Neue Medikamente Teuer, aber nicht besser

Bringen neu auf den Markt gekommene Medikamente tatsächlich einen Fortschritt? Eine Bilanz der Techniker Krankenkasse ist ernüchternd: Von 20 neuen Wirkstoffen erhält nur einer eine positive Bewertung - zu einem hohen Preis.
Apotheke: Kaum wirkliche Innovationen unter neuen Arzneien

Apotheke: Kaum wirkliche Innovationen unter neuen Arzneien

Foto: Adam Berry/ Getty Images

Neue Medikamente sind häufig nicht besser als ältere, kritisiert die Techniker Krankenkasse (TK) in ihrem "Innovationsreport". Für den Bericht analysierte ein Team um den Bremer Gesundheitsexperten Gerd Glaeske inzwischen zum dritten Mal neu zugelassene Arzneien.

Im jetzt vorgestellten Report geht es um die 20 Arzneien, die 2012 auf den Markt gekommen sind. Nur einem Medikament bescheinigen die Forscher einen eindeutigen Zusatznutzen: Zelboraf (Wirkstoff Vemurafenib), das gegen bestimmte Formen des schwarzen Hautkrebses eingesetzt wird.

Im Report sind vereinfachte Ampel-Bewertungen zu finden. Dort sind zwölf Präparate als rot eingeordnet, sieben gelb und nur eines grün. Trotzdem haben mehr als die Hälfte der Präparate schon ihren Weg in medizinische Leitlinien gefunden, an denen viele Ärzte ihre Behandlungen ausrichten.

2013 wurden 41.000 Packungen der 20 neuen Medikamente an TK-Versicherte abgegeben, heißt es in dem Bericht. 0,2 Prozent der TK-Versicherten erhielten demnach eines dieser Medikamente. Der damit erzielte Umsatz lag bei 27,5 Millionen Euro.

Suche nach der größten Rendite für die Pharmaindustrie

Bei neun der 20 Mittel handelt es sich um Krebsmedikamente. Zum Teil werden diese als sogenannte Orphan Drugs zugelassen, also als Therapieoption für sehr seltene Krankheiten. Dies ist möglich, wenn die Mittel etwa nur bei Patienten eingesetzt werden, in deren Tumor bestimmte genetische Marker gefunden wurden. Der Vorteil für den Hersteller: Durch die Zulassung gilt ein Zusatznutzen bereits als belegt, sie müssen diesen also nicht durch entsprechende Studien nachweisen. Insgesamt wurde der Zusatznutzen bei nur 12 der 20 neu zugelassenen Produkte vollständig bewertet, kritisiert der Report.

"Die Innovationen fokussieren sich auf die falschen Bereiche", kritisiert Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK. "Statt neuer Antibiotika stehen hauptsächlich Indikationsgebiete im Vordergrund, bei denen die Pharmaindustrie die größte Rendite erwartet."

Auf der Liste der Neuzulassungen steht immerhin ein Antibiotikum: Ceftarolinfosamil, das bei Infektionen mit multiresistenten Staphylokokken (MRSA) eingesetzt werden kann, dieses Mittel wird nur im Krankenhaus verwendet. Eine gute Bewertung hat es nicht erhalten. Es handle sich dabei um ein Cephalosporin der fünften Generation, ein Antibiotikum aus einer bekannten Familie, erklärt Glaeske. Man habe es also nicht mit einem dringend notwendigen Antibiotikum einer neuen Klasse zu tun, sondern mit einer Variation bekannter Substanzen.

Krebsmedikamente: von 4000 auf 100.000 Euro Jahreskosten

Den größten Umsatz machen Pharmaunternehmen mit Krebsmedikamenten. Im Jahr 2014 entfielen laut TK 20 Prozent der Arzneimittelausgaben auf diese Medikamente. Schon in den vergangenen Jahren waren ein Viertel bis ein Drittel der Neuzulassungen Krebsmittel.

Die TK beschreibt am Beispiel von Vemurafenib die Kosten-Problematik: Dem Mittel wurde ein beträchtlicher Zusatznutzen zugesprochen. Es wird Patienten gegeben, die schwarzen Hautkrebs haben, der nicht mehr operiert werden kann oder schon Metastasen gebildet hat. Bekommen sie Vemurafenib, leben sie knapp vier Monate länger als mit dem zuvor verfügbaren Vergleichsmedikament Dacarbazin - also im Schnitt 13,2 statt 9,6 Monate.

"Eine Heilung ist aber auch mit diesem Mittel nicht erreichbar", heißt es in dem Bericht. Die Lebensqualität der Krebskranken ist nicht besser als mit der Vergleichstherapie. Häufige Nebenwirkungen sind unter anderem Lähmungen von Gesichtsnerven. Die Jahrestherapiekosten für Dacarbazin liegen laut TK bei rund 4000 Euro, die für Vemurafenib bei etwa 100.000 Euro.

Hier wird ein weiteres Problem deutlich: Ein nach Vemurafenib zugelassenes Präparat, das ein Nachahmer von diesem ist, darf einen gleich hohen Preis abrufen. Obwohl es hier keine Hinweise gibt, dass es dem älteren, günstigeren Medikament überlegen ist.

Kasse fordert geheime Rabatte

Eigentlich sollte das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (Amnog) dazu führen, dass bei den Medikamentenverordnungen jedes Jahr Milliardenbeträge eingespart werden. Die TK beklagt, dass das Gesetz dieses Ziel verfehle. 2014 wurden demnach lediglich 320 Millionen Euro eingespart.

Die Kasse plädiert dafür, dass zumindest ein Teil der zwischen der gesetzlichen Krankenversicherung und Pharmaunternehmen ausgehandelten Rabatte geheim bleibt. Der Grund: Weil Deutschland als Referenzland für die Preisgestaltung in anderen Ländern gilt, ist es für Hersteller besonders wichtig, hierzulande hohe Preise auszuhandeln. Nicht öffentlich gemachte Rabatte würden dieses Problem entschärfen.

wbr
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