- und Lymphgefäßen vor allem die empfindlichen Nerven enthält. Das zieht meist weitere Schmerzen und Zahnarzttermine nach sich, häufig auch die ungeliebte Wurzelkanalbehandlung. Die Chance, den Zahn noch lange zu behalten, sinkt.

Risiko für Pulpa reduziert

Deshalb wird das Standardvorgehen bei der Diagnose "tiefe Karies" nun infrage gestellt. Der neue Ansatz: Nach gründlicher Säuberung lässt der Zahnarzt ein kleines Areal des kariös veränderten Dentins direkt über der Pulpa, desinfiziert es und setzt darauf die Füllung.

Das, sagt Falk Schwendicke von der Charité in Berlin, "reduziert das Risiko deutlich, dass die Pulpa geschädigt wird". Und zwar um etwa 70 Prozent. "Bei tausend behandelten Zähnen sind das rund 300 Zähne, die keine Pulpa eröffnet hätten."

Zudem erhöhe das tiefe Bohren das Risiko für Komplikationen, auch wenn der Zahnarzt nicht den Nerv trifft. So kann laut Schwendicke in knapp einem Drittel der Fälle die Pulpa trotzdem so stark geschädigt sein, dass eine Wurzelkanalbehandlung nötig wird.

Mindestens ebenso häufig könne es Probleme mit der Füllung geben. Und keimfrei bekomme man das Loch ohnehin nicht, sagt der Forscher, der für seine Arbeit mit dem David-Sackett-Preis ausgezeichnet wurde  .

Bessere Prognose für Erhalt des Zahns

Am Beispiel eines 15 Jahre alten Jungen hat Schwendicke mit Kollegen berechnet, mit welcher Methode ein kariöser Zahn am längsten überlebt und welches Vorgehen am wenigsten kostet. Ergebnis: Die teilweise Karies-Entfernung erlaubt die beste Prognose  . Immerhin 53,5 Jahre bliebe der Zahn dann noch im Mund, in 41 Jahren wäre eine Wurzelkanalbehandlung nötig. Mit der kompletten Karies-Entfernung bliebe der Zahn 49,5 Jahre im Mund, eine Wurzelkanalbehandlung wäre nach 31 Jahren fällig.

Tiefe Karies nur unvollständig zu entfernen, könnte also vorteilhaft zu sein. "Das ist ein Paradigmenwechsel", sagt Diana Wolff von der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde der Universität Heidelberg. Schwendickes Arbeit "hat in der Zahnmedizin für Aufsehen gesorgt".

Doch viele Zahnärzte können sich nur schlecht mit dem Gedanken anfreunden, auf bestehende Karies eine Füllung zu setzen. "Das hört sich an, als würde man ein Haus in einen Sumpf hineinbauen", sagt Wolff. "Aber wir sprechen nur von einem bis eineinhalb Quadratmillimetern Restkaries. Die Innenränder bei einer tiefen Füllung ergeben das Zehn- bis Zwanzigfache an Klebesubstanz."

Allerdings ist die Datenlage noch dünn. Nur ein Dutzend Studien gibt es dazu, nicht alle von guter Qualität. Und über zehn oder mehr Jahre ist das Verfahren kaum erforscht. Entsprechend skeptisch ist bislang die Bundeszahnärztekammer: "Inwieweit diese Strategien langfristig Erfolg versprechend und gesundheitsökonomisch sinnvoll sind, bedarf weiterer Langzeitstudien."

Neues Verständnis von Karies

Ganz neu ist der Gedanke jedoch nicht. 2004 sichtete die Londoner Karies-Forscherin Edwina Kidd  die Studienlage bis zurück ins Jahr 1961 und kam zum Schluss, dass im Zahn belassene Karies nicht zum Fortschreiten der Krankheit zu führen scheint.

Klare Anleitungen für Praktiker gibt es noch nicht. Die optimale Vorbereitung vor der Füllung, das Erkennen der Grenze zwischen unwiderbringlich geschädigtem Dentin und infiziertem, aber remineralisierbarem Dentin - bislang ist das eine Gratwanderung.

Trotzdem, sagt Falk Schwendicke, habe sich bereits etwas grundlegend geändert: "Wir haben heute ein anderes Verständnis von Karies. Es ist keine Infektionserkrankung, deren Erreger ausgemerzt werden muss."

Vielmehr könne Karies kontrolliert werden - etwa durch Beeinflussung der verursachenden Faktoren. Also: zahngesunde Ernährung, Versiegelung der Zahnoberflächen zum Schutz vor Säuren, Fluoridierung. "Mit der Füllung ist nur das Symptom der Erkrankung Karies entfernt."


Zusammengefasst: Bei tiefem Karies gilt bislang: Alles wegbohren und füllen. Doch Studien zeigen, dass es für den Erhalt eines Zahnes besser sein kann, nicht alle von Karies betroffenen Stellen zu beseitigen. Ansonsten droht nämlich eine Beschädigung der weichen Pulpa im Innern, die neben Blut- und Lymphgefäßen vor allem die empfindlichen Nerven enthält. Noch aber fehlen vor allem langfristige Studien, welche die neue Behandlungsstrategie bestätigen.

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